30.04.2015   von rowohlt

Mit Toni Morrison ins archaische Amerika

«Toni Morrisons berührender Roman ist kurz und prägnant, zornig und traurig und von großer Zärtlichkeit.» (Stern)

© thinkstockphotos.de
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Der junge Schwarze Frank Money kehrt schwer traumatisiert aus dem Korea-Krieg zurück. Er hat dort einige seiner besten Freunde sterben sehen, er selbst verdrängt ein schreckliches Erlebnis. Zurück in Amerika, versäuft er seinen Sold, verprellt eine Freundin, vagabundiert halt- und orientierungslos durch das Land – bis ihn eine Nachricht über seine geliebte Schwester Cee aufschreckt: «Komm schnell. Sie wird tot sein, wenn du trödelst.». Und so kehrt Frank nach Lotus, Georgia, zurück, in den «übelsten Ort der Welt, übler als jedes Schlachtfeld» … Mit der ihr eigenen Sprachgewalt schildert die afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison in Heimkehr, ihrem zehnten Roman, das Amerika der 1950-er Jahre.

Stimmen zum Buch

 Süddeutsche Zeitung: «Indem Toni Morrison ihrer dichterischen Freiheit, ihren assoziativen Bilderfolgen die Zügel bis ins Unübersetzbare schießen lässt, gelingt es ihr, die große Geschichte des schwarzen Amerika in pointilistischen Facetten virtuos zu spiegeln.»
Brigitte: «Schmal, aber sehr intensiv.»
WDR 3: «Als nationales Epos entlarvt Morrisons grandioser, gerade einmal 160 Seiten langer Roman, nicht zuletzt das bis heute gern erzählte Märchen des American Dream.»

Lotus, Georgia: ein Albtraum

Hinter Frank und Ycidra, genannt Cee, liegt eine grausame Kindheit. Die Moneys stammen aus Texas, von dort wurden sie nach einem Ku-Klux-Klan-Pogrom vertrieben. Die Familie strandet in Georgia, in dem Hundert-Seelen-Kaff Lotus. Die tyrannische Stiefgroßmutter Leonore lässt ihre Wut über die Flut ungeliebter Verwandten an der kleinen Cee, dem «Rinnsteinkind», aus. Ihr großer Bruder Frank ist der Einzige, der das Mädchen schützt und tröstet. «Nicht weinen, sagten diese Finger; die Striemen verschwinden wieder. Nicht weinen; Mama ist müde, sie hat's nicht so gemeint.» Für Frank ist Lotus das Ende der Welt, das Ende all seiner Träume. Die Abkommandierung für den Krieg in Korea empfindet er als Befreiung – Cee bleibt schutzlos zurück.
Der Krieg im fernen Asien teilt Franks Leben in ein Davor und ein Danach. Als er aufbricht, ist er ein kraftstrotzender, selbstbewusster Typ, nach seiner Rückkehr ist er ein Wrack. Das Korea-Trauma zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Als Schwarzer trifft ihn jenseits der Armee der amerikanische Alltagsrassismus in voller Härte. Noch immer ist es so, dass Schwarze, wenn sie auf der Straße stehenbleiben, wegen Landstreicherei und Bedrohung der öffentlichen Sicherheit verhaftet werden können.
Schlimmer als die Schikanen einer feindseligen Umgebung ist für Frank die Erinnerung an das, was er in Korea erlebt und was er dort getan hat. Er flieht vor sich selbst, verzweifelt, ohne Halt und Ziel, wird in Seattle in die geschlossene Psychiatrie gesperrt. Er kann flieht – und hat nur noch ein Ziel: die todkranke Cee aus den Händen eines skrupellosen, von Eugenikwahn besessenen weißen Gynäkologen zu befreien. Um einen endlich einen Ort zu finden, an dem sie zur Ruhe kommen. An dem sie sicher sind, ein eigenes Leben aufbauen können.

«Sag, wem gehört dieses Haus? Meins ist es nicht»

Heimkehr ist ein beeindruckendes Puzzlestück in Toni Morrisons literarischem Lebensprojekt: einer Archäologie des Schwarzen Amerika. Seit ihrem Debüt Sehr blaue Augen (1970) hat sich Morrison unablässig mit «black history» beschäftigt, mit Sklaverei, Segregation und Rassismus, mit Armut, Verwahrlosung, Gewalt und Rebellion.
In konzentriertester Form finden sich diese Basics der Morrison'schen Poetik in ihrem Roman Menschenkind (1987). Dieses bahnbrechende Epos, notierte Ijoma Mangold in Zeit Literatur, «hat all das, was Toni Morrison niemand nachmacht: die Härte, das Bohrende, die Musikalität, die Beweglichkeit der Erzählerstimme, den raffinierten Wechsel der Perspektiven und eine emotionale Dichte, die jeden Satz zu einem Pfahl im Fleisch des Lesers macht.»
Gewidmet ist der Roman Toni Morrisons 2010 an Krebs gestorbenen Sohn Slade. Vorangestellt sind Heimkehr einige lyrische Liedzeilen. Es fällt schwer, sie nicht auf Amerika zu beziehen. Auf Toni Morrisons Land, das ihr als Afroamerikanerin nie eine Heimat war.
«Wessen Haus ist das?
Wessen Nacht hält das Licht fern
Hier drinnen?
Sag, wem gehört dieses Haus? Meins ist es nicht.
Ich hab von einem anderen geträumt, wohnlicher, heller,
Mit einem Blick auf Seen, befahren in bunten Booten,
Auf Felder, weit wie Arme, ausgebreitet für mich.
Dieses Haus ist fremd.
Seine Schatten lügen.
Sag mir, warum mein Schlüssel hier passt.»

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