19.01.2016   von rowohlt

«Heute gehört die Stadt nicht den Cops. Heute gehört sie uns …»

Ryan Gattis' L.A.-Epos «In den Straßen die Wut»: ein Höllentrip von einem Roman

© iStockphoto.com
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Nach dem Freispruch für die Polizisten, die den Schwarzen Rodney King brutal misshandelt hatten, brachen am 29. April 1992 in Los Angeles schwere Unruhen aus. Die Bilanz nach sechs Tagen bürgerkriegsähnlicher Exzesse: Dutzende Tote, über 10.000 Brände, Tausende Verhaftungen, Schäden in Höhe von über einer Milliarde Dollar. Ryan Gattis' Roman stellt alles in den Schatten, was man bisher über Gangs und Polizeigewalt, über Rassismus, Verwahrlosung und Ignoranz in den USA lesen konnte. «In den Straßen die Wut» – heftig wie ein Tarantino-Film, ein Gewaltexzess, ein unvergesslicher Blick in eine fremde Welt.
Dennis Lehane: «Gattis nimmt den Leser mit in das zerbrochene, wütende Herz von Los Angeles während der Unruhen von 1992 und blinzelt nicht einmal mit den Augen vor dem, was er da sieht.»
David Mitchell: «Ein symphonischer, unglaublich perfekter, unüberbietbarer Roman. Er hat mich in einem Stück verschluckt.»
The New York Times: «Ein wahnsinnig hochtouriger Roman: schmutzig, nervenzerfetzend, manchmal unerträglich gewaltsam, gleichzeitig aber auch erfüllt von einem tiefen Mitgefühl für seine Figuren.»

Lost Angeles: 8.000 Polizisten, 100.000 Gangmitglieder

Ryan Gattis ist beträchtliche Risiken eingegangen, um das Material für seinen Roman zu recherchieren – Fiktion hautnah an der gewalttätigen Realität: «Es ist kein Zufall, dass wir über die Welt der Latino-Gangs von L.A. sehr viel weniger wissen als über vergleichbare afroamerikanische Banden. Die Gangs selbst versuchen konsequent, jeglicher öffentlicher Wahrnehmung zu entgehen. In der Vergangenheit kam es schon zu Anschlägen auf Autoren und Filmemacher. Die Los Angeles Times berichtete von zwei Informanten, die 1992 kurz nach der Premiere eines einschlägigen Films ermordet wurden.
Ich selbst wollte nicht so ein Schicksal erleiden, aber der Wunsch, die Geschichte der Gangs meiner Stadt zu erzählen, war so stark, dass ich mich an einige der Bekannte wandte, die ich als Mitglied eine Street Art Crew kennengelernt hatte, um sie über ihre Gang-Vergangenheit zu befragen. Es begann ganz unspektakulär. Dass daraus eine jahrelange Forschungsreise in eine verborgene Welt werden würde, hätte ich nicht gedacht.
Eines Tages im Sommer 2012 wurde ich aufgefordert, einen Bus nach South Central L.A. zu nehmen. Ich würde dort jemanden treffen, dessen Namen ich nicht erfuhr. Die Regeln waren klar: 1) Ich muss allein kommen. 2) Ich darf nur nach Aufforderung Fragen stellen. 3) Ich muss hundertprozentig ehrlich sein. 4) Ich kann sicher sein, dass mein Gegenüber alles über mich weiß. So etwas war zu erwarten, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass seit Monaten ein Weißer ehemalige Gangmitglieder befragt … In der Nacht vor dem Treffen schlief ich nicht, vor Angst, etwas Falsches zu sagen. Aber nicht zu gehen war keine Option.»

«L.A. ist ein eigenes Land, Mann!»

Gattis hat nicht nur dieses Treffen mit einem Bandenchef in South Central L.A. überlebt. Er hat unzählige Gespräche geführt: mit Leuten aus der Unterwelt, mit Feuerwehrleuten und Rambos einer Spezialeinheit, mit Ärzten und Krankenschwestern, Sprayern, Dealern und Prostituierten. All das verdichtet er in diesem Roman zu einem wilden, bedrohlichen, authentischen Bild  von L.A. – der Stadt, die damals «ein asphaltierter Kriegsschauplatz» war.  Einer Stadt, deren Motor, wie es in den letzten Zeilen des Romans heißt, niemals anhält: «Er wird immer weiterlaufen, egal was passiert, und er wird durch diese Flammen kämpfen und auf der anderen Seite herauskommen, ganz kaputt und schön und neu.»
Was passiert, wenn eine Stadt und ihre Ordnungskräfte vor den Armeen der Schwarzen- und Chicano-Gangs kapitulieren, sechs Tage lang? Wenn sich Frustration, Verzweiflung und Wut in Plünderungen austoben, wenn im Schatten des Chaos alte Rechnungen beglichen werden und der Wahnwitz von Gewalt und Rache eine Spirale des Todes in Gang setzt? Der erste Tote in Gattis' Roman ist Ernesto Vera. Am Abend des 29. April wird er bestialisch ermordet, obwohl er der als Einziger seiner Familie mit Gangs nichts zu tun hat. Er stirbt, weil sein jüngerer Bruder Lil Mosco die Schwester eines Typen aus einer rivalisierenden Gang erschossen hat.
Die kaltblütige Liquidation Ernestos kann nicht ungesühnt bleiben. Nach Ganglogik ist das eine Frage der Ehre, des Respekts – und des Gleichgewichts der Kräfte. La clica es mi vida! Ernestos Schwester Lupe, alias Payasa, entschließt sich zu einer Harakiriattacke auf die Mörder ihres Bruders: «Sein Tod ist meine Sache.» Allein in die Höhle der Löwen, als Tussi aufgebrezelt, aber mit Knarre. Und kommt damit durch: Am Ende bleiben mehrere der feindlichen Gang tot zurück, darunter Joker, der Typ mit dem Blaubeerkaugummi, der wie verrückt mit dem Messer auf Ernesto eingestochen hat. Was sie ihrer Mutter erzählen solle, fragt sie Big Fate. «Du sagst deiner madre, du hast für Gerechtigkeit gesorgt. Das erzählst du ihr, verdammte Scheiße.»

La clica es mi vida!

Und so dreht sich die Todesspirale, das Karussell aus Mord und Vergeltung, weiter. All das erleben wir aus dem Blickwinkel zahlreicher Protagonisten. Gangchef Big Fate, Lil Mosco (der von seinen eigenen Leuten bei einem Drogendeal in den Tod geschickt wird, weil er zu einem Sicherheitsrisiko für die gesamte clica geworden ist), Clever (Student am Southwest College und Think Tank der «Familie»), Apache (dessen Kampfname daher rührt, das er einen Typen skalpiert hat),  Lil Creeper, Momo, Trouble und viele andere – durch ihre Augen sehen wir eine Stadt, in der alle Dämme brechen.
Ganze Straßenzüge in Compton gehen in Flammen auf. Schwarze Rauchsäulen, Leichen auf den Straßen, zersplittertes Glas, ausgeraubte Supermärkte und Waffenläden, Massen von Plünderern. Und dazwischen die Gangs, die Bloods, Crisps und all die anderen. «Da wird mir klar, dass ich in ein Kriegsgebiet sehe. In South Central Los Angeles. So als ob jemand den ganzen Scheiß, den ich fast mein ganzes Leben im Libanon gesehen habe, in eine Kiste gepackt und hergeschickt hat, und hier vor meiner Haustür kommt das ganze Chaos jetzt rausgeflogen. Echt Gazastreifen, Mann. La neta, Leute.»
Nach sechs Tagen wird die Ausgangssperre aufgehoben. Die Feuer in South Central sind gelöscht, die Aufräumarbeiten beginnen. Eine Nation kommt ins Grübeln. Good news? Eher nicht: «L.A. hat ein verdammt kurzes Gedächtnis. Diese Stadt lernt nichts. Und das wird sie umbringen. Wartet's ab.»

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