10.03.2016   von rowohlt

Brit Crime: M.J. Arlidge im Interview

Als Drehbuchautor ist M.J. Arlidge seit Jahren erfolgreich – nun erobert er mit einer brillanten Thrillerreihe den internationalen Buchmarkt. Ein Gespräch.

Die ganze Nacht hat Eileen auf ihren Mann gewartet. Alan ist noch nie fortgeblieben. Als es morgens klingelt, liegt nur ein Päckchen vor der Tür. Es enthält ein menschliches Herz. Alans Herz. Als Detective Inspector Helen Grace und ihre Kollegen von der Southampton Central Police zu einer weiteren verstümmelte Leiche gerufen werden, wissen sie, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben … Mit «Einer lebt, einer stirbt» hat M. J. Arlidges brillante Thrillerserie um D.I. Helen Grace, «Schwarzes Herz» führt sie weiter. Teil 3 «Kalter Ort» erscheint im Juni 2016. Hier ein Interview mit dem britischen Autor, der fünfzehn Jahre erfolgreich als Drehbuchautor für die BBC gearbeitet hat. 


Dreh- und andere Bücher

Matt, du arbeitest seit über zwanzig Jahren erfolgreich als Drehbuchautor und Produzent und hast dich auf Spannung spezialisiert – seit wann interessierst du dich für Kriminalfälle?
Mein Vater ist Anwalt für Strafrecht. Schon als Kind habe ich ihm bei Gericht zugesehen oder bin in sein Arbeitszimmer geschlichen, um mir Fallakten anzuschauen. Einmal habe ich Obduktionsfotos eines Erstechungsopfers gefunden. Ich war damals noch ziemlich klein. Und genauso fasziniert wie entsetzt.
Hast du je überlegt, selbst Anwalt zu werden?
Ich habe nie daran gedacht, das sah nach richtig harter Arbeit aus! Das Tolle am Schreiben ist, dass man so viel oder so wenig Hausaufgaben machen kann, wie man Lust hat, weil man sowieso alles erfindet!
Hat deine Arbeit als Drehbuchautor und Produzent Einfluss auf das Schreiben deiner Romane?
Auf jeden Fall. Meine Arbeit fürs Fernsehen wirkt sich direkt auf meine Romane aus. Ich schreibe sehr kurze, visuelle Kapitel, die wie Drehbuchszenen für ein Fernsehspiel wirken – mir wird oft gesagt, dass sich meine Texte wie Prosadrehbücher lesen. Und wie die meisten Fernsehproduzenten und -autoren denke ich in Fortsetzungen – «Einer lebt, einer stirbt» war immer als Auftakt einer mehrbändigen Reihe von D.I.-Helen-Grace-Thrillern gedacht.
Was machst du lieber, und warum?
Ich mag beides, bin aber besonders gerne Autor. Man hat große kreative Freiheit und kann seine eigenen Geschichten klar erzählen. Beim Fernsehen muss man immer auch die Interessen und Meinungen von Schauspielern, Regisseuren, Produzenten, Redakteuren und anderen berücksichtigen. Die Zusammenarbeit kann toll sein, sie kann aber auch dazu führen, dass ein Projekt seinen Charakter verliert.


«Es ist endlich an der Zeit, dass Frauen im Mittelpunkt stehen.»

Mit Helen Grace hast du eine besondere Heldin erfunden – die sowohl verletzlich als auch tough ist und mit ihren Dämonen auf ganz eigene Weise umgeht. Was hat dich inspiriert, was magst du an dieser Figur?
Dass sie kein Klischee ist. Die Protagonisten so vieler Krimis sind geschiedene Männer mittleren Alters mit Alkoholproblemen. Helen sollte anders sein. Sie war nie auch nur ansatzweise verheiratet, rührt aufgrund ihrer schwierigen Familiengeschichte keinen Alkohol an, und ihre Triebfedern sind Ungeduld und Schmerz. Sie ist eine unkonventionelle Einzelgängerin, aber sie hat feste moralische Werte und kämpft immer für die Schwachen. Ich hätte sie gerne auf meiner Seite.
War es ein politisches Statement oder eher eine literarische Entscheidung, eine starke, unabhängige Protagonistin zu erfinden?
Tatsächlich beides. Ich erfinde und schreibe gerne Frauenfiguren, das war eine ganz natürliche Entscheidung. Aber ich denke auch, es ist an der Zeit, dass Frauen die Führung übernehmen. Männliche Polizisten hatten wir schon mehr als genug. Die besten Romanfiguren der letzten Jahre sind alle weiblich: Stieg Larssons Lisbeth Salander, Sarah Lund in «The Killing», Saga Noren in «Die Brücke» und viele andere. Ich habe das Gefühl, die Welt verändert sich, und es ist endlich an der Zeit, dass Frauen im Mittelpunkt stehen.
Jede einzelne der Hauptfiguren in der Helen-Grace-Reihe ist seelisch beschädigt und hat gelitten – kannst du dazu etwas sagen?
Nicht jede Hauptfigur! Für jede Helen Grace gibt es jemanden wie ihre Assistentin, Charlie Brooks – Dunkelheit und Licht. Aber es stimmt schon, im Großen und Ganzen neigen die Bücher eher dem Dysfunktionalen zu. Parallel zum Schreiben habe ich viele skandinavische Krimis gelesen, die ganz vorzüglich kaputte Welten beschreiben, deren Bewohner Schaden genommen haben. Vermutlich hat sich das in meinen Figuren niedergeschlagen. Patricia Highsmith und Graham Greene – zwei meiner absoluten Favoriten – machen das ebenfalls ganz großartig.


«Echte Verbrechen sind in Wahrheit oft sehr banal und völlig deprimierend.»

Wie hältst du das Interesse der Leser (und dein eigenes) über die ganze Reihe hinweg aufrecht?
Indem ich interessante Figuren erfinde, die große persönliche Entwicklungen durchlaufen, und indem ich jeden Roman mit frischem Blick angehe, sodass er irgendwie anders, größer und überraschender wirkt als sein Vorgänger. Wenn man sich selbst nicht langweilt, tun es die Leser hoffentlich auch nicht.
Du bist – als eines von vier Kindern – umgeben von Büchern, Zeitschriften und Dokumenten über Mord und Totschlag aufgewachsen. Wie gehst du selbst als Vater mit der Trennung von Familie und Arbeit um?
Hoffentlich verantwortungsbewusst, aber auch mit einem Sinn für Spaß und Abenteuer. Meine Kinder dürfen meine Bücher natürlich nicht lesen, aber sie wissen über Kriminaltechnik und Tatortuntersuchungen ziemlich gut Bescheid. Wir spielen zu Hause oft Detektiv – Kirschsaft eignet sich hervorragend als Blutersatz und erweckt den Eindruck, dass ein diabolisches Verbrechen stattgefunden hat. Dann ermitteln wir. Meine Achtjährige hat eine große Zukunft als Tatortfotografin vor sich, und schon mein Fünfjähriger zieht immer erst Handschuhe an, bevor er die «Beweise» in eine Plastiktüte steckt.
Was sagt dein Vater zu deinen Büchern? Als renommierter Rechtsanwalt hatte er mit vielen Gewaltverbrechen zu tun ...
Zum Glück ist er ein großer Fan! Ich glaube, meine Geschichten sind ein bisschen dunkler und aufregender als die Verbrechen, mit denen er es im Alltag zu tun hat. Er liebt die heimtückischen Mörder, die mitreißende Action und natürlich Helen Grace!
Manchmal hat man das Gefühl, dass Serienmörder in Krimis nicht nur ziemlich «en vogue» sind, sondern dass darüber hinaus die schockierendste, brutalste und bizarrste Mordmethode eine Voraussetzung für Erfolg ist. Warum ist heutzutage ein «normales» Verbrechen nicht mehr spektakulär genug?
Das stimmt wohl. Echte Verbrechen sind in Wahrheit oft sehr banal und völlig deprimierend. Ausgebuffte, einfallsreiche fiktionale Serienmörder sind dagegen abstrakt genug, um mit ihnen der Realität entfliehen zu können und sogar Spaß daran zu haben. Wir genießen es, erschreckt zu werden, und je machiavellistischer, ausgeklügelter und heimtückischer ein erfundener Serienmörder ist, desto mehr Freude haben wir an ihm oder ihr.


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