01.11.2016   von rowohlt

«Manchmal muss auch das Unwahrscheinliche passieren»

Daniel Kehlmanns Frankfurter Poetik-Vorlesungen: ein essayistisches Meisterwerk

Lady Macbeth' «Come, you spirits» gab Daniel Kehlmanns Frankfurter Poetikvorlesungen (3.–6. Juni 2014) den Titel. In seiner ersten Vorlesung unter dem Titel «Illyrien» verblüffte der Autor des Weltbestsellers «Die Vermessung der Welt» mit einem literarischen Parforceritt über  die verdrängte Verdrängung der Nachkriegsjahre. Falls Sie bisher nicht wussten, ob Gespenster aus unserer Angst vor der Vergangenheit entstehen und warum neun Minuten Peter Alexander reichen, um Günter Grass auf ewig dankbar zu sein – hier erfährt man es. «Kommt, Geister» ist «die subtil gewirkte Selbstauskunft eines Schriftstellers, dem seine Sache ernst ist» (Süddeutsche Zeitung).

Schlimme Filme, schwarze Spinnen


VORLESUNG 1: Illyrien. Mit dabei: Günter Grass, Peter Alexander, Ingeborg Bachmann, Fritz Bauer.
«Vor einiger Zeit, Günter Grass hatte gerade sein Gedicht über die israelische Außenpolitik veröffentlicht, geriet ich mit Amerikanern, die Deutsch können und das Land gut kennen, in eine Diskussion: Was für ein albernes Gedicht, wurde da gerufen, welch ein Wichtigtuer, und überhaupt, immer dieses Politikergehabe, das Moralisieren! Mir schien das alles nicht falsch, aber plötzlich aufsteigende Erinnerungen an die Samstagnachmittage meiner Kindheit in Wien, als es nur zwei Fernsehprogramme gab, von denen eines bloß ein buntes Ding namens ‹Testbild› zeigte, sodass man dankbar ansah, was immer auf dem anderen geboten wurde, ließen mich das iPad hervorholen.


‹Ihr glaubt, ihr versteht Deutschland. Aber ihr wißt nichts, wenn ihr das nicht kennt.› Und ich tippte ‹Peter Alexander› und wählte den ersten Film, den YouTube mir anbot: ‹Peter schießt den Vogel› ab. Nach fünf Minuten wurde ich leise gebeten abzuschalten, nach sieben Minuten wurde ich laut gebeten abzuschalten, nach neun Minuten wurde mir Gewalt angedroht, und ich schaltete ab. (…) Und auf einmal hatte keiner von uns mehr Lust, über die Gruppe 47 zu spotten: Wir hatten ihrem Anderen ins Gesicht gesehen, der Film gewordenen Verdrängung. Auf einmal mochten wir Günter Grass wieder. Auf einmal waren wir ihm dankbar.»


VORLESUNG 2: Elben, Spinnen, Schicksalsschwestern. Mit dabei: Jeremias Gotthelf, J. R. R. Tolkien, Stephen King, William Shakespeare.
«Meine Eltern hätt en mir nicht erlauben sollen, mit neun Jahren ‹Die schwarze Spinne› zu lesen. Noch nie hatte ich mich so gefürchtet. Nie zuvor solche Albträume, nie so eine Intensität der Angst. Wir waren in der Schweiz, wo wir immer die Ferien verbrachten, weil mein Vater sich als Kind einer in der Nazizeit verfolgten Familie mit aller Kraft und Sehnsucht in dieses sichere Land gewünscht hatte; darum fuhr er als Erwachsener bei jeder Gelegenheit hin und ärgerte sich täglich über die hohen Preise und die milde Ausländerfeindlichkeit der Einheimischen. So gefiel es ihm, anders wollte er es nicht haben.


Die schwarze Spinne ist ein böses, schwarzes, krankes, meisterhaftes kleines Buch, von dem man nicht mehr loskommt, (…) ein giftiges Meisterwerk, ähnlich wie Boschs ‹Garten der Lüste› – auch Bosch, der dunkle Großmeister bizarrer Phantastik, sah sich schließlich als Mahner gegen alles, was ihm frei und unanständig schien. Vielleicht der einzige ‹creative writing›-Rat, der wirklich etwas zählt: Ein Schriftsteller sollte sein wie Pastor Blitzius. Er sollte die Spinne anfassen. Und noch ein Rat: Man sollte dieses Buch keinen Kindern in die Hände geben, sie schlafen sonst lange schlecht, und in manchen Fällen fangen sie später an zu schreiben.»

Vom Simplicissimus ins Leo-Perutz-Universum


VORLESUNG 3: Robin Goodfellows Reise um die Erde in vierzig Minuten. Mit dabei: William Shakespeare, Grimmelshausen, Rabelais, Johann Sebastian Bach, Goethe & Eckermann, Chris Adrian …
«Shakespeare, Rabelais und Grimmelshausen wirken oft wie unsere Zeitgenossen, aber sie lebten in einer Zeit, in der es keine Elektrizität gab und keine vom Menschen hergestellten Substanzen außer Glas. Wer sich langweilte, besuchte Hinrichtungen. Auf Volksfesten wurden zum Vergnügen der Menge Katzen angezündet. Wenn man im Theater war und Harndrang verspürte, erledigte man das genau dort, wo man gerade stand. Jedermann trug scharfe Schwerter bei sich. Man badete nie, aus Angst vor der Pest. Mit dreißig hatte man kaum noch Zähne. Dass es in der Welt Sklaven gab, fand kaum einer empörend.»


VORLESUNG 4: Teutsche Sorgen oder die Entdeckung der Stimme.  Mit dabei: Hans Jacob Christoffel Grimmelshausen' Simplicissimus
«Grimmelshausens Sätze sind allerdings biegsamer, als man es vom förmlichen Barockstil gewöhnt ist, er verwendet weniger Lehnwörter aus anderen Sprachen als seine Zeitgenossen. Im 17. Jahrhundert war knapper Stil ebenso wenig ein Ideal wie zweckmäßige Kleidung: Hatte man Reichtum, musste man prunken. Grimmelshausens Stil hat es nicht zum Schaden gereicht, dass ihm die gängige rhetorische Ausbildung vorenthalten geblieben ist. (…) Die Wahrheit ist, dass Grimmelshausens Sprache im Original durchaus ein wenig Mühe lohnt. Denn Sprachen beginnen nicht simpel, um sich in die Komplexität zu entfalten, im Gegenteil: Das frühe Neuhochdeutsch gefällt sich in seiner Kompliziertheit und findet erst im 18. Jahrhundert zum Ideal der Einfachheit. «Schreibe, wie du sprichst, so schreibst du schön», rät der junge Lessing seiner Schwester – kein Autor im 17. Jahrhundert hätte dem zugestimmt.»


VORLESUNG 5: Unvollständigkeit. Mit dabei: Leo Perutz, Macbeth, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Kurt Gödel, Familie Kehlmann
«Leo Perutz ist neben Thomas Mann der deutschsprachige Schriftsteller, der mich am stärksten geprägt hat: seine metaphysische Intelligenz und sein irrealer Realismus passen allerdings besser in den Kontinent von Borges, García Márquez und Cortázar als in die deutsche Gegenwartsliteratur. Als ich anfing, Perutz zu lesen, waren die meisten seiner Bücher vergriffen (…) Aber Perutz’ Bücher sind heute alle wieder erhältlich, und sein Name ist nicht mehr unbekannt. So eine Entwicklung geschieht seltener als ein Lottogewinn, kein toter Autor sollte auf sie hoffen. Aber Statistiker wissen es: Manchmal muss auch das Unwahrscheinliche passieren.»

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