19.04.2017   von rowohlt

«Ich bin eine vom Leben Beschenkte»

Hannelore Hoger – eine faszinierende Frau, ein außergewöhnliches Buch

© Hannelore Hoger
© Hannelore Hoger

Sie ist eine der beliebtesten deutschen Schauspielerinnen: Hannelore Hoger. Als eigenwillige Kommissarin Bella Block wurde sie populär, aber sie spielt und beherrscht auch viele andere Rollen in Film- und Theaterproduktionen: von Alexander Kluges Film «Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos» (1968) über Auftritte in «Derrick» und «Tatort» bis zu «Die Bertinis» und der jüngsten «Heidi»-Verfilmung von 2015 reicht das Spektrum ihrer Arbeiten. Hier erzählt sie zum ersten Mal ausführlich aus ihrem Leben: von Kindheit und Jugend in Hamburg; von der Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Peter Zadek, Edgar Reitz und Alexander Kluge, die sie geprägt haben; von der Liebe zur Malerei – und ihrer Tochter Nina.


Die gebürtige Hamburgerin zählt zu den profiliertesten deutschen Charakterdarstellerinnen. «Bilder aus meinem Leben» nennt die vielseitige Künstlerin ihre «unvollständigen Erinnerungen» (mit über 60 zum Teil unveröffentlichten Aufnahmen). Zum Einlesen hier ein kleiner Streifzug durch das Leben von Hannelore Hoger, von der Edgar Reitz («Heimat») einmal sagte, sie sei «eine unglaublich gute Schauspielerin, die einen Regisseur permanent inspiriert. sie ist bis in die Knochen eine Komödiantin» … 

«Die Welt ist tief und der Himmel hoch»


Familie. Der Mittelpunkt unserer Familie war zweifellos meine Mutter, sie war der wärmende Kachelofen. Wenn ich aus der Schule kam, war mein erster Satz: «Mama, wo bist du?» Meine Mutter liebte ihre Kinder und kämpfte für sie, wenn nötig, wie eine Löwin. Mein Vater mimte mehr seine Strenge. Er ging morgens zu den Proben ins Ohnsorg-Theater und abends zu den Vorstellungen. Meine Mutter war zu Hause, besorgte den Haushalt. Nähte für andere Leute, manchmal im Akkord für eine Firma, fuhr mit ihrem alten Fahrrad Hamstern bei den Bauern und kam bepackt zurück. Zwischendurch fütterte sie ihre Kinder. Zusammen an einem Tisch saßen wir selten, weil alle zu anderen Zeiten eintrudelten. Hund und Katze wurden auch versorgt, sie bekamen meistens, was von unserem Essen übrig blieb. Ein Fischkopf wurde zerrupft, oder für den Hund fiel ein Knochen ab.


Mutter Johanna. Meine Mutter ist, soweit ich weiß, nie ins Ohnsorg-Theater gegangen. Aber sie kam, wenn möglich, zu jeder meiner Premieren und saß stolz mit hochroten Wangen im Zuschauerraum. Sie hatte einen scharfen kritischen Blick und sagte ihre Meinung direkt, aber nicht böse. Ich vermisse sie.


Herztiere. Ich habe eine wunderbare Tochter, auch wenn ich ihr leider nicht immer die Mutter sein konnte, die sie gebraucht hätte. (…) Über meine Mutter Johanna und meine Tochter Nina, meine Herztiere, kann ich nur schwer schreiben. Sie sind mir zu nah. Ich liebe sie zu sehr. Ich weiß zu wenig wirklich über sie. Und das, was ich mehr weiß, möchte ich für mich behalten und einnähen in meinen Rocksaum.


Kriegerisch. Ich kann meine Emotionen nicht halten. Ich gelte ja als aggressiv, was ich sicher bin. Ich bin ein bisschen zu kriegerisch, zu schnell. Wenn man es mit dem Autofahren vergleichen würde, dann wäre der Motor zu stark und das Auto zu klein. Man müsste einen kleineren Motor einsetzen oder die Bremse vorschieben.

«Ich hätte keinen anderen Beruf gewollt»


Schauspiel-Handwerk 1. Die Arbeit an der jeweiligen Rolle hat mir gefallen. Edu (Professor Eduard Marks, Hannelore Hogers Lehrer an der Schauspielschule in Hamburg, d. R.)  unterrichtete auch nach der Stanislawsky-Methode. Wir lernten die Szenen mit oder ohne Partner und spielten das der Klasse vor. Es war immer furchtbar aufregend, wenn diese Aufgabe uns bevorstand. Als ich Edu einmal meinen Wunsch äußerte, die Julia aus Romeo und Julia zu lernen, meinte er nur: «Schnubbelchen, guck mal in den Spiegel!» Ich fand mich eigentlich ganz hübsch, aber damals wurden Schauspieler noch in Fächer eingeteilt: Jugendliche Naive, Salondame, Jugendlicher Held, Komische Alte usw. Ich lief unter Charakterfach. Wirklich gelernt habe ich meinen Beruf, als ich dann ins Engagement ging und pausenlos die unterschiedlichsten Rollen spielen musste und durfte. Und ich hatte Glück, denn ich kam gleich an ein Provinztheater (in Ulm, d. R.), wo es weder geistige noch künstlerische Provinz gab.


Schauspiel-Handwerk 2. Bei diesen Übungen, die wir gemacht haben, auch denen von Lee Strasberg – da sind Übungen dabei, wenn du da zuguckst, das ist für Zuschauer sehr interessant. Denn du siehst Ängste, Blockaden. Du kannst es schon am Gang sehen, in der Hüfte. Alle halten sich irgendwo fest. Ich kriegte mal die Anweisung von Augusto: «Hannelore, achte mal auf deine rechte Schulter. Was machst du da?» Ich hatte sie hochgezogen festgehalten, das mache ich heute noch. Da sitzt sie, die Angst! Diese Übungen fand ich das Beste überhaupt, diese freien gemeinsamen Proben, über Wochen, Monate. Das fehlt mir sehr.


Kluge & Bertolucci. Kluges Filmarbeit war immer experimentell, ohne festes Drehbuch und mit mausewenig Geld, aber viel Phantasie. Seine Darsteller waren oft Laien. Ich las seine Bücher Schlachtbeschreibung und Lebensläufe. Die Geschichte Abschied von gestern mit seiner Schwester Alexandra in der Hauptrolle wurde sein erster großer Kinoerfolg. Unsere erste größere Zusammenarbeit war dann der Film Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos. Eine Zuschauerin fragte mich mal, warum die Artisten denn ohne Rad fahren würden. Das wusste ich nicht, aber in Venedig erhielt der Film den Goldenen Löwen, und Bernardo Bertolucci, der Konkurrent, ohne Löwe, begrüßte Kluge auf der sonnigen Hotelterrasse mit erhobener Faust und «É viva Kluge!».


Norbert Kappen. Ein wunderbarer Schauspieler und Kollege. (…) In Köln spielten wir in Dantons Tod, eine Inszenierung von Arno Assmann. Er Danton, ich die Hure Marion. Danton liegt in ihren Armen, und sie hat diesen schönen, herrlichen Monolog. Kappen war damals mit Ada Tschechowa befreundet; wir waren beide in ihrer Agentur, er wollte sie in Bremen am Flughafen abholen. Das Flugzeug stürzte ab vor seinen Augen. Einen Tag später hatten wir Vorstellung. Er war schweißnass, weinte und zitterte so heftig, dass ich ihn kaum halten konnte. Es war furchtbar. Das Stück wurde abgesetzt. Viele Jahre später hat sich Norbert auf dem Schnürboden des Burgtheaters erschossen.


Lee Strasberg, den legendären Schauspiellehrer, lernte ich in Bochum kennen. Augusto Fernandes und das Schauspielhaus Bochum hatten ihn eingeladen. Er kam aus Amerika, um ein Seminar über das Method Acting abzuhalten. Er war ein kleiner älterer Herr, graumeliert und sehr liebenswürdig. (…) Er wusste alles über Theater und seine verschiedenen Ausdrucksformen. Das japanische N?-Theater mit den großen Figuren, das chinesische Theater vor und nach der Revolution, das russische Theater, über Tschechow und die Stanislawsky-Methode, die er praktizierte und weiterentwickelt hatte.

«Und jetzt? Ich lebe noch und bin sehr vergnügt»


Männer und Frauen. Die meisten Konflikte sind das Ergebnis von Missverständnissen, die aber nur selten hinterfragt werden. Ich habe nie einen Mann betrogen. Es wäre mir zu anstrengend gewesen. Ich bin von meiner Natur her träge und faul, konnte mir das aber nie leisten. Ich war in meinem Leben nur mit wenigen Männern zusammen. Meistens wurde ich verlassen oder betrogen, weil sie eifersüchtig waren oder neidisch und wenn die Neue bereits in Sicht war. Männer sind feiger als Frauen. Dieser Satz ist zwar ein Gemeinplatz, aber Männer trennen sich meist nur, wenn die Nächste hinter der Ecke lauert. Ich habe immer gearbeitet und immer mein eigenes Geld verdient. Ich habe mich und mein Kind abgesichert, und ich erlaube mir, ein wenig stolz darauf zu sein.


Zicke, Hexe, Kuchentante. Unter Schauspielern ist es beispielsweise eine Tatsache, dass Männer viel länger als Liebhaber besetzt werden, Frauen spielen ab vierzig die verlassene Ehefrau, oder sie sind eine Zicke, eine Hexe, eine Kuchentante oder eine Mutti. Nur ein normaler Mensch, das sind sie selten. Und die Erotik, die hört nun mal nicht auf, auch innerlich hört sie vor allen Dingen nicht auf. Sie fühlen sich nicht so alt, wie Sie sind. Und den Männern wird dies auf eine andere Weise zugestanden – weil sie zeugungsfähig sind, bis neunzig.


Missäugiges. Schönes Wort, ja, etwas Missäugiges. Ich kann auch missäugig sein. Aber dieses Kämpfen, das mache ich nicht mehr. Wird auch Zeit. Habe keine Lust mehr dazu. Die meisten Kämpfe sind Missverständnisse. Die Menschen reden ja auch nicht wirklich offen miteinander. Über fünfundzwanzig Jahre habe ich zum Beispiel nicht mit Peter Zadek gearbeitet. Das hat sich so hochgeschaukelt. Zwei Gekränkte, zwei Mimosen. Völlig albern. 2005, ausgerechnet bei Strindbergs Totentanz am Wiener Burgtheater, haben wir uns wieder vertragen (lacht). Es kam ein vergnügtes Hannelörchen, und er war verblüfft. Wir haben viel gelacht.


Tragödie, Komödie? Tragödie ist auch schwer. Aber Komödie bedeutet für mich Tschechow: das Leben in seiner ganzen Vielfalt. Komik ist etwas Großartiges. Komiker, wirklich große Komiker wie Karl Valentin, Keaton, Chaplin, Loriot sind sensationelle Leute. Die liebe ich. Weinen kann jeder. Du kommst als Mensch auf die Welt, kriegst einen Klaps auf den Po und weinst. Lachen musst du lernen. Frei lachen auf der Bühne ist wirklich nicht einfach.


Fernsehen. Heute beim Fernsehen – du liebes Lieschen! Das ist eine vollkommen andere Welt. Du lernst Kollegen fünf Minuten vorher kennen, hast dann den Text auswendig gelernt, es bleibt kaum mehr Zeit zu proben, es bleibt keine Zeit, sich kennenzulernen, es bleibt keine Zeit, etwas auszuprobieren, eine Situation reich zu gestalten. Deswegen arbeiten viele Regisseure immer mit den gleichen Leuten zusammen, dann brauchen sie nicht immer wieder von vorne anzufangen.


Malerei. Die Therapiestunden waren beendet, und ich kaufte mir Farben und dann eine Staffelei, Leinwände und Pinsel. Ich begann mit Öl auf Leinwand zu malen. Mein erstes Bild gefiel mir, es kam einfach aus mir heraus. Ich malte Porträts, kleine Landschaften, Blumenbilder, eins habe ich verkauft, mehrere verschenkt. Ich bin mutiger geworden, mag starke, auch schrille Farben. Wenn ich abmale oder mir etwas vornehme, gelingt es oft nicht gut. Ich habe nicht nur keine Technik, ich habe überhaupt keine Ahnung. Die Staffelei steht bei mir im Wohnzimmer, und das Parkett trägt Spuren. Ein Bild zweimal gleich hinzukriegen ist mir noch nie gelungen. Inzwischen benutze ich auch Acryl und Pastellkreiden. Oft verändere ich ein Bild, übermale es. Ich höre gerne Musik dabei und möchte ein kleines Atelier anmieten zum Matschen.


«Das Leben ist doch eine Sensation …» Das meiste, was man hat, braucht man nicht. (…)  Bücher braucht man, Blumen, Freunde braucht man. Und den Himmel und das Meer, und den Mond, die Sonne und die Sterne. Und die Grundrente (und etwas mehr darf es auch sein (lacht) … Musik auf jeden Fall. Die kann man notfalls selber machen.

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