25.09.2018   von rowohlt

Schockwellen und Zeitenwenden

Scharfsinnig, leidenschaftlich, aktuell: Ein Band mit Péter Nádas' wichtigsten Essays aus den Jahren 1989 bis 2014

© Gáspár Stekovics
© Gáspár Stekovics

Vor dem Schreiben liegt das Nichtschreiben – die Berührung mit der Realität, die für Péter Nádas viele Bezirke, Räume, Dimensionen umfasst. Ohne täglich von neuem all dessen innezuwerden, was sich im Bewusstsein drängt, von den Träumen, Alltagsbeobachtungen und ästhetischen Erfahrungen bis zu den verstörenden Nachrichten, könnte er nicht beginnen. Diese unverzichtbare Übung hat, neben seinen Meisterwerken der Erzählkunst, Betrachtungen zu Kunst und Literatur sowie große Abhandlungen hervorgebracht, in denen Nádas historische Verwerfungen und Abgründe des Menschlichen ausleuchtet. «Leni weint» versammelt die wichtigsten dieser Essays aus den Jahren 1989 bis 2014 – ein Vierteljahrhundert, das mit einem politischen Aufbruch in die Freiheit begann und mit dem Rückfall in den aggressiven Populismus endete.

Selbstbildnis eines Schriftstellers


Intellektuelles Engagement und literarische Sensibilität sind im Werk von Péter Nádas nicht zu trennen. In diesen 30 Essays widmet er sich den unterschiedlichsten Themen: vom geistigen und mentalen Trümmerhaufen nach dem Ende des Kalten Kriegs, den Tagebüchern Thomas Manns über die Mysterien der Mutter Teresa, pathologische Exzesse der «moskowitischen imperialen Kultur» und den missglückten dritten Versuch einer Modernisierung Ungarns bis zur «Sache mit Václav Havel und Madeleine Albright» und den «Erfahrungen beim Nachlesen der Walser-Bubis-Debatte».


Im Essay «Großes weihnachtliches Morden» analysiert er die eigene Mitleidlosigkeit beim Anblick der Fernsehbilder von der Exekution des rumänischen Despoten Nicolae Ceaucescu und seiner Frau Elena. «In mir war kein Erbarmen und auch kein Mitleid mit dem Ehepaar. (…) Der niedrige Genuss liegt in gefährlicher Nähe zum edlen Vergnügen. Vielleicht ist das so, weil wir für die beiden unterschiedlichen Arten der Lust keine gesonderten Nervenstränge haben. Auch Lust und Schmerz können sich berühren. (…) Die Verlaufskurve heftiger politischer oder religiöser Ekstasen unterscheidet sich kaum von der steigenden Kurve beim Liebesakt. Das moralische Urteilsvermögen setzt aus, die Selbstreflexion pausiert. Nicht nur in den Extremitäten, auch in den Lenden und im Bauch, in den Eingeweiden und in der Ring- und Schließmuskulatur kommt Spannung auf. Auch wenn jemand einen Despoten ermordet oder wenn man zuschaut, wie andere einen Despoten ermorden. Konträre, krampfartige Muskelkontraktionen und Muskelspannungen. Deshalb sind die politischen oder religiösen Ekstasen der Massen ein so überwältigender Anblick. Deshalb ist die Hysterie der Masse so furchterregend.»


Einer der schönsten Texte des Bandes nimmt seinen Ausgang bei dem mächtigen Birnbaum im Garten von Nádas' Haus im winzigen Dorf Gombosszeg, vier Bahnstunden von Budapest entfernt. «Zum zweiten Mal schreibe ich unser Wildbirnenbaum, obwohl ich ihn niemals als Eigentum betrachtet habe. Eher ist es umgekehrt. Ich empfinde es als besonderes Glück, seit zwei Jahrzehnten in seiner Nähe leben und ihn in voller Blütenpracht, dicht belaubt oder über Monate ganz kahl sehen zu dürfen, wenn ich von meiner Arbeit aufblicke.»


Dieser uralte Baum, unter dem sich schon vor Generationen die Dorfbewohner versammelten, wenn die Hitze des Tages abends nicht weichen wollte, ist der Mittelpunkt einer ganz eigenen Welt, in der, ganz gegen den technischen Zeitgeist, magische und mythische Bewusstseinsinhalte für die Einheimischen eine wichtige Rolle spielen. Wer hier lebt, denkt anders, fühlt anders – und spricht anders: «Die Einheimischen wissen zum Beispiel, dass die Menschen sich anderswo grüßen, da sie auch auswärts arbeiten gehen, doch innerhalb des Dorfes ist der Gruß nach wie vor unbekannt. Auch die Bewohner der umliegenden Dörfer grüßen sich nicht. Sie verabschieden sich auch nicht voneinander. Wenn sich Nachbarn, Verwandte oder Bekannte auf der Straße oder im Bus begegnen, fangen sie statt eines Grußes auf der Stelle zu sprechen an und reden so lange, bis der andere außer Hörweite ist. Alles andere wäre unhöflich.»


Wir dokumentieren hier seinen Text über den ungarischen Literaturnobelpreisträger Imre Kertész (erstveröffentlicht in Élet és Irodalom im Oktober 2002):

Imre Kertész und sein Thema


«Schon immer hat Kertesz’ Thema
seine literarische Leistung zu großen Teilen verdeckt, und dies wird wohl noch lange so bleiben.
Der unsägliche Versuch, das europäische Judentum vollständig zu entrechten, zu plündern und auszurotten, gehört nicht zu den Geschichten oder Themen, die man am Dienstag erledigt und am Mittwoch vom Tisch wischt. Diese Sache verjährt nicht. Man kann sie nicht wie irgendeine Familiengeschichte nachträglich ummodeln, um sie dann zusammen mit einer anderen, als verzeihlich geltenden historischen Schuld dem Vergessen anheimzugeben. Dem kollektiven Versuch, das europäische Judentum völlig zu entrechten, systematisch zu plündern und methodisch auszurotten, ging die gezielte ideologische Aktivität und eine koordinierte Indoktrination mehrerer europäischer Völker voraus. Er kann keineswegs als Betriebsunfall der europäischen oder gar der ungarischen Geschichte gelten. Noch wird es für ihn je eine kirchliche oder weltliche Absolution geben.


Und mag einer auch keine persönliche Verantwortung damit verknüpfen, so heißt das nicht, dass er sich um die bleibende historische Verantwortung drücken kann. Die Realität von Auschwitz ist in den letzten sechs Jahrzehnten zum universalen Maßstab für Ethik, Politik und Recht geworden. Auch diejenigen kommen nicht um sie herum, denen daran am meisten gelegen wäre: die Nationalisten und die Faschisten. Gezwungenermaßen müssen sie sich von dem abgrenzen, was sie nur allzu gern wiederholen würden. Ethnische Säuberungen, Massenvernichtung und Völkermord gehören nicht mehr zu den legitimen nationalen Phantasien. Die historische Erfahrung von Auschwitz ist wie eine Schwelle, an der jeder, Tag für Tag, das Maß seiner eigenen Ignoranz beziehungsweise die Glaubwürdigkeit seiner Haltung ablesen kann. Wer nicht über Auschwitz nachdenkt, kann nicht über Gott nachdenken. Auch nicht über die menschliche Drachenbrut. Staatliche Institutionen, Kirchen, Familien, Einzelpersonen – sie alle können nicht umhin, diese hohe Schwelle des kollektiven Bewusstseins zu überschreiten. Weder die gestern noch die heute Geborenen.


Das Bild des Menschen in der europäischen Kultur ist ohne Auschwitz fortan nicht mehr vollständig darstellbar. Auschwitz erscheint uns im gleichgültig-ätherischen Lächeln der Mona Lisa, seine Leichen türmen sich hinterm Isenheimer Altar. Gott ist nicht tot. Doch Maske, Schminke, Schleier helfen nicht mehr weiter. Das jahrtausendealte Idol der Selbstvergötterung und des Selbstmitleids ist in den rauchenden Schloten von Majdanek und Sobibor, auf den Bahnhöfen von Debrecen, Miskolc und Pécs, in den Krematorien von Auschwitz und Ravensbrück wahrhaftig und endgültig zunichte geworden. Das Christentum verfügt über keine andere, idealere Realität, über keine von Auschwitz abtrennbare Geschichte. Ohne Auschwitz gibt es nunmehr keine christliche Theologie.


Seltsamerweise wird nicht nur Kertesz’ literarische Leistung von seinem zentralen Thema verdeckt, dieses immense Thema verdeckt auch seine sozusagen innersten Themen.


Seine Themen sind ineinander verschachtelt wie schreckliche Zauberkisten.


Als Kertész aus dem Kontinuum der Diktaturen auf das ‹schöne› und ‹einzigartige› Auschwitz seiner Jugend zurückblickte, erkannte er Auschwitz als die tiefste, essentiellste Realität der europäischen Kultur. Es gehört zu den großen strukturellen Erkenntnissen seines Werks, dass man Auschwitz von Auschwitz aus nicht sehen kann, während es aus dem Blickwinkel der sich fortsetzenden Diktaturen wie eine schöne Erinnerung erscheint. In der Diktatur sind die Bewusstseinsinhalte jeder einzelnen Person zwangsweise verzerrt. Qualvoll also das Wiedererkennen einer Kontinuität da, wo andere höchstens einen zivilisatorischen Kurzschluss, das unerklärliche Werk des Bösen oder das Tun des Zufalls sehen mochten. Denn eine solche Auffassung der historischen Wirklichkeit, der Natur und Handlungsweise des Menschen erlaubt nicht die geringste Illusion des Gefühls, weder mit Blick auf die Vergangenheit noch mit Blick auf die Zukunft. Sie enthält auch keinen Hinweis, wonach zwischen der roten und der braunen Diktatur ein bequemes Gleichheitszeichen zu setzen wäre und à la Nolte die Verbrechen der einen durch die der anderen entschuldigt würden. Was heute passiert, kann auch morgen passieren. Mit Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt – dem Titel seiner ersten Essaysammlung – benennt Kertész diesen Zusammenhang, bezeichnet er den Berührungspunkt der Diktaturen. Er macht deutlich, auf welche Weise die europäische Geschichte und die schrecklichen Zauberkisten der menschlichen Natur ineinander verbaut sind.


So ist die Sprache, das ist die Kultur, so sieht ihre Ordnung aus – all das ist nicht zufällig und nicht beliebig.


Nur einen, doch zweifellos einen wesentlichen Teil der literarischen Leistung von Imre Kertész, die durch sein Thema verdeckt wird, macht die philosophische Analyse aus. Grundsätzlich wäre sie in jeder Sprache der Welt zu leisten. Doch interessanterweise wird sie in einer Sprache geleistet, deren Begriffe bislang philosophisch kaum vorbelastet waren. In einer Sprache, die höchstens die Interpretationen anderssprachiger Philosophien kennt, doch über keine eigenständige Philosophie verfügt. Diesen Nachteil, d. h. das fast vollständige Fehlen einer überlieferten analytischen Begrifflichkeit im Ungarischen, hat Kertész in seiner eigenen Sprache in einen Vorteil verwandelt. Aus dem Stoff der ungarischen Sprache arbeitete er ein Gewebe unbeteiligter Sehweisen heraus. Im Nachhinein erkennt man, dass es die flexible ungarische Syntax ist, die seine Sprache zu solch unbeteiligter Sicht befähigt. In seiner Prosa bringt Kertész die quälende Wirklichkeit mit fast ungerührtem Blick in den schmalen Lücken zwischen den Klischees zur Kenntnis, mit denen die Wahrnehmung behaftet ist. Dadurch hat die ungarische Sprache in Sachen Realitätssinn eine neue Qualität gewonnen.»


Deutsch von Ilma Rakusa

Leni weint

Leni weint

Vor dem Schreiben liegt das Nichtschreiben – die Berührung mit der Realität, die für Péter Nádas viele Bezirke, Räume, Dimensionen umfasst. Ohne täglich von neuem all dessen innezuwerden, was sich im Bewusstsein drängt, von den Träumen, Alltagsbeobachtungen und ästhetischen Erfahrungen bis zu den verstörenden Nachrichten, könnte er nicht beginnen. ...  Weiterlesen

Preis: € 36,00
Seitenzahl: 528
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-04699-6
25.09.2018
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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