01.04.2016   von rowohlt

Tofu ist, wenn man trotzdem lacht

«Ich kann nicht so lange warten, bis die Veggie Week zur gesetzlichen Pflicht wird»: Mark-Stefan Tietzes tollkühner veganer Selbstversuch

© iStockphoto.com
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Seine Freunde halten es für einen schlechten Witz: Ausgerechnet Titanic-Veteran Mark-Stefan Tietze, bekennender Steak-Liebhaber, Käse-Connaisseur und Rührei-mit-Speck-Fan, versucht sich am veganen Leben. Mit präziser Beobachtung, Humor und Selbstironie erkundet er das wichtigste weltanschauliche Reservat der Gegenwart: Sag mir, was du isst, und ich sag dir, ob du ein guter Mensch bist. «Allein unter Veganern» – das Buch für alle, die Ernährung ernst, aber Sinnfragen auch heiter nehmen können.


Wie unser satirisch wie kulinarisch gleichermaßen kompetente Autor seinen 100-tägigen Vegan-Crashkurs überstanden hat? Lassen Sie sich überraschen! Wir blenden kurz mal ins achte und letzte Kapitel,  wo wir Folgendes erfahren: 


Über den Tellerrand hinaus

Als ich am Morgen des 10. Juli gegen neun Uhr erwache, fällt ein mittelschwerer Stein von meinem Herzen, das daraufhin mit jedem Schlag größer und leichter wird. Ich habe es tatsächlich geschafft! Ich habe meine Ernährung radikal und konsequent umgestellt und mir in hundert Tagen selbst bewiesen, dass ich in der Lage bin, ein neues Leben anzufangen und einen anderen Menschen aus mir zu machen. 


Dabei war diese Zeit weniger entbehrungsreich denn unglaublich bereichernd für mich. Ich habe massenhaft neue Erfahrungen gewonnen und dafür, wie mir die Waage soeben mit 70,3 Kilo zu verstehen gibt, ordentlich an Gewicht verloren – nämlich siebeneinhalb Kilo, das Äquivalent von dreißig Butterpäckchen. Jetzt bin ich frei zu tun, was ich will: zum Beispiel meine bedenklich gewucherte protestantische Geisteshaltung endlich wieder auf ein akzeptables Maß zurückzuschrauben. Und frei zu lassen, was ich nicht will: zum Beispiel meine Ernährungsgewohnheiten von früher wiederaufzunehmen.


Denn ich habe viel gelernt in den vergangenen hundert Tagen. Ich habe gelernt, dass eine bewusste Ernährung mit pflanzlichen Lebensmitteln das Wohlbefinden steigert und zu Selbstbewusstsein und Autonomiegefühl beitragen kann, insbesondere in einer Gesellschaft, die offenbar ein Problem mit Ernährung hat und zu siebzig Prozent aus Essgestörten zu bestehen scheint. (…)


Und während ich mir auch an Tag einhunderteins ein prachtvoll veganes Frühstück schmecken lasse, meldet sich diese Stimme und befiehlt unmissverständlich: «Heute zur Feier des Tages zum Griechen gehen und Gyros essen. Dr. M. einladen. Keine Widerrede.»

Gyros nach Vegan: keine ganz tolle Erfahrung

Es hat wohl nicht nur mit dem gleißenden Wetter zu tun, dass ich mir abends zum ersten Mal in diesem Jahr eine goldverspiegelte Sonnenbrille aufsetze, sondern auch mit einem leichten Anflug von Scham darüber, dass ich der langgeübten Askese jetzt entsagen will. Der ist jedoch schnell verflogen, als wir auf der Gartenterrasse einer vielgerühmten Taverne im Nordend unsere Gläser auf den erfolgreichen Versuchsabschluss erheben. Ich werde sogar so übermütig, den großen Grillteller mit «Gyros, ein Lammkotelett, ein kleines Souvlaki, ein kleines Bifteki, Tsatsiki und frittierten Kartoffelscheiben» zu wählen.


Ulkigerweise hält meine fabelhafte Laune an, obwohl das Fleisch faserig und zäh ist, mir überhaupt nicht schmeckt und ich hinterher beim Anblick des abgenagten Lammkotelettknochens auf meinem Teller glaube, selten etwas Unsinnigeres gesehen zu haben als diese groteske Erinnerung an den sinnlosen Tod eines Tieres. Ich habe schon wieder etwas gelernt: Ich hätte es nicht gebraucht. Da dies erst recht ein Grund zum Feiern ist, wird es eine lange Nacht. Sie klingt im Henscheid aus, wo ich die vielen Glückwünsche, endlich wieder «normal» geworden zu sein, ab schütteln muss wie Fliegen bei geöffneter Balkontür im Hochsommer.


Darum verzichte ich am folgenden Abend bei einem Geburtstagsfest in einem Bootshaus am Osthafen auch wieder auf Fleisch und kapriziere mich stattdessen auf den lange vermissten Käse. Die Röschen vom Tête de Moine, die ich mir dort vom Laib hobele, erfüllen mich an Weintrauben, Weißbrot und Butter wirklich mit Glück. Zu fortgeschrittener Stunde gerate ich trotzdem in einen erbitterten Streit mit einem älteren Partygast, der damit endet, dass er mir von hinten gegen den Kopf schlägt und ich ihn dafür mit meinem frisch gefüllten Glas Weinschorle von oben bis unten durchnässe, bevor er des Fests verwiesen wird. Dass ich überhaupt so auf Krawall gebürstet war, führe ich auf meinen Fleischkonsum am Vortag zurück – meine elegante Reaktion und Treffsicherheit dagegen auf die vegane Ernährung der letzten hundert Tage. (…)

Essen Sie Cashewkerne!

Vermutlich bin ich deshalb auch gar nicht der Richtige, den man in solchen Angelegenheiten nach Ratschlägen fragen sollte, aber wenn Sie, liebe Leserinnen (oder auch Sie, lieber Herr Leser), zum Schluss unbedingt darauf drängen, nun gut, bitte schön. Erstens: Wenn Sie sich beim Verzehr tierischer Produkte öfters mal bei einem schlechten Gewissen ertappen, dann sollten Sie einfach keine mehr essen oder jedenfalls entschieden weniger davon.


Zweitens: Auch sonst ist es gut, einfach mal irgendwas im Leben anders zu machen, das reinigt die Seele und entschlackt den Gedankenapparat. Ich würde mich schon freuen, wenn Sie ab morgen einfach mal den Zug statt des Privatjets nähmen oder die Treppen statt des Aufzugs. Damit könnten Sie sich selbst zeigen, dass Sie ungewöhnlichen Erfahrungen nicht aus dem Weg gehen, sondern weiterhin unbändige Lust haben, Ihre reichen Anlagen als Mensch vollständig zu entfalten. Ganz am Ende möchte ich Ihnen vor allem ein Drittes ans Herz legen: Essen Sie unbedingt mehr Cashewkerne …»


Weshalb das, fragen Sie? Ist doch klar: Cashewkerne sind unglaublich gesund. Sie schmecken unglaublich lecker (und zwar zu fast allem). Und sie besitzen unglaublich magische Kräfte. Weshalb das, fragen Sie. Das weiß ich leider auch nicht so genau.

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