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Ein lebenslanger Dialog: «Ghost Stories»

Die Magie einer lebenslangen Verbindung: Siri Hustvedts literarisches Denkmal für Paul Auster. Was bleibt, wenn die Stimme verstummt, die einen über vier Jahrzehnte begleitet hat? Für die Autorin Siri Hustvedt war die Antwort unmittelbar: das Schreiben. Nach dem Tod ihres Mannes, der Literatur-Ikone Paul Auster, entstand mit «Ghost Stories» ein Werk, das weit über eine klassische Biografie hinausgeht. Es ist eine Einladung, die intellektuelle Verbindung und die tiefgreifende Liebe eines der berühmtesten Schriftstellerpaare der Moderne hautnah mitzuerleben.

VOM SCHMERZ UND TROST EINER LIEBE ÜBER DEN TOD HINAUS: SIRI HUSTVEDT SCHREIBT ÜBER IHR LEBEN MIT PAUL AUSTER

«Was wäre, wenn ich dir nicht begegnet wäre?» Eine Frage, die Paul Auster seiner Frau Siri Hustvedt während ihrer 43-jährigen Ehe oft stellte. Wie wären ihre Leben verlaufen, wenn die 26-jährige Nachwuchsdichterin Siri Hustvedt am 23. Februar 1981 nicht zu einer Lesung in Brooklyn gegangen wäre, wenn sie dort nicht dem 34-jährigen Dichter Paul Auster vorgestellt worden wäre, den sie später auf dem West Broadway küsste und kurz darauf heiratete und von dem sie sechs Jahre später eine Tochter, Sophie, bekommen sollte.

Magische Begegnung

Auster glaubte an lebensverändernde Zufälle, Hustvedt an die Magie des Augenblicks. Sie erinnert sich so: «Die magische Begegnung. Pauls Gesicht, sein Blick, nicht ganz in der Welt, nicht ganz auf die Welt gerichtet. Und dann, in derselben Nacht, nach stundenlangem Reden, sah er mich.» Ein Moment, in dem ihre Liebe begann, die Auster einmal mit einer Pflanze verglich. Liebe müsse organisch sein, wenn sie Bestand haben solle.

Indem sich unsere Bücher entfalteten und wir einander vorlasen, war es, als würden wir uns gegenseitig in die Träume schauen.

Siri Hustvedt

Intellektuelle Verbindung

Wachstum, Bewegung und intellektueller Austausch prägten die Beziehung des New Yorker Schriftstellerpaars bis zuletzt. «Was sich zwischen uns bewegte, war lebendig», so Hustvedt. «Wir haben einander genervt, geärgert, gereizt, aber nie gelangweilt. (...) Wir redeten und redeten und redeten.» An die Elektrizität ihres Dialogs und an ihre intellektuell-erotische Verbindung erinnert sich Hustvedt besonders gut.

Auf Augenhöhe

Als sich die beiden Anfang der 80er-Jahre trafen, stand sie am Beginn ihrer Karriere. Auster bewunderte die junge Frau und Dichterin, die ihn ihre Texte lesen ließ. «Kein Gegenüber ermunterte mich so wie Paul (...)», erinnert sich Hustvedt. Von Anfang an begegneten sie sich auf Augenhöhe. Als 1993 ihr erster Roman «Die unsichtbare Frau» erschien, mutmaßte ein Journalist, so ein Buch könne nur von Auster stammen. Der äußerte sich dazu immer wieder öffentlich und stellte klar: «Siri ist einer der klügsten Menschen, die mir je begegnet sind. Sie ist die Intellektuelle in der Familie, nicht ich.»

Siri Hustvedt
© Siri Hustvedt
Paul Auster

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University und verbrachte nach dem Studium einige Jahre in Frankreich. International bekannt wurde er mit seinen Romanen Im Land der le ...

Zum Autor | HerausgeberBücher von Paul Auster

Gemeinsame Geistesverfassung

43 Jahre lang lektorierten sie ihre Werke gegenseitig. Beide beschäftigten sich in jeweils eigener Form mit verwandten Themen wie etwa Identität. Sie ließen einander bewusst als Figuren in ihren Büchern auftauchen – etwa als «Siri» in «Stadt aus Glas» oder als «Boris» in «Der Sommer ohne Männer».  Doch vor allem der unbewusste Einfluss auf den jeweils anderen, der durch eine «gemeinsame Geistesverfassung» entstand, war für sie von entscheidender Bedeutung. «Wenn wir noch hundert Jahre länger zusammenlebten, würden wir zu ein und derselben Person werden», sagte Auster einmal.

Abschied vom «Wir»: Siri Hustvedt, Ghost Stories – Erinnerung an Paul Auster

Das Schriftstellerpaar war symbiotisch miteinander verbunden und ließ sich dennoch Raum und Geheimnisse. Blickt Hustvedt auf ihre gemeinsamen Jahre zurück, sieht sie vor allem eines klar. «(...) Weil ich ihn hatte, bin ich nicht, die ich war, als ich ihn kennenlernte, sondern jemand anderes – besser, wärmer, robuster, klüger.» Paul Auster erkrankte im Dezember 2022 an Krebs. Am 30. April 2024 starb er in ihrem gemeinsamen Haus in Brooklyn. Es war das Haus ihrer Liebeserklärungen, Dispute und Gewohnheiten – das Haus eines langanhaltenden Dialogs, der nun beendet ist.

Ich will mich deutlicher ausdrücken: Ja, ich trauere um Paul, aber meistens trauere ich um Siri und Paul. Ich trauere um das UND. Ich trauere um das Gefühl, das dieses UND mir in der Welt bereitete. Das UND, in dem er und ich einander überlagerten.

Siri Hustvedt

Spencer Ostrander
© Spencer Ostrander
Siri Hustvedt

Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Sie studierte Literatur an der Columbia University und promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Bislang hat sie sieben Romane publiziert. Mit Was ich liebte hatte sie ihren internationalen Durchb ...

Zur AutorinBücher von Siri Hustvedt

Ghost Stories – Ein Buch der Erinnerung

Als der Autor Paul Auster 2024 stirbt, beginnt die Autorin Siri Hustvedt zu schreiben. In «Ghost Stories» nähert sie sich dem Tod ihres Mannes, findet Worte für ihren Verlust und für ihre Trauer und setzt ihrer großen Liebe ein literarisches Denkmal. Über ein Buch der Erinnerung und Geistergeschichten, die Trost spenden.

«Ich lebe. Mein Mann, Paul Auster, ist tot. Er starb am 30. April 2024 um 18 Uhr 58 hier im Haus in Brooklyn, wo ich jetzt diese Worte schreibe.» So beginnt Siri Hustvedts Memoire «Ghost Stories – Ein Buch der Erinnerung». Nur wenige Tage nach seinem Tod folgt sie ihrem ersten Impuls und fängt an zu schreiben – über den Schriftsteller Paul Auster, ihren Ehemann, und über die 43 Jahre ihres gemeinsamen Lebens. Satz für Satz nähert sie sich der lebensgroßen Leerstelle, die er für sie hinterlässt, und ihrem Verlust, den sie als «reißendes Loch» in ihrem Körper empfindet, so «als wären Teile von mir herausgeschnitten worden». Obwohl Hustvedt über ihren persönlichen Verlust schreibt, gelingt ihr ein Buch von universellem Wert. Indem sie kluge und klare Worte über Tod und Trauer findet, ermöglicht sie eine Auseinandersetzung mit diesen großen Themen.

Das Denkmal einer Liebe

Auf 400 Seiten baut Hustvedt ein Denkmal aus Fragmenten. Sie teilt Nachrichten aus «Krebsland», E-Mails, mit denen sie Freundinnen und Freunde Austers bis kurz vor seinem Tod auf dem Laufenden hält über das, was in «Krebsland, diesem seltsamen Ort», vor sich geht. Sie gewährt Einblick in Tagebucheinträge, in ihre Trauer, die «an manchen Tagen kommt, wie ein «scharfer Wind», der sie umhaut oder ihren Geist «kognitiv splittert». Sie trägt Austers Jacke, isst seine Lieblingsspeisen und benennt klar, was ist. «Paul Auster, seit dreiundvierzig Jahren mein Mann, ist tot, und ich kann ihn nicht zurückbekommen, nicht so, wie ich ihn haben will, nicht als atmenden Körper mit schlagendem Herzen, warm wie ein Ofen in unserem Bett (...).»

Leseprobe

Ich lebe. Mein Mann, Paul Auster, ist tot. Er starb am 30. April 2024 um 18 Uhr 58 hier im Haus in Brooklyn, wo ich jetzt diese Worte schreibe. Im Januar 2023 wurde bei ihm nicht-kleinzelliger Lungenkrebs diagnostiziert. Aber schon vorher, Anfang November 2022, war in der Notaufnahme des Mount Sinai West Hospital eine CT gemacht worden. Der Radiologe entdeckte eine Masse in seiner rechten Lunge und merkte an, es könnte Krebs sein.

Wir alle sterben, aber nur einige von uns wissen, dass ihr Leben bald enden könnte. Obwohl ich oft darüber nachgedacht hatte, was es bedeuten würde, ohne Paul zu leben, begann ich es mir öfter vorzustellen. Ich stellte mir vor, allein durchs Haus zu gehen. Ich stellte mir vor zu trauern. Wenn dein Vater stirbt, sagte ich zu unserer Tochter Sophie, werde ich meinen Alltag verlieren.

Was ich mir nicht vorstellte, war, dass die Zeit nach Pauls Tod bis zur Unkenntlichkeit durcheinandergeraten würde. Ich erinnere mich und vergesse wieder, welcher Tag es ist. Ich erinnere mich, dass Mai ist, und vergesse es. Die Stunden überschlagen sich, aber Minuten verstreichen oft langsam. Ich will meinen Körper in Kalender- und Uhrzeit verankern, diesen verlässlichen, wenn auch letztlich fiktionalen Markierungen der Zeit, kann den regelmäßigen Schlägen aber keinen Sinn entnehmen. Ich fürchte, dass ich, wenn ich nicht laufend Datum, Tag und Stunde überprüfe, die Orientierung verlieren, auf der Treppe stolpern und stürzen oder haltlos davontreiben werde. Ich lege Listen und Terminkalender an. Listen und Terminkalender liegen auf allen möglichen Tischen und Ablagen im Haus herum. Ich mache mir Sorgen, dass ich häusliche Pflichten, Verabredungen, offenstehende Rechnungen vergesse. Ich mache mir Sorgen, dass meine Gedanken in mehr Stücke zerspringen, als ich wieder aufsammeln kann. Ich bin dabei, mich selbst wieder aufzusammeln.

Ich habe Mühe beim Atmen. Mein Herz schlägt zu schnell, nicht ständig, in Ausbrüchen. Ich habe Schmerzen zwischen den Rippen, manchmal heftig. Nacken und Kopf tun mir weh. Die Nerven summen und brummen, Elektrizität schießt auf und ab durch meine Glieder. Mein Bauch rumort, und der Stuhlgang ist aus dem Rhythmus. Manches sind alte Beschwerden, die schlimmer geworden sind. Ich stelle mir vor, ich hätte einen Tumor entwickelt, der jenen spiegelt, welcher in Pauls Lunge gefunden wurde, und würde bald sterben. Ich treibe die Phantasie noch weiter. Vielleicht ist Spiegelkrebs ein seltenes medizinisches Phänomen außerhalb des Geltungsbereichs der etablierten Wissenschaft, einer jener Ausreißer, die aus «bereinigten Daten» entfernt worden sind.

Ich bin froh, dass ich noch über mich lachen kann. Allerdings, auch Hypochonder sterben an Krankheiten.

Ich schlafe mit Tabletten.

Ich greife nach einem Blatt Papier oder einem Objekt, das Beachtung verdient, dann sehe ich ein anderes, das mich anzieht. Ich lege das erste wieder aus der Hand, um es erst Stunden später zu entdecken, ein unbelebtes Opfer der unvollendeten Geste. Ein Stapel ungeöffneter Kondolenzschreiben und Karten liegt auf dem roten Tisch im Esszimmer. Ich ertrage es nicht, sie zu öffnen. Nicht heute. Ich werde warten. Morgen.

Morgen kommt. Ich öffne die Briefe, verstehe aber nicht immer, was ich lese. Die kurzen, freundlichen Worte sind die besten. Es gibt auch lange handschriftliche Briefe, viele Seiten lang, von Leuten, die ich nicht kenne. Paul muss irgendwie mit ihnen verbunden gewesen sein, aber wie genau, finde ich nicht in jedem Fall heraus. Ich setze mich, um das Wort morgen für eine To-do-Liste zu schreiben. Als ich hinschaue, sehe ich, dass ich gestern geschrieben habe. Ich denke an Freuds Kommentar über Gegensätze in Träumen. Im Reich des Schlafs kann dein dich überragender Freund zur Größe eines Käfers schrumpfen. Mein Leben hat jetzt etwas Traumhaftes.

Ich steige in eine halb gefüllte Badewanne und merke, dass ich vergessen habe, meine Socken auszuziehen.

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Fragmente ihres Lebens

Doch die «Ghost Stories», so sagt Hustvedt, sind keine «Biografie des Abgrunds», sondern auch «Love Stories». Sie schreibt Geschichten über Siri und Paul, über «das Gefühl, das dieses UND ihr in der Welt bereitete.» Sie geht gedanklich zurück an die Anfänge ihrer großen Liebe zu Beginn der 1980er-Jahre in New York. Sie öffnet Schachteln, findet alte Fotos, Zettel, Postkarten und Faxe mit Liebesbotschaften, liest Songtexte und handgeschriebene Briefe, von denen einige Teil des Buches geworden sind. All diese Fragmente ihres gemeinsamen Lebens, die sie berühren, noch einmal lesen, sich wieder anhören und ansehen kann, sind für sie ein Mittel gegen die «flüchtigen, im Laufe der Zeit Veränderungen unterworfenen Erinnerungsbilder, die in ihr aufsteigen und die sie eines Tages vergessen wird».

Unvollendetes Werk

Hustvedt schreibt aus dem Bedürfnis heraus, etwas von ihrem Mann «aufs Papier zurückzubringen.» Das gelingt ihr auch, indem sie Auster selbst zu Wort kommen lässt. In ihre Erinnerungscollage ist sein letztes Buchprojekt «Briefe an Miles» eingebettet, das er im März 2024 beginnt und nicht mehr vollenden kann. Er schreibt an seinen damals zwei Monate alten Enkel, erzählt ihm Geschichten über sich und seine Familie. Insgesamt sieben dieser Briefe sind in «Ghost Stories» zu finden. In seinem letzten Brief schreibt Auster: «Was ich bei diesem einschneidenden Abgang neben vielen anderen Dingen bedaure, lieber Miles, ist, dass du ohne eine bewusste Erinnerung an mich durchs Leben gehen wirst.»

In Paul sehe ich ein Vorbild, wie man sterben soll. Seine Übersetzung von Joubert: ‹Man sollte liebenswert sterben (wenn man kann).› Er stirbt liebenswert für uns. Der Kampf des einzelnen Individuums, der auch darin besteht, zu lieben und sich der Freude und schrecklichen Bürde dieser Liebe zu öffnen. Er tut es. Paul sagt, er wolle mit einem Witz auf den Lippen sterben. Ich sage voraus, das werde er nicht.

Ein präsenter Geist

Kurz vor seinem Tod sagt Auster zu seiner Frau: «Ich will ein Geist sein.» Er wolle zurückkehren, um zu sehen, wie es ihr gehe, was sie schreibe. Er wolle, dass sie ihren Roman vollende, die Musik ihrer Tochter höre und den gemeinsamen Enkel aufwachsen sehe. Je mehr Zeit vergeht, desto häufiger überdeckt das Jetzt Hustvedts Trauer. Etwa, wenn sie Miles beobachtet oder ihr die Sonne ins Gesicht scheint. Sie spürt, wie sich etwas in ihr entspannt, und stellt fest: «Meine Trauer wird nicht enden, aber sie wird sich weiter verändern.»

Lebendige Erinnerung

«Ghost Stories» ist Hustvedts erstes Buch, das ihr Mann nicht vor der Veröffentlichung gelesen hat. Während des Schreibens hatte sie aber seine Stimme in ihrem Kopf. «Manchmal fiel mir ein Satz auf, den ich aus dem einen oder anderen Grund ungenau fand, und ich erklärte, warum. Er hat ihn immer geändert.» Ein Satz, den Auster Zeit seines Lebens liebte, stammt von dem Philosophen Ludwig Wittgenstein. Er lautet: «Man lebt in den Seiten eines Buchs.» Hustvedt hat diesen Satz für sich adoptiert: «Wir lebten beide in den Seiten von Büchern.» Und es stimmt: In «Ghost Stories» sind Siri UND Paul lebendig.

Miles wird geboren. Paul stirbt. Ein Kreislauf der Zeit. Ich wusste, der Tod würde kommen, seiner oder meiner zuerst, aber ich rebelliere gegen die rohe Tatsache – ich spüre es in meinen Muskeln, Fasern, Knochen, im Kreislauf, Herzschlag und der Atmung. Ich bin eine Reaktionärin. Ich will, was war.

Bücher von Siri Hustvedt und Paul Auster

Baumgartner
Paul Auster

Baumgartner

Gebundene Ausgabe22,00 *
Being a Man
Siri Hustvedt

Being a Man

Taschenbuch mit Klappen14,00 *
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