31.03.2020   von rowohlt

Schreiben in Zeiten von Corona von Eugen Ruge

Eine Chronik der Verunsicherung

Bild © Asja Caspari
Bild © Asja Caspari

In Zeiten der Verunsicherung verschiebt sich mitunter der Blickwinkel auf unsere Welt – und bei einigen von uns auch wortwörtlich. Viele arbeiten in diesen Tagen mobil, in ihren eigenen vier Wänden und mit neuer Aussicht. Und vielen fällt es schwer, mit dieser Situation umzugehen. Drinnen zu bleiben und nicht zu wissen, was noch auf uns zukommt.


Wie viele andere machen wir Rowohltianer uns Sorgen - um unsere Familien, Freunde und Bekannte und um unsere Autor*innen. Einige unserer Autor*innen haben wir gefragt, wie sie mit der Pandemie leben. Was sie gerade beschäftigt. Einige der Texte, die uns erreicht haben, sind humorvoll, viele machen nachdenklich und ein paar auch traurig, die meisten geben uns aber Hoffnung. Hoffnung, dass wir diese Krise gemeinsam irgendwie überstehen werden. 


Corona ist eine ernste Sache, der Witz dazu lief in Frankreich auf Youtube: ein niesender und schnupfender Italiener, der einen Pizzateig walkt für – die Pizza Corona! Angeblich sollen die Italiener für diese französische Gemeinheit den Botschafter einbestellt haben. Bricht der Völkerhass wieder aus? Bringt Corona den europäischen Glauben ins Wanken?


Dagegen müssen die ganz Mutigen jetzt ihre Stimme erheben. Zum Beispiel im Fernsehen bei Lanz: Globalisierung ist toll! Hat nichts mit Corona zu tun! Na schön, aber vielleicht sieht man besser. Nicht mit dem Zweiten, aber mit Corona. Vielleicht wird irgendwas sichtbar – was vorher auch sichtbar war. Für den, der es sehen will. 


Die Top-Nachricht über Trump: dass er CureVac kaufen wollte, um den Impfstoff exklusiv für Amerika zu nutzen. Haben wir gern geglaubt, denn das passt natürlich zum Trumpel. Skandal! Leider eine Fake-News. Aber skandalös ist sie trotzdem: Wir leben in einer Welt, in der das zumindest möglich wäre, denn sonst hätten es der Deutschlandfunk oder die WELT wohl kaum geglaubt. Man kann Gesundheit kaufen! Gesundheit ist eine Ware. Unser Gesundheitssystem, sieh mal an, ist nach kapitalistischen Grundsätzen organisiert. Das wussten wir doch irgendwie schon vor Trump, oder? Und wie hieß das Ganze doch gleich? Richtig: Globalisierung.


Globalisierung ist toll, sagt dieser Dingsda bei Lanz, der mit Sicherheitsabstand rechts neben Harald Welzer, welcher nicht in der Stimmung war, zu widersprechen (macht man im Fernsehen nicht so gern): Globalisierung ist toll, weil: Deutschland geht es gut! Nee, ich habe jetzt keine Lust, Zahlen aus den Statistiken der Bundesministerien rauszusuchen. Zahlen überzeugen sowieso niemanden. Nichts überzeugt so sehr, wie wenn es einem selbst gut geht. Wollen wir uns wenigstens auf eine Tautologie einigen: Globalisierung ist gut für die, für die sie gut ist. Von den anderen reden wir lieber nicht, ist doch unappetitlich. 


Heute höre ich im Deutschlandfunk, dass vielleicht dieser oder jener Vermieter einem Scheinselbstständigen, Outgesourcten oder sonst wie Angeschissenen, die es in unserer Gesellschaft auf einmal massenhaft gibt und die schon nach kurzer Corona-Hysterie ihre Miete nicht mehr bezahlen können, mal für einen Monat die Miete erlassen könnte. Na, das ist doch mal eine Idee gegen den Mietwucher. Und gegen Scheinselbstständigkeit. Oder Outsourcing. Oder Niedriglohn.


Lassen wir uns von Corona nicht die Laune verderben! Freuen wir Wohlständigen uns über unseren Wohlstand, der darauf beruht, dass eine Näherin in Äthiopien 1,50 Dollar am Tag verdient; dass in Bangladesch die Fabriken zusammenkrachen; dass in China die Flüsse von Chemikalien verseucht werden. Und so weiter. Lasst uns Konsumplunder herstellen lassen, dass es kracht. Lasst uns bald wieder täglich Millionen Tonnen Waren durch diese Welt schippern. Und ein paar Krokodilstränen vergießen über das Klima. Wir wissen doch: Deutschland geht es gut! Sogar die Winter werden allmählich wärmer. Zum Skifahren können wir ja dann in die Alpen fliegen. Oder vielleicht in die Anden?


Einen Nachteil hat Corona aber vielleicht doch: dass wir plötzlich Zeit haben. Das macht einen ganz nervös. Man hat es einfach verlernt – zu leben. Man weiß gar nicht mehr, wie das geht. Zum Glück kann man ja noch ein bisschen auf dem Handy rumkratzen oder Serien streamen, die werden ja auch immer länger. Das füllt die Zeit wieder auf. Warte nur, balde darfst du dich wieder ins Donnernde stürzen, ins Irgendwas, Hauptsache, schnell. Immer schneller das Bruttosozialprodukt steigern. Und das heißt wiederum Wachstum. Und das, sagt der Mann neben Welzer (oder denkt es jedenfalls), ist die Voraussetzung. Für unser Glück.  


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