21.11.2018   von rowohlt

Faszination Seidenstraßen

Peter Frankopans Weltgeschichte für Kinder, prächtig illustriert von Neil Packer

© iStockphoto.com
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Die Seidenstraßen sind weit mehr als nur alte Handelswege, die den Osten mit dem Westen verbinden. Hier nahm die Zivilisation der Menschheit ihren Anfang, hier wurden die großen Religionen der Welt geboren und weitergetragen, auf ihnen verbreiteten sich Waren, Sprachen, Ideologien und Krankheiten, entlang ihrer Routen wurden Großreiche errichtet und zerstört. Peter Frankopan erzählt verständlich und spannend, wie alle großen geschichtlichen Entwicklungen von der Antike bis heute durch die Seidenstraßen miteinander verknüpft sind und welchen Einfluss dieses zentrale System auch heute noch hat.

Wie ein Junge die Seidenstraßen entdeckte


Auf der ersten farbigen Doppelseite des großformatigen Buches sehen wir eine Karte der Welt von heute. Kontinente, Meere, Flüsse, Gebirgszüge, Städte. Aber irgendetwas fehlt, man begreift es erst auf den zweiten Blick. Was fehlt, sind die Länder. Europa ist Europa, Afrika ist Afrika. Kein Deutschland, kein Lettland, kein Nigeria, kein Zimbabwe – eine kleine, gezielte Irritation. Und wir lesen: «Landkarten eignen sich wunderbar, über die Welt nachzudenken. Diese hier zeigt die Welt Anfang des 21. Jhdts. Sie sagt uns nichts darüber, was die Menschen voneinander denken oder was gerade passiert, aber man kann trotzdem eine Menge lernen, wenn man sie betrachtet und sich überlegt, warum wir von bestimmten Teilen der Welt so viel mehr wissen als von anderen.»


Als Peter Frankopan noch ein kleiner Junge war, hatten Landkarten, egal was sie zeigten, eine große Bedeutung für ihn. Oft schaute er sich auf der Weltkarte in seinem Zimmer den riesigen Kontinent Afrika an. Gern hätte er mehr erfahren über Menschen und Geschichte, Landschaft und Kultur Afrikas, über das Gemeinsame und das Trennende. Und was lernte er in der Schule? Nichts über Afrika, aber alles Mögliche und Unmögliche zum Beispiel über Heinrich VIII. und seine Frauen («geschieden, geköpft, gestorben, geschieden, geköpft, überlebt – in dieser Reihenfolge»). Was tun?


«Ich wünschte mir ein Buch, das mir etwas über all die anderen Orte erzählen konnte. Ich wollte verstehen, wie alles zusammenhing. Warum sollte es zum Beispiel zwischen der Ankunft der Römer auf den Britischen Inseln und der Schlacht von Hastings – tausend Jahre später – nichts Interessantes geben? Darum fasste ich irgendwann den Entschluss, mein Leben zu verbringen, über Geschichte zu lesen und zu schreiben und nach den Verbindungen zu suchen, die einem die Vergangenheit besser erklären, als man sie mir als Kind beigebracht hatte.»

Seidenstraße? Seidenstraßen!


Jetzt hat der großartige Geschichtenerzähler Peter Frankopan genauso ein Buch geschrieben, wie er es als Kind immer gesucht hat, ein Buch über die legendären Seidenstraßen. Aber müsste es nicht, denkt man, «Seidenstraße» heißen und nicht «Seidenstraßen»? Nein, müsste es nicht. Waren es doch zahllose Routen zu Lande und zu Wasser, die Asien, Europa, Amerika und Afrika miteinander verbunden haben:


«Die Seidenstraßen haben weder einen Anfang noch ein Ende, weil sie eigentlich gar keine Straßen sind. Sie sind ein Netz von Wegen, die es ermöglichten, dass Waren, Menschen und Ideen, aber auch Krankheiten und Gewalt von Ost nach West und von West nach Ost strömen konnten – von der Pazifikküste Chinas und Russlands bis an die Atlantikküste Europas und Afrikas und sogar von Skandinavien im Norden bis an den Indischen Ozean im Süden. Man kann sich die Seidenstraßen als das zentrale Nervensystem der Welt vorstellen, das sämtliche Organe des Körpers miteinander verbindet …»


Der Geburtsort unserer Zivilisation liegt im Herzen Asiens, im alten Mesopotamien, dem Land zwischen den mächtigen Flüssen Euphrat und Tigris und dem Tal des Indus. Viele glauben, dass hier und nur hier der Garten Eden liegen müsse. Die riesigen Wasservorräte waren für die Menschen lebenswichtig; die Bewohner errichteten in der Nähe der fruchtbaren Felder am Flusslauf Städte wie Persepolis, Pasargadae und Susa. Ganze Reiche entstanden; das größte des Altertums war das Persische Reich, es erstreckte sich vom Mittelmeer bis zum Himalaya. deren Herrscher wussten, dass ohne Gesetz und Ordnung ihre Machtbasis rasch dem Verfall preisgegeben sein würde. Die ersten Gesetze der Menschheitsgeschichte sind hier entstanden, die Gesetze Hammurabis.

Alexander der Große, Jesus, Mohammed, Attila der Hunne, Harun ar-Raschid …


In den 16 Kapiteln treffen wir auf viele Menschen,
die den Lauf der Weltgeschichte in der einen oder anderen Weise beeinflusst haben. Alexander der Große, Jesus, Kaiser Konstantin, Mohammed, Attila der Hunne, Harun ar-Raschid, Richard Löwenherz, Dschingis Khan, Elisabeth I., Napoleon Bonaparte, Bismarck, Emmeline Pankhurst, Lenin, Ayatollah Khomeini … In Peter Frankopans «Seidenstraßen» nimmt etwas Gestalt an, was man wirklich eine «Weltgeschichte für Kinder» nennen kann. Frankopan beginnt seine historische Erzählung im frühen Altertum und endet heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Kapitelüberschriften lassen erahnen, worüber hier berichtet wird. Zum Beispiel Kapitel 2: Die Straße des Glaubens (Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum). Kapitel 3: Die Straße ins Chaos (Attila der Hunne und der Sturm auf das römische Reich). Kapitel 4: Die Straße zum Islam (Mohammed, der Koran, die Kaaba, Mekka und Medina) …


Wir lernen alles Wichtige über den Zusammenhang von Sklavenhandel und Welthandel, über Kreuzzüge und Reformation und die Pest – den «Schwarzen Tod», der im 14. Jahrhundert viele Millionen Menschen dahinraffte. Über Christoph Kolumbus, Vasco da Gama und die Kolonisierung der Welt durch die Niederländische und die Britische Ostindien-Kompanie. Über die bürgerlichen Revolutionen und die Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Und alles, wirklich alles hat mit den Seidenstraßen zu tun!


Eines sollten wir noch klären: Woher kommt eigentlich der Name Seidenstraßen? Wieso heißt es nicht Baumwoll-, Öl-, Zimt- oder Kardamomstraßen? Das erklärt Peter Frankopan am besten selbst: «Eine sehr wichtige Person war eine Person namens Ferdinand von Richthofen (sein Neffe wurde im Ersten Weltkrieg ein berühmter Kampfpilot, der als der ‹Rote Baron› gefürchtet war). Er grübelte lange darüber nach, wie man die Route, die Asien, Europa und Afrika miteinander verband, nennen könnte. Er hätte den Namen irgendeiner der unzähligen Warenwählen können, die über Tausende von Kilometern transportiert wurden, etwa Gewürze oder Porzellan; er hätte etwas aussuchen können, das mit Sprachen, Reisen oder Biologie zu tun hat. Doch er entschied sich für einen Begriff, der die Phantasie anderer Gelehrter anregte – einen Namen, der sich bis heute gehalten hat: die Seidenstraßen.»

Die Seidenstraßen

Die Seidenstraßen

Die Seidenstraßen sind weit mehr als nur alte Handelswege, die den Osten mit dem Westen verbinden. Hier nahm die Zivilisation der Menschheit ihren Anfang, hier wurden die großen Religionen der Welt geboren und weitergetragen, auf ihnen verbreiteten sich Waren, Sprachen, Ideologien und Krankheiten, entlang ihrer Routen wurden Großreiche errichtet ...  Weiterlesen

Preis: € 20,00
Seitenzahl: 128
rororo rotfuchs
ISBN: 978-3-499-21827-9
23.10.2018
Erhältlich als: Hardcover
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