Aus dem Verlag

Rowohlt History : Mascha Kaléko

Mascha Kaléko: Die Suchende. Teil 2 der Reihe «Rowohlt History»
© Ullstein Bild

Ihre Gedichte waren wie das Berlin der Weimarer Zeit: melancholisch, schlagfertig, voller Sehnsucht und Alltagsbeobachtungen. Mascha Kaléko war die Stimme der kleinen Leute, eine Meisterin des lyrischen Stenogramms. Doch ihre Karriere, die gerade erst erblühte, wurde jäh von der Dunkelheit des Nationalsozialismus überschattet. Es folgte eine Geschichte von Flucht, dem Ringen um Anerkennung im Exil und einer außergewöhnlich wechselhaften, aber letztlich unzerbrechlichen Beziehung zu ihrem Verleger Ernst Rowohlt – eine Geschichte, die von einem blauen Hemd, schmerzhafter Entfremdung und einer späten, versöhnlichen Geste erzählt.

Verse unter dem Hakenkreuz: Ein Verleger zeigt Mut

Als Jüdin, geboren in West-Galizien und aufgewachsen im Herzen Berlins, traf Mascha Kaléko der Hass der neuen Machthaber mit voller Wucht. 1935 wurde ihr ein Schreibverbot erteilt, und im Januar 1937 landeten ihre Bücher auf der «Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums». Die Anweisung an die Verlage war unmissverständlich: Alle Exemplare sollten zurückgerufen werden. Doch Ernst Rowohlt widersetzte sich. Er ließ die Bücher im Handel und zahlte seiner Autorin im Mai 1937 das Honorar für die Verkäufe der letzten Monate aus – ein Akt stillen Mutes und großer Loyalität in einer Zeit, in der Zivilcourage lebensgefährlich war. Kalékos Dankbarkeit zeigte sich in einer persönlichen Geste: Zum 50. Geburtstag schenkte sie ihrem Verleger ein blaues Hemd.

 

Die Stille des Exils und ein fast vergessenes Hemd

Im September 1938 gelang ihr mit ihrem zweiten Mann, dem Musiker Chemjo Vinaver, und ihrem kleinen Sohn die Flucht nach New York. Doch die neue Heimat wurde zum goldenen Käfig. In Amerika kannte die gefeierte Dichterin niemand. Sie stand im Schatten ihres Mannes, der kaum Englisch sprach und auf ihre Hilfe angewiesen war. Ihre eigene kreative Arbeit trat in den Hintergrund. Erst 1946 veröffentlichte sie bei einem kleinen Exil-Verlag ihren dritten Gedichtband.

Als ein Prospekt dieses Buches zufällig auf dem Schreibtisch von Ernst Rowohlt in Hamburg landete, zögerte dieser keine Sekunde. Er schrieb sofort einen Brief an Kaléko und erzählte ihr einen unglaublichen Zufall: Genau in dem Moment, als er den Prospekt fand, habe er jenes blaue Hemd getragen, das sie ihm Jahre zuvor geschenkt hatte. «Sie werden vielleicht meinen, das sei richtiger Rowohlt Schwindel, aber es ist wirklich die reine und nackte Wahrheit», beteuerte er. Doch Kalékos Antwort ließ auf sich warten. Zu tief saßen die Wunden, zu groß die Angst und der Hass auf die alte Heimat. Erst nach drei Briefen antwortete sie – eine Rückkehr nach Deutschland schloss sie aus.

Triumph, Bruch und späte Versöhnung

Rowohlt ließ nicht locker und brachte 20 Jahre nach dem Verbot ihr Debüt, «Das lyrische Stenogrammheft», neu heraus. Mascha Kaléko reiste für eine Lesereise nach Deutschland und wurde triumphal gefeiert. Doch sie blieb nicht. 1959 folgte sie ihrem Mann nach Jerusalem, wo sie unter der sprachlichen und kulturellen Isolation litt, sich einsam und enttäuscht fühlte. Die Beziehung zum Verlag kühlte sich ab und zerbrach schließlich im Streit, als ein Lektor 32 ihrer 80 neuen Gedichte streichen wollte. Kaléko kündigte 1963 den Vertrag mit den legendären Worten: «Nicht immer ist ein streng erhobener Zeigefinger am Platze. Es gibt so viel Dinge zwischen Himmel und Rechtschreibung …»

Es dauerte über ein Jahrzehnt, bis der Kontakt wieder auflebte. Nach ihrem Bruch mit dem Verlag brachte Rowohlt «Das lyrische Stenogrammheft» erneut heraus – und landete einen sensationellen Erfolg mit 100.000 verkauften Exemplaren. Als Geste der Versöhnung und Anerkennung schickte der Verlag seiner einst verlorenen Autorin hundert Rosen.

Schicksalsschläge in Jerusalem

Der Umzug nach Jerusalem 1959/60 brachte Mascha Kaléko keine neue Heimat, sondern tiefe Isolation. Ihre letzten Lebensjahre wurden von zwei schweren Schicksalsschlägen überschattet: 1968 starb unerwartet ihr Sohn Steven, 1973 ihr Ehemann Chemjo Vinaver. Völlig vereinsamt, wurden ihre späten Gedichte zu einem erschütternden Zeugnis von Trauer und Verlust.

Mascha Kaléko starb 1975 und hinterließ uns Gedichte von zeitloser Schönheit, die von den Brüchen eines Jahrhunderts und der unzerstörbaren Kraft der Poesie zeugen.

Timeline

  • 1907 geboren
  • 1914 Umzug von West-Galizien nach Berlin
  • 1928 Heirat mit dem Journalisten und Philologen Saul Aron Kaléko
  • 1929 Veröffentlichung erster Gedichte
  • 1933 Veröffentlichung von «Das lyrische Stenogrammheft»
  • 1935 Schreibverbot durch die Nationalsozialisten
  • 1936 Geburt ihres Sohns Evjatan Alexander (später Steven)
  • 1938 Scheidung von Saul; wenige Tage später heiratete sie Chemjo Vinaver und wanderte mit ihrer Familie nach New York aus
  • 1956 Erste Lesereise durch Deutschland nach dem Krieg und gefeiertes Comeback
  • 1959 Ablehnung des Fontane-Preises wegen des Jurymitglieds Hans Egon Holthusen (ehem. SS-Mitglied)
  • 1959 Umzug der Familie nach Jerusalem
  • 1975 verstarb sie an Magenkrebs

 



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