01.02.2013   von rowohlt

Wie «Götter, Gräber und Gelehrte» entstand

«Scheint mir ein ziemlicher Quatsch zu sein» … Wie sich der alte Rowohlt einmal schwer irrte

Heute werden Bestseller von den Verlagen generalstabsmäßig geplant, im strategischen Zusammenspiel von Lektorat und Marketing, Presse und Vertrieb. Eine Garantie, dass das Kalkül aufgeht, gibt es nicht. Das war auch früher nur unwesentlich anders. Dennoch zählt die Geschichte, wie Rowohlt-Lektor Kurt W. Marek still und heimlich an «Götter, Gräber und Gelehrte», seinem <i>Roman der Archäologie</i> schrieb, diesen unter dem Namen C. W. Ceram seinem Freund und Verleger Ernst Rowohlt «andrehte», sicher zu den kuriosesten und ungewöhnlichsten, die die Branche kennt.


Heute wäre ein solcher Coup undenkbar – weder bei Rowohlt noch in einem anderen Verlagshaus. Eine Kurzfassung der Genese dieses Buchmärchens aus Mareks eigener Feder finden Sie hier – die komplette Geschichte ist in der «Illustrierten Rowohlt-Chronik» nachzulesen.

«GGG»? «Scheint mir ziemlicher Quatsch zu sein …»

Kurt W. Marek: «Nun hatte ich ja auch immer noch einen Vertrag mit Stalling in Oldenburg. Den ersten, den Lektoren-Vertrag, hatte ich rasch gelöst, als ich nach Hamburg kam. Aber der Buchvertrag – ich hatte nämlich mit Stalling einen «Roman der Archäologie» vereinbart – bestand noch. Davon erzählte ich Rowohlt. «Das ist Blödsinn», sagte er. «Sie kommen natürlich zu mir. «Was ist denn das für ein Buch?» Ich berichtete. Er hörte es sich schweigend an. «Scheint mir ziemlicher Quatsch zu sein», sagte er. «Archäologie! Will doch kein Mensch wissen! Aber egal. Kommen Sie rüber damit.» (…)


Ich sagte zu Rowohlt: «Zumindest müssen Sie das halbfertige erste Kapitel ja doch mal lesen, ehe wir einen Vertrag machen!» «Quatsch», sagte er. «Entwerfen Sie den Vertrag, und ich unterschreib ihn nachher! Aber Sie können das Manuskript ja spaßeshalber an meinen Sohn schicken, nach Stuttgart!»



So entwarf ich meinen eigenen Vertrag – einen durchaus fairen Vertrag –, und Rowohlt unterschrieb. Ein paar Wochen später kam von Ledig ein Brief: Er habe dieses Teilmanuskript gelesen; es scheine ihm nicht ganz uninteressant, aber er bezweifle doch, ob man das Thema zu einem ganzen, umfangreichen Buche auswalzen könne.


Und damit wurde das Buch von allen vergessen  außer von mir … Nicht einmal meine engsten Freunde wussten, daß ich an einem Buch schrieb. Ich hatte mich entschlossen, das Buch nicht unter meinem Namen zu publizieren. Und zwar aus einem sehr einfachen Grunde. Ich war in den Nachkriegsjahren durch meine publizistische Tätigkeit bei der «Welt» und beim NWDR das geworden, was man einen «bekannten Journalisten und Kritiker» nennt. Und zwar auf dem Felde der modernen Literatur, des Films und des Theaters. Mir war klar, wenn dieser «Marek» jetzt mit einem «Roman der Archäologie» herauskam, dann würde ihm das weder die Kritik noch der Buchhandel abnehmen, vom Publikum ganz zu schweigen. Also kehrte ich meinen Namen um.

«Wird das ein Weihnachtsbuch?»

Vor der Abreise ging ich zu Rowohlt: «Ich hab hier ein Manuskript, das wir unbedingt bringen müssen!»
«Was ist es denn?»
Ich erzählte es ihm. Er lauschte aufmerksam. «Glauben Sie wirklich, dass da was dran ist?
«Ja», sagte ich.


Längst vergessen war das schmale Kapitelchen, über das ich 1946 mit ihm einen Vertrag gemacht hatte. Und Rowohlt traute mir blindlings. «Aber wissen Sie», sagte er, «ich habe jetzt keine Zeit reinzugucken.» «Ist auch nicht nötig», sagte ich. «Na gut», sagte er, «dann sprechen Sie mit Friedrichsen» – Rowohlts Hersteller – «und lassen Sie’s in Satz gehen. Wird das ein Weihnachtsbuch?» «Ja», sagte ich. Und das ist wohl eine der ungewöhnlichsten Geschichten in der Verlagsgeschichte. Kein Mensch außer dem Autor hatte das Manuskript gelesen! Und der Autor selbst nahm das Buch an! …»

«Der Ceram fürs 21. Jahrhundert»

Alles Weitere über «Onkel Brülls» großen Coup kann man in der «Illustrierten Chronik». Zu seinem 100-jährigen Jubiläum brachte Rowohlt Mareks Archäologie-Klassiker (Umschlaggestaltung: Werner Rebhuhn), in einer Neuausgabe heraus. Aktualisiert, komplett durchgesehen, wissenschaftlich auf dem neuesten Stand und mit zahlreichen neuen Abbildungen – quasi «der Ceram fürs 21. Jahrhundert». Damit zur Weltgesamtauflage von ca. 5 Mio. Exemplaren noch das eine oder andere dazukommen möge.



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