26.11.2015   von rowohlt

Verschoben und verkauft – Sport und organisierte Kriminalität

Wettbetrug im Sport: Grimme-Preisträger Holger Karsten Schmidt spricht im Interview über ein ganz heißes Eisen

© iStockphoto.com
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Klaus Burck ist Polizist mit Leib und Seele. Als er wegen Unterschlagung von Beweismaterial verhaftet wird, bricht für ihn eine Welt zusammen. In der Zelle dann die Überraschung: Alles war fingiert, um Burck als verdeckten Ermittler ins Wettmilieu einzuschleusen, das vom Goric-Clan und anderen Gangs aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität gesteuert wird … Holger Karsten Schmidt, einer der erfolgreichsten deutschen Drehbuchautoren (u.a. «Tatort», «Sass», «Polizeiruf 110», «Der Elefant», «Mord in Eberswalde»), deckt in seinem beklemmend aktuellen (und als Mafia-Thriller von Regisseur Philipp Kadelbach brillant verfilmten) Roman die profitablen Aktivitäten der organisierten Kriminalität im Sport auf.

Holger Karsten Schmidt: Das Interview


In Ihrem Kriminalroman «Auf kurze Distanz» geht es um Spielmanipulationen, insbesondere im Amateursport. Wie kamen Sie auf das Thema?
Sascha Schwingel, Redaktionsleiter bei der Degeto, machte mich auf diesen Hintergrund aufmerksam und brachte mich mit Benjamin Best zusammen, einem jungen, investigativen Journalisten, der tief in die nationale und internationale Welt der Manipulation von Sportergebnissen für sein Sachbuch «Der gekaufte Fußball» recherchiert hatte. Entsprechend konnte er seine Erkenntnisse durch Fälle und Fakten belegen, z. T. hatte ich Akteneinsicht. Da dieses kriminelle Terrain meines Wissens zumindest im deutschsprachigen Raum weder in Filmen noch in Büchern bisher überhaupt behandelt worden ist, empfand ich das als idealen Hintergrund für meinen verdeckten Ermittler.


Wie aufwendig kann man sich die Recherche vorstellen?
Die war für mich sehr bequem, da sie, was die Sportwetten und die damit zusammenhängenden Kapitalverbrechen bis hin zu Mord angeht, von Benjamin Best bereits erledigt worden war. Bei Bedarf habe ich ihn kontaktiert und mich mit seiner Hilfe tiefer in die Thematik vorgearbeitet.
Auf der anderen Seite war ich für ein Filmprojekt durch den ehemaligen Leiter des Hamburger LKA über die Einschleusung von verdeckten Ermittlern ins kriminelle Bandenmilieu und den damit verbundenen Strategien, Risiken und Banalitäten wie Abrechnungen mit der Kostenstelle umfangreich informiert worden. Er hat mir ein paar Fälle geschildert, und ich habe ganz konkret gefragt, wie dieses oder jenes detailliert abläuft. Wie sich die VE’s kleiden. Wie die Tarnwohnungen angemietet und eingerichtet werden. In welchem Umfang sie z. B. Straftaten begehen können, um das Vertrauen von Kriminellen zu gewinnen und viele Kleinigkeiten mehr.


Ob Fußball, Boxen oder Tischtennis – in Ihrem Kriminalroman klingt es, als werde in Hamburg im Amateursport geschoben und betrogen, was das Zeug hält. Was davon entspricht der Realität?
Alle Manipulationen in dem Roman sind authentisch. Sie haben sich auch nicht nur in Hamburg abgespielt, sondern in Deutschland – lediglich die Wettabgabe erfolgt im Roman in Hamburg. Ich habe mir allerdings erlaubt, fiktive Spielbeteiligte und fiktive Spielbegegnungen zu erfinden. Der jeweils zugrunde liegende Vorgang der Bestechung oder auch Erpressung von Spielern oder Schiedsrichtern zum Ziel einer exakten Vorhersage eines Spielausgangs entspricht aber der Realität.
Sportergebnisse werden auch – da die Gewinne dort höher sind – in allen Profisportarten manipuliert. Einzige Ausnahme ist die Formel 1. Sie ist für finanzielle Verlockungen schlicht zu reich.

«Hier werden Milliarden Euro mit relativ kleinem Aufwand generiert»


«Die Wetten sind verboten, das Bestechen der Spieler nicht» – so drückt es in Ihrem Buch der LKA-Ermittler Frank Dudek fast resigniert aus. Entspricht das tatsächlich der derzeitigen Rechtslage?
Jain. Die Wetten sind natürlich aus der Sicht eines Ermittlers verboten, tatsächlich bewegen sie sich in einer rechtlichen Grauzone, sie werden von der Justiz im Augenblick geduldet.
Das Bestechen der Spieler ist in dem Sinne nicht verboten, in dem der Spieler, der sich darauf einlässt, strafrechtlich nicht belangt werden kann. Einfach deswegen, weil die Manipulation durch den Spieler – zum Beispiel Foul im Strafraum, um einen Elfmeter zu provozieren – strafrechtlich nicht erfasst ist.


Apropos – schon mal den «Sportgroschen» (heutzutage «Sportförderungsbeitrag») genannt) bezahlt?
Ja. Am Millerntor.


Der Fußball-Wettskandal rund um den Schiedsrichter Robert Hoyzer schlug 2009 hohe Wellen in Deutschland, Wettbetrüger Ante Sapina wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. War das nach Ihrer Einschätzung nur die Spitze des Eisbergs?
Absolut. Wie im Roman beschrieben ist die Vorhersagbarkeit eines Spielausgangs nicht nur eine Art Gelddruckmaschine, sondern auch deswegen für die Organisierte Kriminalität interessant, weil sie hier nahezu problemlos Geldwäsche betreiben kann.
Die Abgabe von Sportwetten über das Internet stellt die Ermittler in der Realität darüber hinaus noch einmal vor sehr schwere Probleme was Nachverfolgbarkeit oder auch Erlangung gerichtsverwertbarer Beweise betrifft. Hier werden Milliarden Euro mit relativ kleinem Aufwand generiert. Ein heiß umkämpfter Markt.



Der Protagonist Ihres Buches, Klaus Burck, wurde von seiner Freundin verlassen, seine Eltern sind verstorben, von engen Freunden ist nicht die Rede. Kurz gesagt: ledig und Einzelgänger. Sieht so ein optimales Profil für einen verdeckten Ermittler aus?
Ja. Der verdeckte Ermittler dürfte seine Freundin oder gar Familie ja nur noch heimlich treffen, weil er im Zweifelsfall sonst über sie erpressbar wäre.  Solche Begegnungen müsste das LKA jedes Mal extra organisieren, ganz davon abgesehen, dass eine Beziehung die emotionale und psychische Belastung, die sich zwangsläufig ergibt, wenn ein Partner eine Tarnidentität lebt, aushalten muss. Aber man kann ja nie den Zufall ausschalten. Dass die Tochter ihren Vater zufällig in der Stadt sieht und ihn in Begleitung seiner neuen «Freunde» anspricht, etwa: «Hallo, Papa.» Und schon ist ein halbes Jahr Anbahnung für die Katz, und es besteht möglicherweise akute Lebensgefahr.
Ich brauchte Klaus Burck aber auch noch auf einer anderen Ebene des Romans als «Entwurzelten». Neben dem Krimi geht es ja auch um das Thema Identität. Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo gehöre ich hin?  Mit diesen Fragen geht Burck ins kriminelle Milieu. Aber am Ende kennt er die Antworten. Dieser Erzählbogen war mit dem «Einzelgänger» Burck am klarsten zu bewältigen, denn er ist kein Einzelgänger, weil er gerne alleine ist, sondern er ist ein Einzelgänger, weil er noch nicht zu Hause angekommen ist. Am Ende hat er seine Mitte gefunden.

Reinbek, eine ziemlich angesagte Location …

Die serbische Familie Goric agiert in Ihrem Buch als krimineller Familienclan. Was sorgt für den unbändigen Zusammenhalt, die Loyalität dieser Clans?
Verwandtschaft. Blut ist dicker als Wasser – es muss eine Menge passieren, bevor jemand seinen Vater oder Bruder verrät.


Ob zuletzt in der US-Serie «Homeland» (Staffel 5, Episode 8) oder nun in ihrem Buch: Reinbek scheint ein attraktiver Ort für Spionagethemen zu sein. Was ist an Reinbek so spannend, außer dass hier zufällig der Rowohlt Verlag residiert?
Ich habe eine Schwäche für Landhotels – ich bin äußerst gerne Gast im Hotel Waldhaus, auch zum Schreiben. Außerdem habe ich in relativer Nähe meine Jugend verbracht, genauer gesagt in Grande, wo im Roman Frank Dudek sein Wochenendhaus am Helkenteich hat.


Ohne das Ende vorwegzunehmen: Dürfen wir auf weitere Fälle von Klaus Burck  hoffen?
Das hängt sehr stark davon ab, wie sehr der Rowohlt-Verlag sich das wünscht.



Das Interview führte Andreas Schröder.

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