29.06.2018   von rowohlt

«Ich habe sie noch alle gefügig gemacht»

Nichts für schwache Nerven: «Das Haus der Mädchen», der neue Thriller von Andreas Winkelmann

© Textures.com
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Leni kommt für ein Verlagspraktikum nach Hamburg. Über eine Zimmervermittlung mietet sie sich in einer Villa am Kanal ein. Am nächsten Morgen ist ihre Zimmernachbarin Vivien spurlos verschwunden. Weil ihr das merkwürdig vorkommt, sucht sie nach ihr. Freddy Förster ist nach dem unrühmlichen Ende seines Start-ups auf der Straße gelandet. Zufällig beobachtet er, wie ein Mann am Steuer seines Autos erschossen wird. Um nicht zum nächsten Opfer zu werden, macht er sich auf die Suche nach dem Mörder.  Als Freddy und Leni begreifen, wie eng die beiden Fälle zusammenhängen, sind sie in tödlicher Gefahr …


«Das Haus der Mädchen» ist ein Gänsehaut-Thriller, der furchterregende Bilder in unsere Köpfe katapultiert, Sequenzen des Schreckens, von denen man nur hoffen kann, dass sie uns nicht in unseren Träumen heimsuchen. Manche Szenen lassen einen wie schockgefrostet zurück. Winkelmann arbeitet mit den Ur-Ängsten seiner Leser. Mit der Angst vor namenlosem, diffusem Schrecken. Der Angst vor menschlichen Wesen, die jedes menschliche Maß verloren haben und Dinge tun, die unser Vorstellungsvermögen übersteigen. Der Angst vor der Angst, die in der Lage ist, einen in den Wahnsinn abdriften zu lassen.

Herr über Leben und Tod


Leni Fontane freut sich auf Hamburg. Ein Praktikum bei New Media, das könnte für die ambitionierte Literaturstudentin aus der Provinz zum Sprungbrett für den ersehnten Job im Verlagsbereich werden. Was für ein Glück, dass sie über BedtoBed.com ganz in der Nähe des Kuhmühlenteichs, in der Eilenau, ein helles, großzügiges Zimmer mit Blick auf den Eilbekkanal gefunden hat. Mit Vivien, ihrer Nachbarin auf der Etage, freundet sie sich im Handumdrehen an. Auch wenn diese ihr prompt den (durchaus treffenden) Spitznamen «Leni Landei» verpasst – die beiden mögen einander sofort.


Anders als die ernsthafte Leni verfolgt ihre lebenslustige neue Freundin eine ganz eigene Mission im Hamburger Nachtleben: «aufbrezeln und Millionäre jagen». Am Abend schleppt Vivien Leni mit auf eine Party; am nächsten Morgen ist sie verschwunden. Die beiden jungen Frauen werden sich noch einmal wiedersehen – unter entsetzlichen Umständen. Im Haus der Mädchen …


Als seine Nachtschicht im Krankenhaus endet, will Oliver Kienat nur noch eins: nach Hause kommen, Ruhe finden, abschalten, die tristen Bilder aus dem Kopf kriegen. Wie das von dem Landstreicher, der von Unbekannten im Stadtpark angezündet worden war und in der Notaufnahme landete. Was dem Krankenpfleger Oliver auf der Heimfahrt widerfährt, ist der pure Horror. Als er mit seinem alten Corsa an der Ampel steht, nimmt er aus den Augenwinkeln im neben ihm stehenden weißen Kastenwagen eine Bewegung wahr: «Hinter der schmutzigen Heckscheibe … tauchte eine Hand auf, klatschte gegen das Glas und rutschte daran herunter. Die weit gespreizten Finger hinterließen eine blutige Spur.» Anstatt der Polizei die Nummer des Wagens durchzugeben und es dabei zu belassen, trifft Kienat aus einem Impuls heraus eine fatale Entscheidung, die er nicht überleben wird.


Zunächst spricht nichts dafür, dass die beiden Fälle etwas miteinander zu tun haben. Die Polizei sucht zunächst eher halbherzig nach Vivien – bis Kommissar Jens Kerner sich an einen ähnlich gelagerten Fall erinnert: Zwei Jahre zuvor war Rosaria Leone für ein paar Tage aus Rom nach Hamburg gekommen, um als Touristin das schöne «Elbflorenz» zu erkunden. Bei Baggerarbeiten im Kanal wurde im Mai 2016 die Leiche der jungen Römerin gefunden, eingeschnürt in ein dichtes Netz aus Kaninchendraht. Ihr Mörder war nie gefunden worden.

«Wenn ich totgehe, wird keiner da sein»


Für den Mord an Oliver Kienat aber taucht überraschenderweise ein Zeugen auf: Frederic Förster. Seit er in völliger Selbstüberschätzung sein zunächst erfolgreiches Start-up an die Wand gefahren und dann auch noch als notorischer Fremdgeher seine Ehe ruiniert hatte, lebte er auf der Straße. Nachdem er durch einen tristen Zufall zum Zeugen der kaltblütigen Liquidation Kienats wurde, fühlt er sich von dessen Mörder selbst bedroht. Und beschließt, vom Gejagten zum Jäger zu werden – was hat einer wie er zu verlieren?


Ohne Rebecca, seine an den Rollstuhl gefesselte Kollegin, wäre Kommissar Jens Kerner in dieser Ermittlung noch keinen Schritt weitergekommen. Kerner ist eher der intuitive Typ, einer, der als Kriminalist oft aus dem Bauch heraus handelt – und damit bisher auch nicht schlecht gefahren war. Geht es aber um systematische Recherche und strikt analytisches Vorgehen, ist ihm Rebecca weit voraus. Dass es auch sonst zwischen den beiden knistert, steht einer produktiven Zusammenarbeit nicht im Wege.


Von Rebecca kommt schließlich der entscheidende Tipp, er bringt die Ermittler endlich auf die richtige Fährte. Weil es eine Corsastraße, in der die verschwundene Rosaria damals gewohnt haben soll, in Hamburg nicht gibt, lässt Rebecca ihren Scharfsinn spielen. Für einen Assoziationsfreak wie ist es von Corsa zu Eilenau nur ein kleiner Schritt. Ein Schritt zu dem Haus, in dem Leni und die verschwundene Vivien sich über BedtoBed.com eingemietet haben. Dem Haus, in dem auch Jana Heigl für ein paar Tage wohnte und nie mehr gesehen wurde. Dem Haus, mit dem offenbar alle irgendwie zu tun haben, die Kommissar Kerner und seine Kollegen als Verdächtige einstufen …

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