19.12.2016   von rowohlt

«Ich bin nicht verrückt. Die Gefahr ist real …»

Sophie Kendricks Psychothriller «Das Gesicht meines Mörders»: Hochspannung bis zur allerletzten Seite

© Marcel van den Bergh/Hollandse Hoogte, Per Makitalo/Johner/plainpicture; fotolia.com
© Marcel van den Bergh/Hollandse Hoogte, Per Makitalo/Johner/plainpicture; fotolia.com

Als Clara aus dem Koma erwacht, ist ihr bisheriges Leben wie ausgelöscht. Sie erinnert sich weder an ihren eigenen Namen noch an ihren Ehemann, den erfolgreichen Schriftsteller Roland Winter. Auch nicht an den Einbrecher, der sie niedergeschlagen haben soll, oder an das Feuer, das ihr Haus vernichtet hat. Freunde scheint sie keine zu haben – Roland ist ihre einzige Verbindung zur Vergangenheit. Mit seiner Hilfe wagt Clara einen Neuanfang. Bis jemand versucht, sie umzubringen. Clara begreift, dass sie sich erinnern muss, um zu überleben. Dabei stößt sie auf eine geheimnisvolle Frau, mit der sie am Tag des Unglücks verabredet war. Und die seither spurlos verschwunden ist.

Was ist mit Clara geschehen?


Es muss der pure Horror sein. Du wachst im Krankenhaus auf und weißt nicht mehr, wer du bist. Wie du heißt. Weshalb der Mensch, der an deinem Bett sitzt, dich «Liebling» nennt und behauptet, dein Mann zu sein. «Ich starre ihn an. Ich habe ihn noch nie in meinem Leben gesehen.» Clara ist wie gelähmt vor Angst, Panik macht sich in ihr breit. «Clara Winter. Der Name sagt mir nichts.» 


Nicht einmal das eigene Gesicht kommt ihr bekannt vor. «Riesige blaue Augen. Bleiche Wangen. Kurze Stoppeln auf dem Schädel. Ich sehe aus wie eine Strafgefangene.» Nach und nach begreift Clara, was passiert ist. Sie hat einen Einbrecher zu Hause überrascht und wurde sie mit einem schweren Gegenstand niedergeschlagen. Aus dem Koma erwacht, ist ihr ganzes altes Leben verschwunden – so als habe es dieses Leben vor diesem Moment nicht gegeben. Es ist nicht so, als sei ihr gesamtes Wissen ausgelöscht. Sie weiß durchaus, in welchem Land sie lebt, wer an der Regierung ist, woraus man Caipirinha mixt und wie der Plural von Tuba heißt. Aber alle privaten Erinnerungen, das, was unsere Identität ausmacht, sind wie ausradiert. «Ich erinnere mich an Harry Potter und Hugh Grant, aber nicht an mich selbst. Wie ist das möglich?»


Wie das möglich ist, erklärt ihr Dr. Morungen, der Leiter der psychiatrischen Abteilung der Klinik: Unser Gedächtnis ist dreigeteilt. Im semantischen Gedächtnis speichern wir das Wissen über die Welt, im prozeduralen Gedächtnis das Knowhow über Fertigkeiten wie Schwimmen, Zähneputzen oder Fahrradfahren. Am wichtigsten ist das episodische Gedächtnis, hier ist unsere individuelle Lebensgeschichte aufgehoben. Liegt eine Amnesie vor, ist meist das episodische Gedächtnis betroffen. Clara leidet unter retrograder Amnesie, das heißt: ihr Langzeitgedächtnis ist verschüttet – ein Schutzschild vor den Folgen  traumatischer Erlebnisse. Wann es zurückkehrt, ob es überhaupt zurückkehrt, ist unsicher. Bei manchen vergehen nur Tage, bis sich alles normalisiert hat, bei anderen Wochen und Monate. Es gibt aber auch Traumatisierte, bei denen die Erinnerung an die eigene Lebensgeschichte für immer verloren ist.

«… wenn ich mich nur an das Gesicht meines Mörders erinnere»


Weil ihr Haus in Zehlendorf abgebrannt ist, bringt Roland Clara in ihr Wochenendhaus, eine Blockhütte im Spreewald.  Auch hier fehlt ihr jede Erinnerung – und erst recht daran, dass die Hütte auf einer einsamen Insel liegt und nur mit dem Boot zu erreichen ist. Immer wieder werden Clara und ihr Mann in den folgenden Tagen von Mirko Rossbach und Jan Colbe, zwei Beamten des Landeskriminalamtes, verhört. Irgendwie passen die Indizien und Spuren am Tatort nicht zueinander; die Zweifel an Rolands Version der Ereignisse wachsen von Mal zu Mal. Jeder neue Tag beschert Clara neue Fragen: Wer ist die Frau, mit der sie an jenem Unglückstag verabredet war? Ist es jene «Isabel», von der sie eine SMS erhalten hat? Vor allem aber: Kann sie, darf sie Roland vertrauen? Wieso ist er immer in der Nähe, wenn etwas Schlimmes passiert?


Entsetzt realisiert Clara, dass es keinen Einbruch und keinen Einbrecher gegeben hat. Auf sie wurde ein gezielter Mordanschlag verübt, nur mit Glück ist sie mit dem Leben davongekommen. Langsam formt sich in ihr, blass wie ein flüchtiges Traumgebilde, ein vages Bild von dem Angreifer: eine Gestalt, die hinter ihr steht und zuschlägt. «Ich presse die Lider fest zusammen. Ich muss hinsehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich keine Angst mehr vor meinen übrigen Erinnerungen haben muss, dass mir alles wieder einfallen wird, wenn ich mich nur an das Gesicht meines Mörders erinnere.»


Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Sophie Kendrick dreht mit chirurgischer Präzision an der Spannungsschraube: sieben Schritte, sieben Kapitel, deren Überschriften den Weg markieren, den ihre Heldin Clara zurücklegen muss: Auslöschung – Zweifel – Verrat – Schmerz – Scheitern – Tod – Heimkehr. Dann passiert etwas, das vermutlich auch die versiertesten Thrillerleser*innen nicht auf der Rechnung haben: ein radikaler Perspektivwechsel, eine atemberaubende Wende, die uns Leser quasi auf Null zurückkatapultiert und ein wahrhaft spektakuläres Finale einleitet …

Top