24.01.2018   von rowohlt

«Vorläufig gefallen für die Sache des Faschismus …»

Andrea Camilleri erzählt eine vergnüglich-groteske Episode aus der bigotten Kleinbürgerwelt des italienischen Faschismus

© iStockphoto.com
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Michele Ragusano, wegen «systematischer Diffamierung des ruhmreichen faschistischen Regimes» zu fünf Jahren Verbannung verurteilt, betritt in seiner Heimatstadt Vigata das Haus des faschistischen Vereins, in dem er einst Mitglied war. Der Empfang fällt frostig aus, es kommt zum Streit. Der alte Manuele Persico, ein Veteran der faschistischen Bewegung, erleidet einen tödlichen Schlaganfall. Persico wird feierlich begraben und soll fortan als Märtyrer des Faschismus in Erinnerung bleiben. Bis ein pikantes Detail aus seiner Vergangenheit ans Tageslicht kommt – und ein ganzes Städtchen, mitten im Krieg, in Aufruhr versetzt. «In diesem Buch steckt der ganze Camilleri: seine Sprache, seine Ironie, seine Frauenfiguren mit ihrer erschreckenden Schönheit, seine Männerfiguren, die stets die Früchte ernten wollen, ohne etwas dafür zu tun.» (Corriere della Sera) 


Wenn es ein Mysterium um Andrea Camilleri, den Autor der berühmten Montalbano-Krimis, gibt, dann sein später Erfolg als Schriftsteller. Nicht dass seine berufliche Karriere vorher eine einzige Tristesse gewesen wäre. Bei der RAI, Italiens öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalt, hatte er einst eine auf sechs Monate befristete Stelle angetreten. Und blieb dreißig Jahre. 120 Theaterinszenierungen, 80 Fernsehproduktionen, 1300 Regiearbeiten für das Radio – Erfolglosigkeit sieht anders aus. Dann erst verlegte sich der in Rom lebende Sizilianer auf «massentaugliche Literatur» unterschiedlicher Genres – und avancierte zu einem der meistgelesenen Autoren Italiens. Mit leichter Hand, souverän und amüsant, scharfsinnig und sarkastisch, das ist Camilleris unverkennbares literarisches Markenzeichen. «Der Fall Camilleri ist – trotz des weltweiten Erfolgs  – noch lange nicht abgeschlossen.» (Corriere della Sera)

«Sie schloss die Augen und ließ sich trösten»


«Die Inschrift» – ein schmaler Band, ein großes Vergnügen! Die Geschichte beginnt genau einen Tag nach dem Kriegseintritt Italiens an der Seite von Hitlerdeutschland. Die Leute in Vigata hatten Mussolinis Rede über Lautsprecher auf den Straßen der Stadt gelauscht. Großer Tumult, nationalistisches Tohuwabohu; im munteren Wechsel wurde «Tod den Franzosen!», «Tod den Engländern!» und «Es lebe der Duce!» skandiert. In dieser kriegstrunkenen Atmosphäre kann der Besuch eines «Verräters» wie Ragusano im Verein «Faschismus und Familie» nicht gut enden. Jemand wie er, der jahrelang auf Lipari in der Verbannung gelebt hatte, musste einfach zur Zielscheibe der Duce-Hardliner werden.


Es ist der brutale Cocò Giacalone, der beantragt, Ragusano unverzüglich aus dem Vereinslokal zu entfernen. Begründung: De Abtrünnige sei vor Jahren schon ausgeschlossen worden. Kleiner Haken an Giacalones Version: Der Betroffene weiß von seinem Ausschluss nichts, da niemand ihn in Kenntnis gesetzt hatte. Kann ja mal passieren; blöd nur, dass Signora Ragusano Jahr für Jahr brav den Mitgliedsbeitrag überwiesen hatte. Für den ehrenwerten Altfaschisten Don Manueli Persico heißt das, korrekt ist korrekt – dass man den Mann nicht ohne weiteres rausschmeißen könne. Es geht hin und her, die Wogen der Erregung unter den Vereinsmitgliedern schlagen hoch, bis Ragusano diese folgenschweren Sätze spricht: «Und was euch betrifft, Don Manueli Persico, so revanchiere ich mich für eure Freundlichkeit, indem ich meinen Mund halte und nicht erzähle, was ich in der Verbannung über euch erfahren habe …» 


Als man Ragusano zwingt, mit seinem «Geheimnis» herauszurücken, fällt der Name Antonio Cannizzaro. Worauf Persicos Herz vor Schreck zu schlagen aussetzt. Der Mann, den alle «u nonno», den Großvater, nannten, ist tot. In ihrer Wut stürzt sich die Meute auf den Verursacher des Unglücks und hätte ihn womöglich totgeschlagen, wären nicht die Carabinieri rechtzeitig eingetroffen. Das feierliche Begräbnis des so tragisch verschiedenen Altfaschisten, der schon beim legendären Marsch der Schwarzhemden auf  Rom 1922 dabei war, wird zum Auftakt einer wilden Kleinstadtposse, in der Persicos Witwe eine besondere Rolle zukommt:


Anna Bonsignore, 25 Jahre alt und von geradezu furchteinflößender Schönheit. «In ganz Vigata gab es keinen Mann, der nicht gelegentlich, vor allem nachts, an die vergeudete Schönheit der jungen Frau dachte, die da so allein in ihrem Bett lag …» Der nicht unbeträchtliche Altersunterschied von mehr als sieben Jahrzehnten müsste, so das Kalkül einiger kommunaler Honoratioren, bei der schönen Anna zu einer gewissen sexuellen Unterversorgung geführt haben. Ein untragbarer Zustand, wie nicht nur Cocò Giacalone befindet, sondern auch Professor Ernesto Larussa. Von beiden lässt sich die liebeshungrige Witwe bereitwillig trösten. Monetär betrachtet sind die beiden frischen Liebhaber für Anna eine kluge Entscheidung, die ihr eine lebenslange Ehrenpension des faschistischen Staats einbringen soll. 


Im Gedenken an den Verstorbenen beschließt der Stadtrat, eine der wichtigsten Straßen Vigatas nach Don Manueli zu benennen. Nur – wie soll die Inschrift am neuen Straßenschild lauten? «Via Emanuele Persico – gefallen für die Sache des Faschismus»? Als ein dritter Anna-Vernarrter brüsk von der verführerischen Witwe abgewiesen wird, nimmt die Geschichte eine für die Duce-Leute hochnotpeinliche Wendung. Als nämlich herauskommt, was sich im November 1921 bei einer Straßenschlacht in Marseille zwischen italienischen Sozialisten und Faschisten zugetragen haben soll.


Diese triste Episode aus dem Vorleben des nun gar nicht mehr so ehrenwerten Don Manueli Persico verändert in Vigata manches, und zwar aufs Dramatischste. Vor allem die Frage, wie denn nun die Inschrift auf dem Straßenschild zu lauten habe …

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