30.08.2016   von rowohlt

Wer sind wir – und wenn ja wie viele?

«Dieses Buch leistet, was eigentlich die Aufgabe der Bundesregierung gewesen wäre.» (Der Spiegel)

Eines hat die «Flüchtlingskrise» gezeigt: das alte Deutschland ist unwiderruflich vergangen. Von der praktizierten Willkommenskultur über die brennenden  Flüchtlingsheime bis zur Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof – es ist viel passiert in den vergangenen Monaten. Der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Politikwissenschaftler Herfried Münkler und seine Frau Marina, Professorin für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Dresden, analysieren in ihrem Buch jenseits der Aufgeregtheiten der Tagespolitik, weshalb Migration der gesellschaftliche Normalfall und kein Ausnahmefall ist. Sie sprechen klar aus, welche Risiken und Gefahren bestehen. Und welche Chancen auf Erneuerung und Zukunft sich unserer Gesellschaft bieten. 


Welt am Sonntag: «Das Debattenbuch des Jahres.»
Süddeutsche Zeitung: «Die Politik weicht drängenden Fragen zur Einwanderung aus. Da kommt das kühl analysierende Buch von Marina und Herfried Münkler gerade recht.»
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Herfried und Marina Münkler entwerfen die Integrationspolitik neu.»

«Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, muss sich alles verändern» (Tomasi di Lampedusa)


Der Historiker Fernand Braudel klassifizierte Migration als historische Konstante und zivilisatorische «Unentbehrlichkeit»: Ohne ständigen Zuzug aus der Landbevölkerung wären die Städte niemals zu den Zentren gesellschaftlichen Lebens geworden, die sie seit Jahrhunderten sind. Auch wenn es den AfDs, Pegidisten et cetera nicht in den Kram passt: Nicht erst durch den Zuzug Hunderttausender Kriegs- und Armutsflüchtlinge ist  Deutschland ein Zu- und Einwanderungsland geworden – Migration hat es immer gegeben und wird es immer geben. Die Vertriebenen und Aussiedler der Nachkriegszeit, die bis 1961 in die Bundesrepublik gekommenen DDR-Flüchtlinge, die «Gastarbeiter» aus Italien, Spanien, Portugal und der Türkei in den 1960ern, die Russland-Deutschen nach 1990 – sie alle sind als Migranten zu «uns» gekommen. Migration ist Normalität – und keine Katastrophe.


Migration, speziell in der Form massenhafter Zuwanderung, setzt Ängste frei. Veränderungen, Umbrüche provozieren Selbstschutzreflexe – auch das kann man aus der «Flüchtlingskrise» lernen. Sie ist eine Herausforderung für praktisch alle Ebenen der staatlichen Administration, für die Arbeitsgesellschaft, für die Zivilgesellschaft. Und es reicht definitiv nicht, als Tageslosung ein moralisch hochambitioniertes «Wir schaffen das!» auszugeben. Es kommt vielmehr darauf an, den Menschen zu erklären, dass wir alle «die neuen Deutschen» sind: wir, die bereits hier sind, und jene, die zu uns kommen, um hier mit uns zu leben. 


«Die neuen Deutschen» von Marina und Herfried Münkler ist «ein Leitfaden, der sicher aus dem gegenwärtigen Gefühlslabyrinth herausführt» (Der Spiegel). Im letzten Teil des Buches, das sich gleichermaßen an Bürger, Mandatsträger und Praktiker des Flüchtlingsalltags wendet, werden begangene Fehler klar benannt und Lösungen vorgeschlagen. Wie kann eine erfolgversprechende Integrationspolitik aussehen? Sind Parallelgesellschaften «Durchgangsschleusen der Integration oder Räume dauerhafter Trennung»? Wie kann es Staat, Arbeitsmarkt und Zivilgesellschaft gelingen, den Neuankömmlingen eine Heimat zu geben, kurz: aus Fremden «Deutsche» zu machen? Welche Bilder, welche Begriffe, welche Geschichten helfen beim Abbau diffuser Ängste und Abwehrreflexe?


Nils Minkmar erinnert in der SPIEGEL-Rezension an ein verheerendes Versäumnis der Politik der letzten Monate: «Eine moderne Gesellschaft funktioniert ähnlich wie eine Familie, eine Wohngemeinschaft oder ein Verein: Wenn es irgendwo kracht und scheppert, wenn sich etwas verändert, muss jemand erklären, was eigentlich gerade passiert – auch dann, wenn es alle gesehen haben. Menschen deuten sich ihre Welt mit Begriffen. Dieses Buch leistet, was eigentlich die Aufgabe der Bundesregierung gewesen wäre.»


Anders als jene, die meinen, komplexe Zusammenhänge mit simplen Erklärungsmustern (Kapitalismus, Imperialismus, Globalisierung, religiöser Fanatismus, Klimaerwärmung etc.) angehen zu können, setzen sich die Münklers sehr genau mit den Kernfragen des Flüchtlingsthemas auseinander. Mit dem humanitären Aspekt, der rechtlichen Situation (deutsches Staatsangehörigkeitsrecht, orientiert am ius sanguinis), der demografischen Problematik, der Frage nationaler resp. kultureller Identität. Wer oder was deutsch ist, das gilt es neu zu verhandeln. In dem Debattenbeitrag der Münklers wird ein ganzes Bündel an Kriterien des «Deutschseins» formuliert.

«Sie sagen ‹deutsch›, aber sie meinen Selbstprivilegierung»


Dass sie mit ihrer Definition von Deutschsein «bei vielen auf Skepsis stoßen und bei einigen auf offenen Widerspruch», ist den Autoren bewusst. Vor allem jene werden wütend aufschreien, für die nur derjenige als Deutscher gilt, der hier geboren wurde und dessen Vorfahren schon seit zig Generationen hier gelebt haben. «Das aber ist nichts anderes als eine Behauptung, mit der die Alteingesessenen gegenüber den Tüchtigen und Leistungsfähigen privilegiert werden. Sie sagen ‹deutsch›, aber sie meinen Selbstprivilegierung. Die Vorstellung des Deutschseins dient hier dem Selbstschutz derer, die sich vor einem Leistungsvergleich scheuen und keinerlei Konkurrenz ausgesetzt sein wollen.» Hier die von Herfried und Marina Münkler ausgeführten fünf «Identitätsmarker» des Deutschseins:


«Als Deutscher soll hier … ein jeder verstanden werden, der davon überzeugt ist, dass er für sich und seine Familie durch Arbeit (gegebenenfalls auch durch Vermögen) selbst sorgen kann und nur in Not- und Ausnahmefällen auf Unterstützung durch die Solidargemeinschaft angewiesen ist.  Für diesen Deutschen gilt weiterhin, dass er Grund hat, davon auszugehen, dass er durch eigene Anstrengung die angestrebte persönliche Anerkennung und einen gewissen sozialen Aufstieg erreichen kann. Wird im ersten Identitätsmerkmal die Bereitschaft zur Selbstsorge herausgestellt sowie der Leistungswillen in Bezug auf die Gesellschaft, der er angehört, so hebt das zweite Identitätsmerkmal auf das Vertrauen ab, das er gegenüber der Gemeinschaft hat, ihm im Notfall beizuspringen und zur Seite zu stehen. Das sind die zwei Identitätsmarker, die für die sozioökonomische Dimension stehen.


Sie werden durch zwei eher soziokulturelle Identitätsmarker ergänzt. Der erste davon steht für die Überzeugung, dass religiöser Glaube und seine Ausübung eine Privatangelegenheit sind, die im gesellschaftlichen Leben eine nach geordnete Rolle zu spielen hat und bei der Bearbeitung von Anträgen durch die Verwaltung sowie bei der Bewerbung um Arbeitsplätze und Positionen ohne Bedeutung ist. Zudem, so der zweite soziokulturelle Identitätsmarker, hält sich der als deutsch Bestimmte daran, dass die Entscheidung für eine bestimmte Lebensform und die Wahl des Lebenspartners in das individuelle Ermessen eines jeden Einzelnen fällt und nicht von der Familie vorgegeben wird.


Der fünfte und entscheidende Identitätsmarker der Deutschen soll und muss das Bekenntnis zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sein. Eine Verfassung, die errichtet wurde, um die so furchtbaren, von Deutschen verübten Verbrechen nie wieder geschehen zu lassen, die dazu gedacht war, ein Zusammenleben auf rechtlichem Fundament überhaupt erst wieder möglich zu machen und die sich gerade nicht auf die Nation als ethnisch begründete Gemeinschaft bezieht, wenn sie von der Würde des Menschen spricht, die zu schützen Aufgabe aller staatlichen Gewalt ist, sondern dies für jeden dem Geltungsbereich des Grundgesetzes Zugehörenden verbindlich macht, kann hochintegrativ wirken: Sie vermittelt die Überzeugung, dass jeder und jede sich im Hinblick auf die Würde jedes Einzelnen neu zu denken vermag und dass dies zu einem neuen Gemeinwesen führen kann.»

Top