16.03.2018   von rowohlt

Glück, das war in dieser Familie ein rares Gut

Mareike Schneider über ihren Debütroman «Alte Engel»

© Gene Glover/Agentur Focus
© Gene Glover/Agentur Focus

Franka, Kunststudentin mit Katze, kommt in die Heimatstadt ihrer Mutter, um ihrem Vater bei der Pflege der Großmutter unter die Arme zu greifen – und auch, weil es sonst gerade keinen Platz für sie gibt. Oma Maria, die einst aus dem Vogtland zu ihrem Mann kam, lässt in ihren Erinnerungen Menschen, Länder, Hunde und alte Bräuche wieder auferstehen, z.B. das «Neunerlei» am Weihnachtsabend: auf neun verschiedene Arten belegte Brote, von denen man jeweils nur eines essen darf, damit man Glück hat im neuen Jahr … Mareike Schneider bringt uns in ihrem Debüt mit erzählerischer Wucht und Originalität die Geschichte einer Familie nahe, die ihre Mitte lange vor dem Tod der Großmutter verloren hat – und sich doch nicht von ihr lösen kann.


«Mareike Schneider hat einen zarten, teifgründigen und dabei ganz und gar unsentimentalen Roman über das geschrieben, was jeden angeht: Familie und Heimat, Alter und Krankheit – und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt.» (Thomas Klupp)

DAS INTERVIEW


Sie haben sieben Jahre an «Alte Engel» gearbeitet. Was genau ist in dieser Zeit passiert?
Also, wenn man alle Vorstufen und Skizzen dazurechnet, habe ich eigentlich sogar zehn Jahre daran gearbeitet. Anfangs habe ich dem Text noch relativ wahllos alles hinzugefügt, was mir in den Sinn kam. Dann begann ich mein Schreibstudium und lernte, mich auf einen konkreten Erzählanlass zu konzentrieren. Also habe ich im bestehenden Text quasi die Spreu vom Weizen getrennt, teilweise ist mir das sehr schwergefallen – «kill your darlings» nennt man diesen Vorgang ja gerne. Die entstandene Grundstruktur habe ich dann in Stichpunkten so weit ausgebaut, dass ich sie eigentlich nur noch hätte runterschreiben müssen. Allerdings nahm die Lohnarbeit nach meinem Studienabschluss meist so viel Zeit in Anspruch, dass ich die reine Schreibarbeit am Roman oft monatelang ruhen lassen musste. Genau genommen habe ich mehr Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, wann ich die Geschichte endlich schreiben kann, als sie tatsächlich zu schreiben. Ich weiß nicht, ob ich heute überhaupt schon fertig wäre, wenn mir nicht so viele Menschen immer wieder Mut gemacht hätten. Rückblickend muss ich allerdings sagen, dass diese Ruhephasen dem Text gutgetan haben. Sie sind inzwischen zum festen Bestandteil meiner Arbeitsweise geworden. 


Ihr Roman kreist um Familie und Fürsorge. Warum schreiben so viele junge Autoren über das Alter? Was interessiert Sie daran?
Ich konnte in den letzten Jahren nur wenig lesen, um mich nicht unbeabsichtigt einer fremden Sprache zu bedienen. Deshalb kenne ich die Texte anderer Autoren zu diesem Thema noch nicht und kann ihre Motivation deshalb kaum abschätzen. Aber ich vermute, ich bin nicht die Einzige, deren Erlebnishorizont immer wieder durch entsprechende Ereignisse gezeichnet wurde. Es ist ja naheliegend, sich literarisch mit einem Thema auseinanderzusetzen, das einen emotional beschäftigt.
Vielleicht wird dieses spezielle Thema erst jetzt zum Gegenstand der Literatur, weil konkret meine Generation auf eine Weise damit konfrontiert wird, wie es sie zuvor nicht gab. Mich selbst interessieren daran hauptsächlich die Details, zum Beispiel die Zusammenhänge von Emotionen oder Persönlichkeitsmerkmalen. Ich finde es spannend, solche Einzelheiten herzuleiten oder zu erfinden. Aber es gefällt mir auch, sie einfach nur zu zeigen, fast nebenbei – als hätte ich was am Strand aufgesammelt. Etwa den Begriff «Pflege» ohne großes Tamtam so lange in Bilder zu kleiden, dass man ihn nach dem Lesen nicht mehr einfach nur so dahinsagen kann.  


Finden Sie, dass der Familie bei der Pflege von Angehörigen mehr aufgebürdet wird, als Gesellschaft und Staat erwarten können?
Das ist eine sehr komplexe Frage. Ich weiß gar nicht, ob ich die geeignete Person bin, um sie zu beantworten, schon gar nicht im Rahmen dieses Interviews – es gibt ja bereits ganze Bücher zu diesem Thema. Aber um es nur mal ganz grob anzureißen, ist die «Familie» von heute nicht mehr für die inkludierende Pflege von Angehörigen konzipiert. Das deutsche Gesellschaftsmodell erweist sich in diesem Bereich insgesamt als nicht gerade gut gerüstet.
Das zeigt sich im Alltag zum Beispiel in einer überwiegend räumlichen Trennung der Generationen, wodurch einerseits die alltägliche Lehre von der Integration aller Altersstufen vermieden wird, andererseits die Last der Pflege letztlich auf zu wenigen Rücken verteilt werden muss. Rücken übrigens, die laut Statistik überwiegend weiblich sind.
Es gibt hierzu schon einige Wandlungsansätze, ich denke da an Diakonieplakate, die für generationsübergreifenden Austausch und Zusammenhalt werben, oder auch die Mehrgenerationenhäuser. Aber das allein ist nur ein winziges Puzzleteil inmitten eines riesigen Gesellschaftsmodells, das völlig neu entworfen werden müsste, um zu verhindern, dass irgendjemand an irgendeiner Stelle ausgebeutet wird. An genau diesem Punkt kommt man dann meiner Ansicht nach um linke Perspektiven kaum noch herum. So viel dazu.
Davon abgesehen habe ich den Eindruck, dass innerhalb dieser Struktur die Verantwortung zu sehr auf die Fürsorgenden abgewälzt wird, kaum hingegen auf die zu Umsorgenden. Ich wünsche mir, dass wir bei dem Stichwort «Altersvorsorge» nicht nur an eine finanzielle Absicherung denken, sondern genauso an die soziale und seelische. Dass wir also nicht völlig unbedacht ins Alter hineinstolpern, sondern rechtzeitig damit beginnen, uns auf die Umstände dieses Lebensabschnitts vorzubereiten. Man kann sowohl von seinen Angehörigen als auch von Staat und Gesellschaft dabei Hilfe erwarten, aber man sollte auch ein größtmögliches Maß an Eigeninitiative aufbringen. 


Ihr Roman führt ziemlich eindrucksvoll vor, wie wir werden konnten, wer wir sind. Maria z. B., die Großmutter, wandelt sich über die Jahrzehnte von einer hilfsbereiten jungen Frau zu einer ausschließlich um sich kreisenden Matriarchin. 
Das stimmt. Aber die Frage nach den Ursachen ist ja nicht neu. Ich wollte den Blick auch auf die Verantwortung aller Beteiligten lenken. Es reicht nicht, in der Vergangenheit zu wühlen, sie gegebenenfalls zu sortieren und sich dann mit dem Verständnis von Schicksalen zu begnügen. Unser Umgang miteinander sollte vielmehr geprägt sein von stetiger Reflexion und Selbstoptimierung. (Eine Freundin empfahl mir ja, das Wort nicht zu verwenden – es klinge so neoliberal. Aber ich finde es ganz toll.) Und die Fehler des einen sollten wie selbstverständlich zum Erkenntnisgewinn des anderen beitragen. Das ist im Alltag leider nicht immer so leicht umzusetzen, deshalb wollte ich es in der Literatur zumindest mal probieren. 


Einige Passagen des Romans sind «auf Vogtländisch» geschrieben, es gibt dafür auch ein umfangreiches Glossar in Ihrem Buch. Warum war es für Sie wichtig, dass einige Figuren einen mehr oder weniger starken Dialekt sprechen?
Die Figur Oma sollte sich auf mehreren Ebenen deutlich von ihrem Umfeld abheben, für ein solches Anliegen bieten sich sprachliche Besonderheiten in der Literatur eben an. Im Lauf der Arbeit habe ich dann festgestellt, dass die Kulisse organischer, der Text glaubwürdiger wird, wenn ich auch Omas Lebensumfeld eine eigene Sprachfarbe gebe. Dadurch wird nicht die Geschichte von einer gegen alle erzählt, sondern ein komplexes Konfliktgefüge entworfen. 


Ist «Alte Engel» für Sie eher ein komisches oder ein trauriges Buch?
Es ist eine Tragikomödie. Ich würde sagen, das Verhältnis zwischen Komik und Tragik ist recht ausgeglichen.  


An einigen Stellen lässt einen Ihr Schreiben an die junge Sibylle Berg denken. Haben Sie, speziell für diesen Roman, Vorbilder gehabt?
Der Vergleich mit Sibylle Berg überrascht mich – die Stellen müssen Sie mir unbedingt mal zeigen. Ich hatte keine konkreten Vorbilder im Sinne von «Es soll so sein wie …». Aber ich wurde bestimmt von anderen Autoren beeinflusst, vermutlich mehr, als mir bewusst ist. Nach Jonathan Franzen dachte ich jedenfalls, dass die Würze eben doch nicht nur in der Kürze liegt. Und Daniel Kehlmann hat mich mit der indirekten Rede angesteckt. 

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