Siri Hustvedt & Paul Auster: Eine Liebe zwischen den Seiten
Siri Hustvedt und Paul Auster galten als intellektuelles Traumpaar der Gegenwartsliteratur. Bis zu seinem Tod verbrachten sie 43 Jahre zusammen – in geistiger Nähe und großer Liebe zueinander und zur Literatur. Was ihre einzigartige Verbindung prägte.
Eine literarische Partnerschaft
Siri Hustvedt und Paul Auster galten als das intellektuelle Traumpaar der Gegenwart. 43 Jahre lang verband sie eine große Liebe und ihr gemeinsames Leben zwischen den Seiten von Büchern. Bis zu Paul Austers Tod im April 2024 lektorierten sie gegenseitig ihre Werke und ließen dabei einander Raum für eigene literarische Wege, für ihr Wachstum und ihre Erfolge. Als sich Hustvedt und Auster 1981 zum ersten Mal begegneten, stand er vor der Veröffentlichung seines ersten Romans und sie ganz am Anfang ihrer Karriere. Er ermunterte sie zu schreiben und bewunderte sie Zeit seines Lebens für ihr literarisches Können, für ihr psychoanalytisches und neurologisches Wissen. Immer wieder verteidigte er sie öffentlich gegen Stimmen, die ihr nur eine Rolle als «Frau des berühmten Autors» zugestehen wollten. Was ihre Verbindung besonders machte: Hustvedt und Auster gelang literarische Partnerschaft auf Augenhöhe, getragen von einer Liebe, die mehr als vier Jahrzehnte währen sollte.
Siri Hustvedt
Eine intellektuelle Vagabundin
Zwischen Literatur und Wissenschaft erkundet die US-amerikanische Schriftstellerin und Feministin Siri Hustvedt in ihren Romanen und Essays komplexe Seelenlandschaften ihrer Protagonist:innen und die Lage der Welt. Wie sie das Unbewusste als erzählerische Kraft nutzt, welche Themen für ihr Schreiben unverzichtbar sind.
«Ich schreibe nicht, um zu erzählen. Ich schreibe, um zu entdecken.» Für Siri Hustvedt ist Schreiben eine Denkbewegung und ein Weg, der sie «zu einem größeren Verständnis von etwas» führt. Dieses Etwas hat in ihrem literarischen Kosmos viele Facetten. In ihren Romanen und Essays verbindet die Schriftstellerin Literatur mit Aspekten der Psychoanalyse, Neurowissenschaft und Philosophie, in ihren Sachbüchern verbindet sie fundiertes Fachwissen mit einer radikal persönlichen Perspektive. Von Anfang an kreist ihr Schreiben um Themen wie Erinnerung, Identität, das Unbewusste, den weiblichen Körper sowie um Geschlechterrollen und Feminismus.
Frühe Anfänge
Siri Hustvedt kam 1955 in der Kleinstadt Northfield in Minnesota zur Welt und wuchs zweisprachig auf – als Tochter einer norwegischen Mutter, die die Nazi-Besatzung erleben musste, und eines amerikanischen Vaters mit norwegischen Wurzeln, der als Skandinavist zur amerikanisch-norwegischen Geschichte forschte. Während eines Forschungsaufenthaltes ihres Vaters in Island soll die damals 12-jährige Siri nach einer nächtelangen Lektüre von «David Copperfield» den Entschluss gefasst haben, zu schreiben. Schon während der Highschool verfasste sie Gedichte und Geschichten. Mit 23 dann zog sie nach New York, um an der Columbia University Englisch zu studieren. Drei Jahre später lernte sie Paul Auster kennen.
Feministische Welten
Als Hustvedt 1987 mit ihrer Tochter Sophie schwanger war, begann sie ihren ersten Roman «Die unsichtbare Frau», der 1992 veröffentlicht wurde. Darin thematisierte Hustvedt, die sich seit ihrem 14. Lebensjahr als Feministin versteht, auch die Wahrnehmung des weiblichen Körpers. Sie eröffnet einen Blick in die innere Welt der jungen Literaturstudentin Iris Vegan, die in New York lebt und sich zwischen Selbstentfremdung, Unsicherheiten, und Abhängigkeiten bewegt.
Autobiografische Spuren
Immer wieder legt Hustvedt in ihren Werken autobiografische Spuren, die sie mit Fiktion verwebt. In ihrem Roman «Was ich liebte» (2003) erzählt sie die Geschichte zweier Künstlerfamilien, es geht um komplexe Beziehungen von Liebe und Verlust – etwa in Bezug auf einen drogenabhängigen Sohn. In «Der Sommer ohne Männer» (2011) lässt sie ihre Protagonistin Mia, eine New Yorker Dichterin, einen Zusammenbruch erleben. Für einen Sommer kehrt sie in eine Kleinstadt in Minnesota zurück, als ihr Mann Boris sich nach jahrzehntelanger Ehe in eine jüngere Frau verliebt. Ein Buch, das von weiblicher Solidarität und Selbstbehauptung erzählt.
Umfangreiches Fachwissen
Im Laufe ihrer Karriere war Hustvedt immer wieder misogynen Angriffen ausgesetzt. Als ihr erster Roman erschien, unterstellten Kritiker ihr, Auster hätte ihn geschrieben. Als sie begann, über Neurowissenschaften und Psychoanalyse zu publizieren, wurde ihr Wissen erneut infrage gestellt, obwohl sie sich seit ihrer Jugend mit diesen Themenfeldern befasste. Auster sah sich einmal zu einer öffentlichen Klarstellung genötigt: «Siri ist die Intellektuelle in der Familie, nicht ich, und alles, was ich zum Beispiel über Lacan und Bachtin weiß, weiß ich von ihr.»
Hustvedt selbst sieht sich als «intellektuelle Vagabundin», die zwischen Literatur und Wissenschaft wandert. Sie nutzt das Unbewusste als erzählerische Kraft und schafft Figuren, die denken, sich erinnern und verdrängen. Akribisch und sensibel erkundet sie innere Landschaften und beleuchtet dabei immer auch gesellschaftliche Themen. Siri Hustvedt schafft Weltliteratur, die keine Antworten vorgibt, sondern existenzielle Fragen stellt und zum Weiterdenken anregt.
Paul Auster
Ein erzähltes Leben
Paul Auster zählt zu den wichtigsten Stimmen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. In seinen Büchern warf er lebensgroße Fragen auf und näherte sich schreibend einer komplexen Wirklichkeit. Wie Blitzschläge, Zufälle und die Suche nach Sinn und Identität sein literarisches Werk prägten.
«Die Welt ist in meinem Kopf. Mein Körper ist in der Welt.»: Schriftsteller Paul Auster führte ein Leben in den Seiten von Büchern. Schreiben war für ihn ein existenzieller Akt und ein Versuch, sich der Welt und ihrer komplexen Wirklichkeit zu nähern. In seinem Werk, das Romane, Gedichte, Essays und autobiografische Texte umfasst, kreiste Auster immer wieder um große Fragen: Wie entsteht Identität? Wie verlässlich nehmen wir Realität wahr? Welche Rolle spielen Zufälle?
Zufall als Leitmotiv
Der Zufall ist ein Kernthema seines Schreibens, das seine Ursprünge in Austers Kindheit hat. Als 14-Jähriger musste er in einem Sommercamp erleben, wie nur wenige Zentimeter neben ihm ein Junge vom Blitz erschlagen wurde. Ein Ereignis, das sein Denken und Schreiben entscheidend prägte und zu einer der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens wurde.
Bereits mit 15 Jahren wollte Auster Schriftsteller werden. Zur Welt gekommen war er 1947 in Newark als Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine. Früh wollte Auster eigene Wege gehen. «Ich wollte andere Welten erkunden. Die meisten meiner Erfahrungen stammen aus Aushilfsjobs und Begegnungen mit Leuten, die nicht studiert hatten», erzählte Auster in einem Interview mit der Literaturwissenschaftlerin Inge Birgitte Siegumfeldt. Er arbeitete als Matrose auf einem Öltanker, als Ghostwriter und als Telefonist im Pariser Büro der New York Times. Ab 1969 studierte Auster Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University in New York.
Erzählerischer Wendepunkt
Als 1979 sein Vater unerwartet starb, erschien der Prosatext «Weiße Räume», in dem er danach fragt, was bleibt, wenn ein Mensch verschwindet. Für Auster war dies ein Wendepunkt in seiner Karriere. «Ich hatte mir gewissermaßen das Schreiben neu beigebracht.» Er entdeckte, wie wichtig das Unbewusste beim Erfinden von Geschichten für ihn war. 1982 wurde sein Prosa-Debüt «Die Erfindung der Einsamkeit» veröffentlicht. Darin näherte er sich seinem emotional abwesenden Vater und den Themen Erinnerung und Einsamkeit.
Zeitlose Fragen
Fünf Jahre später wurde Auster weltbekannt, als 1987 sein experimenteller Kriminalroman «Die New-York-Trilogie» erschien, der aus den drei Kurzromanen «Stadt aus Glas», «Schlagschatten» und «Hinter verschlossenen Türen» besteht. Die Leser:innen erleben die Weltstadt New York als literarischen Resonanzraum, in dem sie Teil detektivischer Ermittlungsarbeit werden. Das Anliegen des Autors? «Wenn ich es in einem Satz formulieren müsste ‹Mit Ambiguität leben lernen. Es geht um Unsicherheit und die Tatsache, dass es in der Welt keine ewigen Gewissheiten gibt.›» Motive, die sich auch im 2017 erschienenen Roman «4 3 2 1» finden. Darin stellt Auster die Frage «Wer hätte ich sein können?» und erzählt vier Varianten des Lebens seines Protagonisten Archie Ferguson. In einer lässt er ihn als 13-Jährigen durch einen Blitzschlag sterben.
Den Schlusspunkt seines literarischen Schaffens setzte Auster 2023 mit dem Roman «Baumgartner», in dem der verwitwete Literaturprofessor Sy Baumgartner um seine Frau Anna trauert. Sein letztes Buch handelt von der großen Liebe, von Verlust, von Erinnerung und von Literatur als Überlebensstrategie. Im April 2024 starb Paul Auster in Brooklyn. Seine Witwe Siri Hustvedt hat ihm nun mit dem Buch «Ghost Stories» ein Denkmal gesetzt hat. Sie sagt: «I am Baumgartner.»