04.12.2014   von rowohlt

Lauren Beukes' fantastischer Zeitreiseroman

«Sehr geistreich – und der totale Wahnsinn. Beukes hat die Verbindung von Realität und Phantastik meisterhaft im Griff.» (William Gibson)

© thinkstockphotos.de
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Chicago zur Zeit der Großen Depression. Harper Curtis lebt auf der Straße; er ist kaltblütig, hochgefährlich, von Wahnvorstellungen getrieben. Und er besitzt die Fähigkeit, durch die Zeit zu reisen, um zu töten. Seit er die strahlend schöne Tänzerin Jeanette sah, träumt er von der Auslöschung seiner «Shining Girls». Eines von Harpers Opfern überlebt – die junge Kirby. Und beginnt, den Killer durch die Zeit zu jagen … Mit Zoo City gewann die Südafrikanerin Lauren Beukes eine der renommiertesten internationalen Science-Fiction-Preise. Mit Shining Girls legt sie jetzt einen grandiosen Thriller vor. «Er ist so gut geschrieben, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass er auch Lesern gefallen wird, die sonst weder Science-Fiction noch Thriller lesen.» (KulturSPIEGEL)
Stimmen zu Shining Girls:
STEPHEN KING: «Clevere Geschichte, klasse geschrieben.»
GILLIAN FLYNN: «Ich komme nicht davon los.»
TANA FRENCH: «Shining Girls ist originell, brillant erzählt – und, ehrlich gesagt, ich habe mich zu Tode gegruselt.»

Ein Mörder aus der Vergangenheit

«Chicago 1931,es sind harte Jahre in der Stadt von Al Capone. Tausende haben ihren Lebensunterhalt verloren, vagabundieren als Obdachlosen durch die Armenviertel. Harper ist einer dieser Getriebenen. Skrupel sind ihm fremd; er nimmt sich kaltblütig und mitleidslos, was er haben will. Und wenn jemand den Tod verdient hat wie Jimmy Grebe, dann schneidet er ihm die Kehle durch. Seit Harper im Mercy Hospital die bildschöne französische Revuetänzerin Jeanette gesehen hat, das «Glow Girl» («Die kleine Idiotin hat sich mit Radium vergiftet. Das ist ihre Show, sie malt sich damit an, damit sie im Dunkeln leuchtet»), ist er besessen. Besessen von der Idee, alle «shining girls», alle leuchtenden Mädchen zu töten.
Der Zufall führt ihn zu einem Abbruchhaus in einer der verrotteten Gegenden Chicagos jenseits der Eisenbahngleise. Dort findet er einen toten Mann, Mr. Bartek. Der Kopf zerschmettert, die Augen blutunterlaufen, das Gesicht ein einziger Schrei des Entsetzens. Besser als alles, was an Alkohol und Essbarem dort lagert, ist das Zimmer im Obergeschoss. Als Harper die Tür öffnet, schlägt ihm gleißende Helligkeit entgegen. Vor seinen Augen tut sich eine komplett andere Welt auf – ganze Jahreszeiten wirbeln an ihm vorbei, alles um ihn herum verändert sich, Raum und Zeit lösen sich auf. Das Zimmer ist ein Zeitportal, ein Tor in die Vergangenheit und in die Zukunft.
An die Wände sind Gegenstände gehängt, genagelt, mit Draht gespannt. Daneben sind Namen gekritzelt – Namen, die ihm fremd sind: Jin-Sook, Zora, Willie, Kirby, Margot, Julia, Catherine, Alyce, Misha. Verwirrender noch: die Namen der ihm unbekannten Frauen sind in Harpers eigener Handschrift geschrieben.

Das Mädchen, das ihm entkam

 Plötzlich weiß Harper,, weshalb dieses Zimmer ein Geschenk des Himmels, ein Geschenk der Hölle ist: «Das Fieber kommt zum Höhepunkt, und etwas heult in ihm auf, voll Verachtung und Wut und Feuer. Er sieht die Gesichter der Shining Girls und wie sie sterben müssen. Es schreit in seinem Kopf: Bring sie um. Halt sie auf.» Alle diese Frauen wird er jagen, bis er sie gefunden hat. Er wird sie töten, weil er sie töten muss. Und er wird bei jedem seiner shining girls ein «Geschenk» zurücklassen …
So verwandelt sich Harper in den Killer, der aus der Vergangenheit kommt. Ein Opfer nach dem anderen spürt er auf – und hinterlässt Spuren, die niemand zu deuten vermag. Nicht die Polizei, und auch nicht die Menschen, die den Toten nahestanden: zum Beispiel Zora Ellis Jordan, Schweißerin bei der Chicago Bridge & Iron Company, erstochen am 28. Januar 1943. Oder Julia Madrigal, 21, Studentin der Northwestern University, bestialisch ermordet am 30. Juli 1984. Oder Jin-Sook, Sozialarbeiterin für das Wohnungsamt von Chicago … Eine grausige, immer länger werdende Reihe von Opfern. Harpers Ritual: Er nimmt der einen Toten etwas weg, um es einer anderen zuzustecken – das ist seine Art, Schicksal zu spielen. So steckt er die Baseballkarte mit einem Porträt des legendären Jackie Robinson von den Brooklyn Dodgers, die Jin-Sook bei sich trug, in Zora Ellis' Overall. «Leuchtende Sterne, die über die Zeiten hinweg miteinander verbunden sind. Eine Konstellation des Mordens …»
Nur Kirby Mazrachi ahnt, was und wer hinter der fürchterlichen Mordserie steckt. Sie ist das einzige von Harpers Opfern, das überlebt hat. Schwer verletzt, traumatisiert – und entschlossen, die Bestie zu finden, die ihr das angetan hat. Aber wie soll sie einen zeitreisenden Serienkiller jagen und zur Strecke zu bringen? Aber Kirby wird nicht aufgeben. Sie wird niemals aufgeben. Denn Harper ist nicht der einzige, den eine Mission umtreibt …

Lauren Beukes, Kapstadt/Südafrika …

Lauren Beukes zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Südafrikas. Aber nicht nur dank ihrer Romane Moxyland und Zoo City ist sie in ihrer Heimat eine bekannte Größe – auch als Journalistin und Bloggerin machte sie sich einen Namen, als sie den Fall Thomokazi Yokogazwe neu aufrollte. Die junge Frau war wenige Tage vor Weihnachten 2009 gestorben; ihr Freund hatte sie immer wieder misshandelt, angezeigt wurde er nie. Auch wenn der Fall juristisch kein Nachspiel hatte: Beukes schaffte es, dass alle großen Zeitungen ihres Landes über das Schicksal der 23-jährigen berichteten und eine Debatte über häusliche Gewalt und polizeiliche Ignoranz anstießen.
Im Gespräch mit einer Reporterin des KulturSPIEGEL verriet Lauren Beukes, auf welche kuriose Art ihr die Idee zu Shining Girls kam. Mit einem Freund habe sie via Twitter über dies und jenes herumgeblödelt. Und dann diesen Tweet getippt: «Ich könnte auch ein Buch über einen zeitreisenden Serienkiller schreiben.» Sie löschte den Tweet sofort (zum Glück hatte sie noch nicht auf «Senden» gedrückt) – wer verrät schon leichtfertig die spektakuläre Idee für einen neuen Roman?!
Und weshalb «shining girls» als Opfer? «Was Menschen leuchten lässt, ist Neugierde und die Fähigkeit, sich auf das Leben einzulassen. Keine dieser Frauen ist eine Superheldin oder hätte die Wirtschaftskrise gestoppt oder wäre der nächste Präsident der USA gewesen. Aber sie hätten einen Unterschied in ihrem eigenen Umfeld gemacht.» (zit. nach KulturSPIEGEL 2/2014)

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