17.05.2017   von rowohlt

Lulu und Lisbeth – spurlos verschwunden

Lone Theils' brillantes Krimidebüt – mit einer Heldin, der man gern wiederbegegnen will: der Journalistin Nora Sand

© shutterstock.com
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Im Sommer 1985 verschwinden die dänischen Teenager Lulu und Lisbeth auf der Überfahrt nach England spurlos; die Suchaktion verläuft im Nichts. Jahrzehnte später fällt Nora Sand, die in London für eine dänische Zeitung arbeitet, ein Foto der beiden in die Hände: Es zeigt die Mädchen in der Zeit nach ihrem Verschwinden. Nora lässt die Geschichte nicht mehr los. Ihre Nachforschungen beginnen in Dänemark, wo die Mädchen in einem Heim aufwuchsen. Und führen zu dem englischen Frauenmörder Bill Hix, der eine lebenslange Haftstrafe verbüßt – eine Recherche mit dramatischen Folgen …
Im INTERVIEW verrät Lone Theils, dass ihr Kriminalroman auf einem wahren Fall beruht, wie ihr das Pendeln zwischen Dänemark und England gefällt – und weshalb Kickboxen cool ist.

DAS INTERVIEW


Sie arbeiten seit Jahren erfolgreich als Print- und Fernsehjournalistin. Was hat Sie inspiriert, einen Krimi zu schreiben?
So schrecklich es klingt, die Liebe zu einem guten Verbrechen. Schon als Kind haben mich gute Detektivgeschichten begeistert, erst Sherlock Holmes, später Agatha Christie. Ich hatte auch die leicht verstörende Angewohnheit, mir aus der Schulbibliothek Bücher über reale Verbrechensfälle auszuleihen. Geschichten über echte Morde, bei denen mir das Blut in den Adern stockte. Trotzdem konnte ich die Finger nicht davon lassen. Ich habe immer davon geträumt, eines Tages Krimiautorin zu werden, und Journalismus schien eine gute Vorbereitung dafür zu sein. Am Ende gefiel mir die journalistische Arbeit so gut, dass ich meinen ersten Kriminalroman erst Jahre später schrieb. 


Die Handlung Ihres Romans basiert auf einem wahren Fall. Könnten Sie etwas mehr darüber verraten?
Ich stieß auf die Geschichte eines amerikanischen Serienmörders, der übrigens noch lebt und irgendwo in Kalifornien in der Todeszelle sitzt. Er war ein Stalker, der seine Opfer fotografierte, bevor er sie umbrachte. Als er verhaftet und wegen vierfachen Mordes angeklagt wurde, fand die Polizei in einem Abstellraum ungefähr zweihundert Fotos. Nicht identifizierte Mädchen und Jungen. Mögliche Opfer. Ich las davon, weil ein Foto von zwei etwa fünfzehnjährigen Mädchen definitiv in Dänemark aufgenommen worden war, am Kopenhagener Hauptbahnhof, wie an den Schildern im Hintergrund zu erkennen war. Ich erfuhr davon, als die amerikanische Polizei mit ihren dänischen Kollegen Kontakt aufnahm, um herauszufinden, ob die Mädchen noch am Leben waren. Diese Geschichte hat meine Phantasie angeregt. Ich habe aus dem Mörder einen Briten gemacht und das Foto auf die Fähre zwischen Dänemark und Großbritannien verlegt.


Es scheint einige Parallelen zwischen Ihnen und Nora Sand zu geben. Was verbindet Sie als Korrespondentin in England mit Ihrer Heldin?
Ich habe sechzehn Jahre lang in London gelebt und genau wie Nora als Korrespondentin gearbeitet. Es freut mich sehr, dass meine Kollegen mir bescheinigen, die Arbeit sehr realistisch beschrieben zu haben. Ich fand es logisch, eine Journalistin aus Nora zu machen, weil die clever und sehr neugierig sind. Und ich bin mit dieser Welt sehr vertraut.


Was sind in Ihren Augen die größten (kulturellen) Unterschiede zwischen Dänemark und England? Was fehlt Ihnen, wenn Sie zu Hause oder in der Fremde sind?
Wenn ich auf Reisen war, habe ich immer gesagt, dass ich nach Hause nach Dänemark fahre, aber auch nach Hause nach London, denn so fühlt es sich an. Mein Herz hängt an beiden Orten. Ich liebe den britischen Sinn für Humor, die Schrulligkeit und London als Heimat von Menschen aus aller Welt, die es schaffen, mehr oder weniger in Frieden miteinander zu leben. In London ist es nichts Besonderes, aus einer anderen Kultur zu stammen. Das tun alle. Briten sind generell höflicher als Dänen, die eher geradeheraus, direkt und ehrlich sind. Ich mag beides.


Gutes Essen spielt in Ihrem Roman durchaus eine Rolle. Was sind Ihre interessantesten Essenserfahrungen? Können wir auf ein Kochbuch von Lone Theils oder Nora hoffen?
Haha. Vielleicht schreibe ich eines Tages ein Kochbuch. Ich liebe es zu kochen und besitze eine beschämend große Kochbuchsammlung. Mir sind schon zwei Regale zusammengebrochen, weil Kochbücher so schwer sind und normale Regale irgendwann einknicken. Beim Kochen entspanne ich, und ich gehe lieber Lebensmittel einkaufen als Kleidung. Auf Reisen suche ich immer nach Märkten und kaufe komisches Zeug. Ich habe aus Neugier schon einige seltsame Sachen probiert, unter anderem Krokodilschwanz, Ziegensuppe mit gekochten Bananen (in Afrika), Grashüpferbeine und lebende Ameisen (Letzteres, als das dänische Restaurant Noma gerade in London seine Zelte aufgeschlagen hatte).


Sie teilen mit Ihrer Heldin noch ein weiteres Hobby: Kickboxen. Was bedeutet es Ihnen? Was ist die größere Herausforderung: über einen Kampf zu schreiben oder selber im Ring zu stehen?
Kickboxen ist großartig. Für mich ist das Zen. Nach dem Training geht es mir wunderbar. Die Leute denken immer, Kickboxen mache aggressiv, aber ich bin danach entspannt und im Reinen mit der Welt. Natürlich weiß ich, dass ich jedem Angreifer mit einem Tritt die Rippen brechen könnte, das gehört zu mir. Als Schriftstellerin lebt man viel im Geist. Beim Kickboxen konzentriere ich mich auf meinen Körper und meine Instinkte. Ich möchte keines von beidem missen.


Kleine Frage am Rande> Noch immer sind viele skandinavische Schriftsteller in Deutschland sehr erfolgreich – warum?
Gute Frage. Ich vermute, zwischen Skandinavien und Deutschland besteht eine natürliche Nähe. Ich habe mehrere enge deutsche Freunde, und der Sinn für Humor und die Sicht auf die Welt scheinen fast identisch zu sein.


Und was lesen Sie selbst in Ihrer Freizeit?
Alles! Mein Geschmack ist sehr breit gefächert, ich lese Krimis (natürlich), aber auch eher traditionelle Literatur und Sachbücher über Themen, die ich interessant finde. Gerade habe ich mit der Biografie von John le Carré angefangen, dem Schriftsteller, den ich wohl am meisten bewunderte. Ich lese außerdem «Der Kampf» von Norman Mailer, in dem er den Kampf zwischen Ali und Foreman beschreibt, eins der interessantesten und intelligentesten Bücher über das Boxen, die ich je gelesen habe. Ich liebe Krimis, aber ich habe es mir zur Regel gemacht, keine Krimis zu lesen, wenn ich selber einen schreibe. Sie fehlen mir, ich freue mich darauf, aber im Moment arbeite ich an Nora 3.

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