09.08.2017   von rowohlt

Die lange Geschichte einer kurzen Sommernacht

Nikola Scotts großer Roman über den Zauber einer verbotenen Liebe und die Macht eines dunklen Familiengeheimnisses

© Shelley DeJager
© Shelley DeJager

Es ist ein goldener Sommer im England der späten 50er Jahre – ein Sommer, der alles verändert: Die 16-jährige Elizabeth ist begeistert von den jungen Leuten, die sie auf dem Anwesen der Freunde ihrer Eltern in Sussex kennenlernt. Sie erlebt unbeschwerte Tage mit Ausflügen, Picknicks und Partys. Und sie verliebt sich prompt...
London, 40 Jahre später. Nach dem Unfalltod ihrer Mutter erhält Adele Harington einen mysteriösen Anruf: Ein Mann spricht von "neuen Spuren" und nennt immer wieder ein Datum. Und dann steht plötzlich eine Fremde vor der Tür und behauptet, Teil der Familie zu sein. 

Das Interview


Wie kam Ihnen die Idee zu diesem Roman? Und hat sich die Geschichte beim Schreiben noch sehr verändert?
Ich trage die allerersten Einfälle normalerweise Ewigkeiten lang mit mir herum, ehe sie konkrete Form annehmen, deshalb ist es nicht so leicht, genau zu sagen, wann mir die Idee kam. Der Kern von Addies Geschichte geht aber auf ein Gespräch zurück, das ich vor Jahren mit einer Freundin geführt habe. Sie hatte kurz zuvor von einer älteren Schwester erfahren, einer Frau, der nun sehr daran lag, ein Teil des Lebens meiner Freundin zu werden. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie das wohl ist, wenn da ein Mensch ist, der eigentlich keinen Platz in deinem Leben hat und doch ein Anrecht darauf hat, und zwar den überzeugendsten, den man sich vorstellen kann. Ich habe mich gefragt, wie es mir in diesem seltsamen Niemandsland zwischen Familie und Fremdheit gehen würde. Wäre ich aufgeregt und begeistert? Wäre es mir gleichgültig? Wäre ich eifersüchtig? Die Geschichte wurde dann irgendwann zu einem Roman, in dem es genau so sehr um Mütter ging wie um Schwestern, aber dieses erste Samenkorn blieb. Und ich weiß immer noch nicht genau, wie es mir ginge, würde es mir passieren ...


Sie loten die Freuden des Mutter-Tochter-Verhältnisses genau so aus wie die Schwierigkeiten. Haben Sie auf Ihre eigenen Familienerfahrungen zurückgegriffen, um Ihre Figuren und deren Beziehungen beschreiben zu können?
Mütter werden in der Literatur häufig romantisiert, verteufelt oder wie Heilige dargestellt, obwohl es im echten Leben selten so einfach ist. In meinem Leben gab es mehrere starke Frauenfiguren, es ist aber nicht so, dass ich sie im Buch porträtiert hätte. Eher findet sich in der Darstellung der Mütter die Komplexität dieser Beziehungen wieder; wie sie sich mit den Jahren verändern und entwickeln, was sie mich gelehrt haben, wie fehlbar Mütter trotz unveränderter Grundwerte sind. Ich wollte, dass sie Menschen sind, keine Figuren. Elizabeth, zum Beispiel, weckt alle möglichen Gefühle, von Respekt, Mitgefühl und Bewunderung bis hin zu Abneigung und Ungeduld. Mit Madeleine Roberts haben wir vielleicht aufgrund ihrer Geschichte tiefes Mitgefühl, obwohl wir sie als Charakter gar nicht unbedingt mögen.
Aber das Buch erzählt noch einen ganz anderen Aspekt des Mutterseins, nämlich die schwierige, traurige Geschichte unverheirateter Mütter in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts. In Liz’ Erfahrungen verschmelzen viele herzzerreißende Geschichten aus Geschichtsbüchern, Romanen und Online-Foren darüber, was unverheiratete Mütter durchmachten, als Kirche und Gesellschaft uneheliche Schwangerschaften verdammten – und dazu gehörten Fälle von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigungen und sogar die Schwängerung durch einen Verlobten. Unverheiratete Mütter mussten damit zurechtkommen, dass ihre Mutterschaft als „Sünde“ betrachtet wurde, von der man sich nur reinigen konnte, indem man das Ergebnis der Schwangerschaft verschwinden ließ. Den Frauen, die derart stigmatisiert wurden, verschlossen sich alle Türen, sie fanden weder eine Stelle noch eine Wohnung. Ihnen wurde so oft gesagt, sie seien nicht in der Lage, Mutter zu sein, und verdienten es  nicht, ihre Kinder zu behalten, bis sie es selbst glaubten.
Zwangsadoptionen in all ihren Erscheinungsformen hatten auf die meisten Frauen eine verheerende Wirkung. Viele liebten ihr Baby weiterhin, auch wenn sie es für immer verloren hatten, und viele litten ihr Leben lang unter dem Moment, in dem ihr Kind ihnen genommen wurde. Was ich über diese tiefe Verbindung zwischen Mutter und Kind gelesen habe, hat mich sehr berührt, und auch das ist in die Mütter in meinem Buch eingeflossen.


Was hat Sie an diesen «gefallenen Frauen» der fünfziger Jahre und an Adoption so interessiert, dass Sie diesen Themen auf den Grund gehen wollten?
Die großen Themen Sünde, Strafe und Stigma im Zusammenhang mit Mutterschaft, wie unverheiratete Mütter behandelt wurden – all das wirkt auf uns heute wie etwas aus dem finsteren Mittelalter, obwohl es erst wenige Generationen zurück liegt. Es ist noch nicht so lange her, dass man aufgrund einer unerwünschten Schwangerschaft wegen „Wahnsinn“ ins Zuchthaus eingewiesen werden konnte, und einige von uns haben bestimmt noch Familienmitglieder, die eine ähnliche Geschichte zu erzählen haben. Tatsächlich war meine Großmutter alleinerziehend – der Vater ihres Kindes hat sie verlassen, als er von der Schwangerschaft erfuhr – und obwohl sie in der Lage war, das Baby zu behalten, hat das Stigma, eine alleinstehende Mutter zu sein, jeden einzelnen Aspekt ihres Lebens verändert.
Viele Frauen mussten über ihre Erlebnisse schweigen – ein Nebeneffekt der Schande und der Schuld, die Kirche und Gesellschaft ihnen einbläuten – und oft litten sie unter diesem jahrzehntelangen Schweigen genau so wie unter dem ursprünglichen Erlebnis. Ich würde mir nie anmaßen, alle Nuancen und Facetten dessen, was sie durchmachten, zu kennen, aber jede Leidensgeschichte, die ich las, verstärkte mein Bedürfnis, ihnen eine Bühne zu geben, und sei es in Form eines Romans. 


In Ihrer Danksagung nennen Sie ein paar der Bücher, die Sie als Recherche für den Roman gelesen haben. Haben Sie sich beim Entwickeln der Geschichten von Addie, Phoebe und Elizabeth auf tatsächliche Fälle gestützt?
Es gibt für Addie, Phoebe, Liz und Madeleine Roberts keine realen Vorbilder; sie sind reine Produkte meiner Fantasie. Viele ihrer persönlichen Erfahrungen waren jedoch so verbreitet, dass sie mir bei der Recherche immer wieder begegneten. Viele adoptierte Kinder verspüren wie Phobe den Drang, nach ihrer Mutter zu suchen, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen ein Teil ihrer Identität fehlt. Liz’ Schwierigkeiten, zu Addie eine Beziehung aufzubauen, spiegeln die Probleme vieler junger Frauen, die gezwungen wurden, ihr Baby zur Adoption freizugeben, und mit späteren Kindern dann Probleme hatten. Und Fehlgeburten, wie sie Madeleine erlitt, gehörten damals ebenfalls zum Muttersein.


Addie und Phoebe suchen die Antworten auf die Fragen, die sie zu ihren Familien haben, in der Vergangenheit. Was glauben Sie, warum ist die Geschichte unserer Familie für unser Selbstverständnis so wichtig?
Familiengeschichte hat mich immer schon fasziniert, zum Teil wegen der Geschichten an sich, zum Teil aber auch, weil sie unserem Leben eine zusätzliche Dimension verleiht, die uns hilft zu begreifen, wer wir sind. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind alle das Produkt unserer Familie, unserer Eltern, unserer Mutter. Ihre Erfahrungen haben direkte Auswirkungen auf unser Leben und darauf, was sie für wichtig halten, uns beizubringen. Ich denke, diese Erfahrungen besser zu verstehen hilft dabei, sich selbst zu verstehen – das ist der Kern von Addies Geschichte. Zu verstehen, in welcher psychologischen und emotionalen Verfassung ihre Mutter war und wie es dazu kam, lässt sie verstehen, wie die Beziehung zwischen ihnen funktioniert hat. Es ermöglicht ihr, ihren Frieden damit zu machen und, noch wichtiger, sich im Laufe der Geschichte zu entwickeln, zu wachsen. 


Sie schreiben im Roman auch über die Gegenstände, die die Figuren mit den Menschen verbinden, die sie verloren haben. Da ist zum Beispiel die Hermès-Handtasche, die Addie im Arbeitszimmer ihrer Mutter findet. Haben Sie ein sentimentales Verhältnis zu Gegenständen und ihrer Vergangenheit?
Ja, sehr zum Leidwesen meines Mannes! Ich habe einen ganzen Schrank voller Andenken, die andere Leute sicher nicht mal ansatzweise für spektakulär halten würden – einen alten Nussknacker, einen antiken Führerschein, die erste Kamera meiner Großmutter, ein angeschlagenes Sherryglas – aber zu jedem Gegenstand gehört eine Geschichte oder eine Erinnerung, die ihn für mich zu etwas Besonderem macht. Das glänzendste, glitzerndste Schmuckstück ist für mich nicht annähernd so aufregend wie die schlichte Goldkette mit den lustigen Klunkern, die sich meine Großmutter von ihrem ersten richtigen Gehalt kaufte. Sie hat in den Zwanzigerjahren ihr eigenes Fotogeschäft eröffnet, was unfassbar mutig war zu einer Zeit, in der nicht vorgesehen war, dass Frauen berufstätig sind. Ich liebe die Vorstellung, wie sie die Eingangshalle der Oper betritt, vielleicht etwas schüchtern und definitiv sehr jung zwischen all den Damen der großen Gesellschaft, aber aufgeregter und stolzer mit ihrer Klunkerkette, als jede andere mit dem teuersten Schmuck nur sein konnte.


Hartland ist ein so lebendiger, bezaubernder Ort. Haben Sie sich das Haus ausgedacht oder gibt es dafür ein reales Vorbild?
Als mein Mann und ich nach London zogen, haben wir uns in die englischen Landschaften verliebt. Wir sind Mitglieder des National Trust geworden und kennen inzwischen jeden Weg, jedes Gutshaus und jeden Park im Umkreis von fünfzig Meilen, und viele darüber hinaus. Hartland wurde teilweise inspiriert von einem besonders schönen Landhaus namens Polesden Lacey, ein sehr grüner Ort in den North Downs in Surrey.


Dies ist Ihr erster Roman, davor haben Sie mehr als zehn Jahre lang als Lektorin gearbeitet. Was hat Sie dazu gebracht, den Sprung zu wagen, selbst hauptberuflich zu schreiben? 
Dieser Sprung war tatsächlich viel komplizierter, als ich gedacht hatte, und die Lernkurve war sehr steil! Die Lektoratsarbeit hat ihre eigenen Herausforderungen, das eine ist nicht unbedingt leichter oder schwieriger als das andere, aber Lektorieren ist eine ruhigere Arbeit als Schreiben. Man umgeht das ganze kreative Chaos, die Panik und die nächtlichen Angstattacken und kommt erst später dazu, wenn man sich alles von außen ansehen kann. Aber man verpasst auch all die tollen Meilensteine dieser kreativen Reise: das unglaubliche Gefühl, etwas erreicht zu haben, wenn man plötzlich die Lösung zu einem Problem findet und sich alles fügt; wenn man Tage lang an einer besonders widerspenstigen Szene bastelt und plötzlich die perfekte Lösung findet (oft in der Dusche!); wenn man sich Monate lang den Kopf zerbrochen und sich abgemüht hat und schließlich ans Ende gekommen ist.
Ich war sehr gerne Lektorin und seufze immer noch erleichtert auf, wenn ich das kreative Chaos hinter mir lasse und in die ruhigeren Gewässer des Überarbeitens vordringe, es ist die analytischere, methodischere Arbeit – aber ich bin genau so gern Autorin. Es ist spontan und unvorhersehbar und es macht Spaß, ich bin also sehr froh, dass ich als Autorin beides tun kann, schreiben und lektorieren.


Arbeiten Sie an weiteren Romanen?
Im Augenblick arbeite ich an einem Buch, das wieder einen historischen und einen zeitgenössischen Erzählstrang hat. In den späten Dreißigerjahren trifft sich eine Gruppe von Freunden zu einem letzten herrlichen Wochenende in Summerhill, einem schönen, abgelegenen Landsitz an der Küste Cornwalls. Summerhill gehört den jungen Hamilton-Schwestern, Madeleine und Georgiana, es scheint eine Zuflucht vor dem drohenden Krieg zu bieten. Doch noch ehe das Wochenende um ist, geschieht eine Tragödie, und ihrer aller Leben wird nie wieder sein wie zuvor. Siebzig Jahre später, 2009, begegnet Chloe – eine junge Fotografin, die in London ums Überleben kämpft – der alten Madeleine Hamilton, inzwischen eine berühmte Kinderbuchautorin. Gemeinsam entdecken sie ein dicht gewebtes Netz aus Liebe und Treue, Geheimnissen und Lügen, während sich eine unwahrscheinliche Freundschaft entwickelt. 

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