22.01.2018   von rowohlt

«Vielleicht ergibt Japan keinen Sinn…»

Alles «gnadenlos kawaii»? Dennis Gastmann im Gespräch über Rätsel, Regeln und Rituale im Land der aufgehenden Sonne

© Dennis Gastmann
© Dennis Gastmann

Die Jahrhunderte der Abschottung liegen weit zurück, und doch wirkt Japan bis heute unvergleichlich fremd und geheimnisvoll. Gastmann macht sich auf, es zu erkunden – mit seiner Frau Natsumi, die aus einer alten Samurai-Familie stammt. Die beiden bereisen den ganzen Inselstaat: Sie stehen staunend an den Seen der Götter auf Hokkaido, reisen zu den Vulkanen auf Ky?sh? und verlieren sich im Lichterrausch von Tokio, Kyoto und Osaka. Dennis Gastmanns Reiseerzählung ist das faszinierende Porträt eines Landes zwischen Ordnung und Anarchie, Besessenheit und Zen – und ein sehr persönliches Abenteuer. Über allem schwebt die eine entscheidende Frage: Kann ein «Gaijin» wie er, ein Fremder, eine Kultur verstehen, die ein Fremder gar nicht verstehen kann?

DAS INTERVIEW


«Hajimemashite – Schön, Sie kennenzulernen», lieber Dennis Gastmann. Wie geht's Ihrem Japanisch mittlerweile? In Hakodate auf Hokkaido haben Sie einmal, statt um die Rechnung (o-kanjo) zu bitten, eine Freundin (o-kanojo) bestellt …
... und mich daraufhin über den seltsam verstörten Blick der Bardame gewundert, während ein Herr an der Theke an einem plötzlichen Asthma-Anfall zu verscheiden schien. Glücklicherweise konnte Natsumi, meine Ehefrau, die Verwirrung mit einem Lächeln klären. Sie ist ohnehin dagegen, dass ich Japanisch lerne. Es sei ihre Geheimsprache, sagte sie mir einmal, in der sie die wirklich wichtigen Dinge mit ihrer japanischen Mutter kläre. 


Sie haben Japan mit Ihrer Frau bereist. Als Halbjapanerin scheint Natsumi ein Faible für klare Ansagen zu haben: «Flieg um die Welt, verschwinde, solange wir keine Kinder haben.» Mittlerweile sind Sie stolzer Vater eines kleinen Jungen. Ist es damit um den Reisereporter Dennis G. geschehen?
Diese Frage stelle ich mir tatsächlich in «Der vorletzte Samurai», ganz heimlich, still und leise, während wir einen Walhai betrachten, der seine Runden im Meeresaquarium von Kagoshima dreht: Ist es um den Abenteurer geschehen, wenn er sesshaft wird? Die Familie, der ultimative Karriereknick? All diese Ängste konnte ich inzwischen besiegen. Natsumi weiß, auf wen sie sich damals eingelassen hat. «Das Abenteuer ist Dein Job», sagt sie. Ihr Ja-Wort war wohl einer der wenigen irrationalen Moment in ihrem Leben. Rational betrachtet hätte sie einen Investment-Banker heiraten sollen. 


Natsumi, schreiben Sie, sei das Resultat einer «weltweiten Suche» nach der einen, der einzig richtigen Frau. Die Pointe: Während Sie durch die Welt vagabundierten, lebte Natsumi zur gleichen Zeit in Hamburg, «keine 500 Meter von meiner Wohnung entfernt». Wie konnten Sie sie nur all die Jahre übersehen? 
Aus irgendeinem schicksalhaften Grund müssen wir uns vorher nicht begegnet sein, sonst hätte ich sie niemals übersehen. Stattdessen habe ich überall nach ihr gesucht – in den steinernen Straßen von Taschkent, unter dem Bananenmond von Mangareva in der Südsee oder am Grünen Meer –  dort, wo des nächtens die Dschinn aus den Wellen steigen, auf der Jagd nach einem Beduinenkind. Letztlich habe ich eine Frau gefunden, mit der ich am Frühstückstisch reisen kann. Etwa dann, wenn sie ein Rührei mit Stäbchen quirlt. Das finde ich zauberhaft. 


Vom mythischen Fuji heißt es: Wer ihn niemals besteigt, ist ein Dummkopf; wer ihn mehr als einmal besteigt, ist ebenfalls ein Dummkopf. Wie viel Mut gehört dazu, als Honeymooner den mit gut 3.700 Metern höchsten Berg Japans nicht hoch zu kraxeln?
Erfreulicherweise nahm uns der Morgennebel die Entscheidung ab. «Wenn ich den Berg von hier aus nicht sehen kann», sagte Natsumi, während wir mit dem Schnellzug von Tokyo nach Kyoto unterwegs waren, «warum soll ich ihn dann hinaufklettern? Von oben kann ich den Fuji-san doch erst recht nicht sehen!» Das Problem mit dem Schicksalsberg der Japaner ist, dass er um seine Wirkung weiß, also macht er sich rar. Der Fuji-san ist eine Diva, und dennoch wird er in den Sommermonaten von vielen tausend Pilgern bestiegen. Manche sollen von dieser Wallfahrt so überwältigt sein, dass sie im Sonnenaufgang leise weinen. Die japanische Sprache kennt ein geflügeltes Wort, das diese jähe, bittersüße Empfinden beschreibt, wenn sich Euphorie und sanfte Traurigkeit umarmen: mono no aware – Dinge, die das Herz zerreißen. 


Manches in Japan hat Sie doch arg irritiert – die Vorstellung etwa, dass Iesu Kirisuto, also Jesus Christus, im Alter von 106 Jahren in Japan friedlich sterben durfte, weil ja nicht er, sondern sein (uns Bibel-Kennern unbekannter) Bruder Isukiri in Judäa für ihn gestorben ist. Anderes hat Sie in helle Begeisterung versetzt, zum Beispiel die japanische Toilette. Warum?
Weil die japanische Hygiene nicht zwanghaft, sondern überlegen ist. Ich werde nie verstehen, warum Europäer lieber den Straßendreck in der Wohnung verteilen, anstatt Hausschuhe anzuziehen. Und warum sie sich im Bad auf einem Folterstuhl aus Pressspan niederlassen, um ihre intimsten Stellen wenig später mit rauem Papier zu malträtieren. Wenn ich eine japanische Badezimmertür öffne, stellt sich der Toilettendeckel von selbst hoch. Ein Hauch von Wasserdampf steigt auf, der Deckel ist beheizt, und eine «Geräuschprinzessin» übertönt unangenehme Geräusche mit dem Rauschen des Meeres, bevor sich ein kleines Helferlein daran macht, die gewünschten Körperstellen zu reinigen und anschließen zu trocken. So wird aus einer peinlichen Notwendigkeit ein klinischer, nahezu therapeutischer Vorgang. Das alles erleichtert das Scheißen ungemein. 


Es ist schon ein dramaturgisch brillanter Kniff: Man muss bis zur vorletzten Seite lesen, um zu verstehen, wer der titelgebende «vorletzte Samurai» ist. Wollen Sie das Geheimnis für unsere Leser*innen hier und heute schon lüften?
«Dramaturgisch brillant» ist vermutlich vergiftetes Lob, aber Sie haben recht: Jeder normale Lektor hätte mich dazu zwingen müssen, die Bedeutung des Titels bereits auf der ersten Seite zu erklären:  Klarheit, Struktur, Verständlichkeit. Ich bin froh, dass mein Lektor milde mit mir war. Er hat verstanden, dass es hier nicht um den schnellen Gag, sondern wahrlich um ein Geheimnis geht. Es ist das Resümee einer langen Reise, die bereits vor viele Jahren begonnen hat. Wenn ich es jetzt lüften würde, wäre es keines mehr.  


Letzte Frage: Die 4 gilt in Japan als gefürchtete Zahl, die Tod und Verderben bringen kann. Wäre eine Verkaufsauflage von mindestens 44.444 Exemplaren für den «Vorletzten Samurai» also ein Unglück? 
Es gab einen Moment auf unserer Reise, irgendwann in einer Tokyoter Nacht, da stand ich mit Natsumi an einem Hotelfenster. Wir blickten hinunter in tausend Neonlichter, ein Gewitter aus Farben, und sie sagte, ich möge bitte alles vergessen, was ich über Japan gelesen hätte, die Handbücher und all die Ratgeber beiseite legen. «Lass das Land doch einfach auf Dich wirken.» Es war der Schlüssel für meine Reiseerzählung. Mit der Zeit verstand ich, dass nicht alles einen Sinn ergeben muss – und dass die vier nicht nur Tod und Verderben, sondern auch großes Glück bedeuten kann.  

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