Im Gespräch

«Wenn ich schreibe, muss ich auch immer entscheiden, was ich nicht schreibe.»

Lena Gorelik über «Alle meine Mütter»

Lena Gorelik im Interview über ihr neues Buch Alle meine Mütter

Ich schreibe dies als der Mensch, den meine Mutter zu einem Menschen machte. Obwohl meine Mutter schon lange denkt, ich sei ihr entwachsen, und ich ihr das Gegenteil verschweige: wie ich hinwachse zu ihr.

Alle meine Mütter ist ein sehr persönliches Buch, und es berührt gleichzeitig ein universelles Thema. Sie lassen uns in Ihr Leben blicken, öffnen aber auch den Raum für ganz andere Lebensrealitäten – für Eltern mit Migrationsbiografien, Mütter von Kindern mit Beeinträchtigungen, für Frauen, die ein Kind verloren haben, oder solche, die ihren Weg bewusst jenseits normierter Vorstellungen von Familie suchen. Wie haben Sie zu dieser vielstimmigen Form gefunden?

Lena Gorelik: Naja – es gibt ja ziemlich genau so viele Müttergeschichten, wie es jemals Menschen gegeben hat. Und auch wenn mir natürlich klar war, dass ich sie nicht alle werde in einem Roman versammeln können, so wollte ich mich auch nicht auf nur eine konzentrieren, sondern eine Art Mosaik aus verschiedenen Geschichten entwerfen. Und in diesem Mosaik sollten auch Geschichten zu lesen, zu sehen sein, die sich in der Literatur vielleicht nicht so häufig wiederfinden, wie wir auch diese Geschichten und diese Menschen in unserem Alltag übersehen. 

Was meine Mutter nie fragt: Ob ich, ihre Tochter, weiß, wer sie ist. Das ist meine Frage.

In Ihrem Roman kehrt eine Frage immer wieder: Was wir als Töchter wirklich über unsere Mütter wissen oder wissen können. Gab es während des Schreibens Momente, in denen Sie gemerkt haben: Diese Fragen stelle ich erst jetzt?! Oder Aspekte, bei denen Sie bewusst entschieden haben, sie nicht zu beschreiben?

Wenn ich schreibe, muss ich auch immer entscheiden, was ich nicht schreibe. Was lasse ich weg, was offen, was deute ich nur an, was ist eher eine Frage als eine Antwort? Diese Entscheidung hat eine größere Dimension, sobald ich autofiktional schreibe, weil ich dann auch von Menschen erzähle, die sich selbst in meinen Texten lesen müssen – wie in diesem Fall meine Mutter. Ich versuche dabei, so zu schreiben, dass ich, wenn ich über sie, über uns schreibe, etwas über das Muttersein, das Kindsein universell erzähle, etwas, das über uns beide hinausgeht. Ich war beim Schreiben erstaunt festzustellen, wie viele Wissenslücken da auch klafften, wie ich jahrzehntelang durch das Leben spaziert war, und mir als Kind erstaunlich wenig Fragen über meine Mutter gestellt hatte, eben deshalb, weil sie meine Mutter war. Es war, als müsste ich den Vorhang aufziehen, um hinter meiner Mutter all das sehen zu können, was sie ist, wenn ich sie nicht nur in dieser Rolle wahrnehme.

Sie schreiben in Ihrem Buch sehr ehrlich und offen über das Muttersein oder allgemeiner über Elternschaft und Fürsorge. Sie geben Menschen eine Stimme, deren Kinder pflegebedürftig sind, die permanent funktionieren müssen und unter den Blicken der anderen leiden. Warum scheint es immer noch ein Tabu oder zumindest erklärungsbedürftig zu sein, wenn eine Mutter sagt: Ich kann nicht mehr?

Weil das Bild der aufopferungsbereiten und darin glücklichen Mutter immer noch so omnipräsent ist. Die meisten Bilder, die wir von Müttern sehen, zeigen diese strahlend, das Kind oder die Kinder haltend, beschützend, lachend – es ist so ein Glück, Mutter sein zu dürfen; das bisschen Arbeit, das bisschen Sorge wird schon in Kauf zu nehmen sein; dem steht der Satz „ich kann nicht mehr“, der sich auf mehr bezieht als nur einen Moment, nur einen Abend zum Beispiel, an dem die Kinder nicht ins Bett wollen, diametral entgegen. Als wäre man eine schlechte Mutter, wenn man sich diesem Gefühl hingibt, das sicher die meisten Mütter einmal überfällt.

An einer Stelle heißt es: «Ich versuche Unmögliches: Ich zu sagen, ohne nur mich zu meinen.» Was hat dieser Anspruch beim Schreiben für Sie bedeutet?

Ich brauche beim Schreiben eine Gleichzeitigkeit, die auf den ersten Blick unmöglich scheint: Ich muss mich dem Ich sehr klar nähern, bereit, auch Schmerzhaftes und Unangenehmes zu sehen, es zu verstehen und zu beschreiben versuchen, und mich aber zugleich entfernen, um eben mehr zu sehen als das Ich; um zu sehen, was an dem Ich interessant ist, wenn ich von uns Kindern, Töchtern, Müttern, Menschen in einem sozialen und gesellschaftlichen Gefüge zu erzählen versuche.

 

Tief bewegend, brutal ehrlich: einfach wunderbar. 

Doris Dörrie

Thomas Dashuber
© Thomas Dashuber
Lena Gorelik

Lena Gorelik , 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman «Wer wir sind» und wurde begeistert besprochen. Regel­mäßig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit . 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, 2026 mit dem Preis der Literaturhäuser. Im selben Jahr erschien «Alle meine Mütter», ein neuer Roman.

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