21.09.2017   von rowohlt

Lenin – Berufsrevolutionär Kleinbürger, Tyrann

«Mit seiner mitreißend erzählten Lenin-Biografie gelingt dem britischen Historiker Victor Sebestyen ein großes Kunststück» (Der Standard)

© iStockphoto.com
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Lenin – ein Rätsel, eine komplexe, zerrissene Persönlichkeit. Hier der freundliche, höfliche Wladimir Uljanow, dort der unerbittliche Revolutionär Lenin, der unzählige Todesurteile unterschrieb, der Gegner als Tiere beschimpfte und auch so behandelte, als er die Macht dazu hatte. Bis heute wird Lenin in Russland verehrt und verherrlicht – als der Mann, der Geschichte schrieb. Victor Sebestyen gelingt es in seiner brillanten Biografie, das Augenmerk auf den Menschen Lenin zu richten und das private mit dem politischen Leben und Wirken zu verknüpfen. Dabei wirft er ein ganz neues Licht auf die Russische Revolution, einen der großen Wendepunkte der modernen Geschichte. «Ein großartiges, originelles und eindrucksvolles Porträt.» (Simon Sebag Montefiore)


Der 1956 in Ungarn geborene Historiker Victor Sebestyen, heute als Jornalist  für Newsweek tätig, präsentiert in seiner 700-seitigen Studie spektakuläres Material rund um Lenin, eine der wichtigsten und widersprüchlichsten Figuren jenes «Zeitalter der Extreme» (Eric Hobsbawm), das zwei Weltkriege, diverse Revolutionen und die Geburt einer neuen Weltordnung erlebte. Die Kühnheit Wladimir Iljitsch Ulanows (1870–1924), der sich während seiner Exilzeit Lenin zu nennen begann, bestand darin, mit der bolschewistischen Bewegung eine Revolution genau dort zu entfesseln, wo sie nach marxistischer Doktrin am allerwenigsten funktionieren konnte: in einem agrarisch geprägten, extrem rückständigen Riesenreich wie dem zaristischen Russland. 


Hier einige ausgewählte Passagen aus Sebestyens großer Lenin-Biografie. Nicht der Sturm aufs Winterpalais oder das Auseinanderbrechen der proletarischen Bewegung Russlands in Menschewiki und Bolschewiki, nicht die Auseinandersetzung mit Kontrahenten wie Sinowjew, Trotzki und Stalin oder die Systematisierung des Roten Terrors durch die Tscheka stehen hier im Fokus, sondern der «private Lenin»: seine Familie, der tote Bruder, seine Frauen – und sein makabres Nachleben im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau.

«Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert; und Wochen, in denen Jahrzehnte passieren»


Kindheitsidylle. «Nichts in Wladimir Uljanows Kindheit oder früher Jugend deutete darauf hin, dass er einmal einer der größten Rebellen der Geschichte werden würde. Er wuchs in einem glücklichen Zuhause mit einer liebevollen Familie auf – mit solidem bürgerlichem Komfort, aber nicht in demonstrativem Wohlstand. Tugenden wie Sorgfalt, Sparsamkeit und Fleiß sowie Bildung wurden ihm nicht nur beigebracht, sondern im Elternhaus vorgelebt.
Geboren wurde Wladimir am 10. April 18701 in der kleinen Provinzstadt Simbirsk am trägen Wolgastrom, rund neunhundert Kilometer südöstlich von Moskau. Nach sechs Tagen wurde er in der orthodoxen St.-Nikolai-Kirche getauft, wo sich die bürgerliche Oberschicht der Stadt sonntags zum Gottesdienst versammelte.»


4. Mai 1887: Hinrichtung des Bruders Alexander. «Saschas jüngerer Bruder Wladimir, inzwischen siebzehn, hatte am Tag der Hinrichtung eine Geometrieprüfung abzulegen. Erst am späten Abend des folgenden Tages erhielt die Familie die Nachricht von Alexanders Tod. Bis zuletzt hatte Maria Alexandrowna geglaubt, dass das Todesurteil schlimmstenfalls in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt werden würde. Wie der Rest der Familie hatte auch Wladimir keine Ahnung, dass der so ernsthafte Sascha, dessen Hauptinteresse, wie alle dachten, die Naturwissenschaften waren und der für eine glänzende akademische Karriere bestimmt schien, so tief und gefährlich in den Widerstand verstrickt war. Seine Mutter und die ältere Schwester Anna wussten, dass er Schriften über ökonomische und politische Geschichte studierte, nicht jedoch, dass er als Aktivist involviert war – oder dass er überhaupt Aktivisten als Freunde hatte.»


Frauen. «Die wichtigsten Bezugspersonen in Lenins Leben waren Frauen. Er hatte nur sehr wenige enge männliche Freunde, und diese verlor er fast ausnahmslos wieder, oder sie blieben – aus politischen Gründen – am Weg zurück. Männer mussten mit ihm rückhaltlos übereinstimmen und sich seinem Willen beugen, oder sie wurden aus seinem Kreis gestrichen. Ein langjähriger Vertrauter aus den Exiljahren erinnerte sich: ‹Ich begann mich von der revolutionären Bewegung zu lösen und hörte damit für Wladimir Iljitsch komplett auf zu existieren.› Als Lenin schon dreiunddreißig war, war der einzige Mann, denn er duzte, sein jüngerer Bruder Dmitri; alle anderen wurden gesiezt. Die meiste Zeit seines Lebens war Lenin von Frauen umgeben – seiner Mutter, seinen Schwestern, seiner Ehefrau Nadja, mit der er fünfundzwanzig Jahre verheiratet war, und seiner Geliebten Inessa Armand, mit der ihn eine komplexe romantische Beziehung verband, aber auch ein enges Arbeitsverhältnis.»


Nadja Krupskaja. «Im Russischen bedeutet Nadeschda ‹Hoffnung› (und Wladimir ‹Herrscher der Welt›). Und mehr als auf Liebe, Geld, Karriere oder persönlichen Ruhm, mehr als auf einen treuen Gatten, der häusliche Sicherheit bot, hoffte Nadeschda Krupskaja auf eine sozialistische Revolution in Russland. Diesem Ziel widmete sie sich genauso fanatisch wie Uljanow. Wenn Nadja von Lenin-Biographen als Hausmütterchen oder Sekretärin eines Mannes geschildert wurde, der sie als pure Selbstverständlichkeit sah, so ist das zwar bis zu einem gewissen Punkt richtig, aber das Wichtigste, was Nadja selbst stets über sich sagte, fällt dabei unter den Tisch: ihr leidenschaftlicher Glaube an den Sozialismus. Für ihren fordernden Ehemann und die Revolution brachte sie viele Opfer, aber es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass sie es ungern tat. (…)  Lenins Werben um Nadeschda Krupskaja, eine «sehr marxistische Brautwerbung», verlief leider recht holprig. Denn Politik und Geheimpolizei griffen immer wieder ein, um die Liebenden zu trennen und ihrer revolutionären Romanze Steine in den Weg zu legen.»

«Wie konnte dieser hartnäckige kleine Mann … Lenin je so wichtig werden?» (Stefan Zweig)


Rabiate Rhetorik. «Uljanows Argumentations- und Debattenstil bildete sich früh heraus – und änderte sich in den beiden folgenden Jahrzehnten nicht mehr signifikant: Er wurde nur noch treffsicherer, selbstsicherer, meisterhafter. Wladimir Iljitsch dominierte fast immer, er war verletzend, kämpferisch und oft regelrecht boshaft. Bis zur Unterwerfung prügelte er mit Worten auf seine Gegner ein. Dieser Sprachgebrauch war, wie er selbst zugab, ‹nicht darauf berechnet, zu überzeugen, sondern darauf, Reihen zu zerschlagen; nicht darauf, den Fehler des Gegners zu korrigieren, sondern darauf, seine Organisation zu vernichten, sie vom Erdboden wegzufegen›».


Inessa Armand und Nadja Krupskaja. «Sie war die bei weitem Bezauberndste aller russischen Emigrantinnen in den radikalen Kreisen von Paris – eine gebildete, kluge und äußerst ansehnliche Fünfunddreißigjährige mit kastanienbraunem Haar und hellgrünen Augen. Sie war überschwänglich, hochintelligent, witzig, und auf ihrem Gesicht lag stets ein Lächeln. Inessa Armand war völlig anders, beeindruckender und vor allem sexuell deutlich attraktiver als die vielen Russinnen, die die Bolschewiken-Cafés und Bistros an der Avenue d’Orléans bevölkerten. Selbst ihr französisch klingender Name hatte etwas Exotisches. Über die neuesten Modetrends konnte sie sich genauso mühelos unterhalten wie über die Marx’sche Mehrwerttheorie – sogar fließend in vier verschiedenen Sprachen. (…)  Obwohl sie sich sehr oft in Pariser Cafés und bei Parteiversammlungen begegneten, dauerte es mehr als anderthalb Jahre, bis ihre Liebesaffäre begann. Im Lauf dieser Monate wurde sie zu einer glühenden Bolschewikin – niemand sollte im kommenden Jahrzehnt loyaler zu Lenin stehen als sie – , und er begann, ihr immer wichtigere politische Aufgaben zu übertragen. (…)
Anders als bei Inessa waren die Jahre an Lenins vierzigjähriger Ehefrau nicht spurlos vorbeigegangen. Sie sah angegriffen und älter aus, als sie wirklich war. Lidija Dan, Martows freundlich zugewandte Schwester, die Lenin hasste, aber Nadja sehr gern hatte, sagte, Nadja sei zwar keine große Schönheit gewesen, aber ‹eine sehr ehrliche, gute Person. … Sie wäre für ihn [Lenin] von einer Klippe gesprungen.›»


Lenin und die Literatur. «Insgesamt war Lenins Geschmack in Bezug auf Literatur – und alle schönen Künste – überaus konservativ und utilitaristisch. In seiner Jugend und als junger Erwachsener hatte er zum Vergnügen gelesen, danach nur noch selten. Für einen gebildeten, intellektuell anspruchsvollen und intelligenten Mann jener Zeit war er überraschend unbelesen – im Vergleich etwa zu den bücherverschlingenden Genossen Stalin, Trotzki, Bucharin und Lunatscharski.  (…)
Gewöhnlich beurteilte er Autoren weniger nach ihren künstlerischen Verdiensten als vielmehr nach ihrer politischen Einstellung. Lenin erkannte durchaus an, dass Tolstoi ein ‹Koloss› war, aber er hasste die tolstoische Weltsicht mit ihrem Mystizismus und Pazifismus.
‹In den Werken, Anschauungen … Tolstois sind tatsächlich schreiende Widersprüche enthalten. Einerseits ein genialer Künstler, der nicht nur unvergleichliche Bilder aus dem russischen Leben, sondern auch erstklassige Werke der Weltliteratur geschaffen hat. Andererseits ein Gutsbesitzer, der sich als Narr in Christo gefällt.› (…)
Dostojewski hielt er für ‹extrem, gefährlich reaktionär› und ‹absolut widerlich›, obwohl er sein Genie und seine «anschaulichen Bilder der Wirklichkeit» anerkannte. Die meisten zeitgenössischen Autoren mochte Lenin nicht. Alexander Blok, dessen langes Gedicht Die Zwölf aus dem Frühjahr 1918 Lenin mit Jesus und die Bolschewiki mit den Aposteln verglich, fand er schrecklich. Besondere Verachtung jedoch brachte Lenin dem futuristischen Dichter Wladimir Majakowski entgegen, dessen Werk in den frühen Sowjetjahren unglaublich populär wurde.»


«Schauerlich wächsern»: Lenin im Mausoleum. «Da aber hatten die Parteiführer schon entschieden, dass sie Lenins Leichnam im Mausoleum auf dem Roten Platz bewahren wollten, ‹auf unbestimmte Zeit … für immer, wenn wir können›. Dserschinski, der im Priesterseminar gewesen war, bevor er zum Marxismus konvertierte, sagte: ‹Wenn die Wissenschaft einen menschlichen Körper eine lange Zeit konservieren kann, warum sollen wir es dann nicht tun? Die Zaren wurden einbalsamiert, nur weil sie Zaren waren. Wir werden es tun, weil Lenin eine große Persönlichkeit war, größer als jeder andere.› Stalin, ebenfalls einst Zögling eines orthodoxen Seminars, murmelte bei einer Zusammenkunft des Kabinetts: «Wir müssen zeigen, dass Lenin lebt.›
Viele altgediente Genossen, darunter Kamenew und Bucharin, waren entsetzt. Bontsch-Brujewitsch, der Lenin in seinen späteren Jahren vielleicht am nächsten gestanden hatte, war sich sicher, dass Lenin selbst diese Idee furchtbar gefunden hätte. Trotzki meinte, dass die Einbalsamierung der Leiche religiösen Kulten des Mittelalters ähnele: ‹Früher gab es die Reliquien des Sergius von Radonesch und des Seraphim von Sarow; jetzt wollen sie diese durch die Reliquien Wladimir Iljitschs ersetzen.›
Doch die Entscheidung war gefallen: Die Bolschewiki brauchten einen Schrein für den Lenin-Kult, und sein einbalsamierter Leichnam, gegen jede Verwesung gefeit, am Kreml ruhend, sollte das Pilgerziel werden. Nadja erfuhr erst am Tag nach der Trauerfeier, dass nicht sie, sondern die Genossen über die sterblichen Überreste Lenins verfügen durften. (…)
Von all dem Unsinn und den Übertreibungen, die man über Lenin geschrieben hat, kommt kaum etwas an Lunatscharskis Behauptung heran, sein Genie sei durch seine Kopfform zu erklären: ‹Der Aufbau von … [Lenins] Schädel ist wirklich verblüffend. Man muss ihn eine Weile studieren, um seine physische Kraft zu würdigen, die Konturen der kolossalen Stirnkuppel, und um etwas zu spüren, das ich nur als ein physisches Leuchten seiner Oberfläche beschreiben kann.› (…)
Lenin wurde als ein weltlicher Heiliger verehrt, dem zu huldigen Pflicht des Volkes war. Doch die Krypta auf dem Roten Platz war nicht nur ein Schrein. Sie war eine greifbare Erinnerung daran, dass selbst nach Lenins Tod die Russen nicht frei von ihm waren. Sie sollten immer noch seinen Geboten folgen – und damit seinen gesalbten Nachfolgern.
Das hölzerne Mausoleum wurde 1930 durch das Bauwerk aus Marmor und Granit ersetzt, das auch hundert Jahre nach Lenins Revolution noch an seinem Platz steht. Geschätzt zwanzig Millionen Menschen haben das Mausoleum in den fünfundachtzig Jahren, in denen die Krypta den Touristen offensteht, besucht und den einbalsamierten, schauerlich wächsernen Lenin gesehen.»

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