Im Gespräch

Max Annas im Interview zu «Der Hochsitz»

1978, ein Dorf in der Eifel. Ein Bankraub. Ein Toter. Terroristenpanik. Die Polizei hat keinen Durchblick. Aber Sanne und Ulrike. Die beiden haben Osterferien und finden mehr raus, als man es den beiden Freundinnen zutraut.

Der fünffache Krimipreisträger Max Annas hat uns einige Fragen zu seinem neuen Krimi «Der Hochsitz» beantwortet.

Autorenfoto Max Annas mit Text: «Interview mit Max Annas»

Herr Annas, was war zuerst da: Der Plan, einen Kriminalroman über RAF-Jahre der alten Bundesrepublik zu schreiben, oder die Idee, zwei Mädchen vom Dorf zu Ermittlerinnen zu machen?

Sanne und Ulrike, die beiden Protagonistinnen von «Der Hochsitz», sind ja nicht wirklich Ermittlerinnen. Das wären sie vielleicht gern, aber es fehlen ihnen Mittel und Vorbilder. Sie sehen sich schlicht nicht ernst genug genommen in der Welt der Eltern und der anderen Erwachsenen und versuchen auszugleichen, was sie dort an Bemühungen und Respekt nicht bekommen. Sie haben gesehen, was sie gesehen haben. Und sie wissen, was sie wissen.

Wie sind Sie denn überhaupt darauf gekommen, so einer ungewöhnlichen Perspektive eine zentrale Rolle in dem Buch zu geben?

Das Projekt hat tatsächlich mit einer Geschichte angefangen, die mir mal erzählt wurde und die in der Gegend spielt, die ich beschreibe, einem Weiler in der Südeifel. Es ist das Jahr 1978, und die Geschichte hatte wie im Roman damit zu tun, dass zwei Mädchen die fehlenden Bilder für ihr Fußballsammelalbum mit Fotos vom RAF-Fahndungsplakat ergänzt haben. Die RAF war also schon eingeschrieben in die Geschichte der beiden Mädchen. Ich wohne ja in Berlin, und mir hat diese Dorfperspektive sehr gefallen. Auch hier in der Peripherie findet sich alles, was die Geschichte Westdeutschlands ausmacht: Das Festhalten am Autoritären, die Ignoranz der jüngeren Geschichte gegenüber, der Kampf gegen Veränderungen. Nur dass Verzweiflung hier einfach anders riecht - nicht nur wegen der allgegenwärtigen Schweineställe.

Ihre letzten beiden Romane spielten in den späten DDR-Jahren. Vereinzelt wurde Ihnen vorgeworfen, als Westdeutscher dazu nicht befugt oder in der Lage zu sein. Ist der Schauplatz des neuen Romans aus diesem Grunde der westlichste Zipfel der BRD?

Es hätten auch andere Schauplätze in Westdeutschland sein können. Aber dass die Südeifel so weit weg liegt von der Zonengrenze, wie die Leute dort sie genannt haben, passt natürlich gut. Es war für mich ein ganz eigenes Drama, nach den beiden Büchern, die in der DDR spielen, den Westen in den Blick zu nehmen. Denn auch wenn es die Geschichte von Sanne und Ulrike ist, die ich hier aufgeschrieben habe, und auch wenn der Roman in der Eifel und nahe der Grenze zu Luxemburg spielt, steckt sehr viel von meiner eigenen Jugend und meiner eigenen Familie in «Der Hochsitz».

Sie sind ja noch recht jung, aber haben vielleicht eigene Erinnerungen an die bleiernen Jahre Eingang in das Buch gefunden?

Jung war ich damals. Ich erinnere mich noch sehr deutlich an meine Empörung darüber, dass meine Lieblingsradiosendung abgesetzt worden ist an dem Tag, an dem die Leiche von Hanns-Martin Schleyer gefunden wurde. Ich war 14, komplett unpolitisiert und sehr wütend - die Wut richtete sich dann allerdings mehr gegen den WDR als gegen die RAF. In meinem familiären Umfeld wurde natürlich mächtig geschimpft gegen die Baader-Meinhof-Bande. Das ging stets einher mit ordnungspolitischen Appellen, wie sie Sannes Vater auch formuliert. Der Name Franz-Josef Strauß fiel oft in dem Zusammenhang.

Ob Ost, ob West, Polizisten kommen bei Ihnen generell nicht so gut weg, ja?

So ganz stimmt das nicht. Otto Castorp, Oberleutnant der Morduntersuchungskommission in Gera / DDR, ist weder korrupt noch blöde - und das als Vertreter des Systems. Aber er ist sicher eine Ausnahmefigur in meinen Büchern.
Es finden sich ja auch genug Vertreter der Exekutive in der Kriminalliteratur, die permanent Welt, Ordnung und Gesellschaft retten. Das ist nicht ganz mein Blick.
In «Der Hochsitz» gibt es Figuren aus verschiedenen Ordnungsbehörden, den Schutzmann, die Mordaufklärer, die Grenzschützer. Die machen alle ganz souverän ihre Arbeit, aber ein besonders tiefes Verständnis der Dinge ist nicht, was sie auszeichnet.

Was reizt Sie am historischen Kriminalroman? Kommt da noch mehr? Über die Gegenwart schreiben Sie nicht mehr?

Der historische Kriminalroman gibt uns Gelegenheit, über gebrochene Spiegelungen zurück auf unsere eigene Zeit zu blicken. Und der Fokus auf die letzten beiden Jahrzehnte der beiden deutschen Staaten führt uns direkt ins heute. Die Frage, welches System warum im historischen Kampf obsiegt hat und warum, können wir noch oft stellen und noch noch viel öfter beantworten. Das reizt mich sehr. Rund um die Jahre 1989 und 1990, Ende der Mauer und Vereinigung der beiden Staaten, gibt es ohnehin in beide Richtungen noch so viele erlebte und imaginierte Geschichten, die erzählt werden müssen.

Der Hochsitz

1978, ein Dorf in der Eifel: Sanne und Ulrike haben Osterferien. Wenn sie nicht auf dem Hof helfen müssen, düsen sie mit ihren Fahrrädern durch die Gegend und kriegen alles mit. In zwei Monaten ist Fußball-WM, die Mädchen bekommen aber einfach nicht genug Hanuta-Bilder für ihre Sammelalben. Also schneiden sie ein paar Männerköpfe aus dem Fahndungsplakat in der Post. Denn das ganze Land ist gerade in Aufruhr über drei Buchstaben. RAF. Und dann geschieht tatsächlich ein Bankraub. Festgenommen wird der einzige Langhaarige im Dorf. Dass er es nicht gewesen sein kann, wissen Sanne und Ulrike genau. Und sie wissen noch viel mehr, Sachen, die nicht nur die Polizisten in der nächsten Kleinstadt interessieren würden ...

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Max Annas

Max Annas

Max Annas, geboren 1963, arbeitete lange als Journalist, lebte in Südafrika und wurde für seine Romane «Die Farm» (2014), «Die Mauer» (2016), «Finsterwalde» (2018) und «Morduntersuchungskommission» (2019) sowie zuletzt «Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikolai» (2020) fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Bei Rowohlt erschien außerdem "Illegal" (2017).

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