16.06.2017   von rowohlt

Die französische Biskaya – zum Sterben schön

Spannend, stimmungsvoll, bewegend: Valerie Jakobs Roman «Hotel Atlantique»

© iStockphoto.com
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Delphine Gueron ist nach ihrem Abschied von der Pariser Polizei in ihre alte Heimat an der  Biskaya zurückgekehrt, nach St. Julien de la mer bei Biarritz. Hier, im Hotel Atlantique, pflegt sie einmal die Woche Aurélie de Montvignon zum Tee zu treffen. Eines Tages erscheint ihre Freundin nicht. Sie ist umgekommen. Ein Unfall, sagt die Polizei – oder Selbstmord. Für Delphine ist klar, dass Aurélie sich niemals vom Balkon des noblen Hotels gestürzt hätte. Unterstützt von einem 15-jährigen Jungen, nimmt die Ex-Polizistin eigene Ermittlungen auf. Sie führen sie bis weit in die Vergangenheit – zu einer der niederträchtigsten Episoden nach dem Ende der Besetzung Frankreichs durch Hitlers Armeen ... «Elegante, spannende Urlaubslektüre mit baskischem Flair.» (Öko-Test)


Als Valerie Jakob schreibt eine der erfolgreichsten Übersetzerinnen für Romane aus dem angloamerikanischen und französischen Sprachraum. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin. Dass der französische Sud-Ouest ihre zweite Heimat, ihre große Liebe ist, spürt man auf jeder Seite ihres Romans, der uns an die Biskaya im französischen Teil des Baskenlandes entführt. Aber «Hotel Atlantique» ist mehr als ein hinreißender Unterhaltungsroman, mit wunderbaren Beschreibungen von Land und Leuten und Dialogen voller Witz und Schärfe. Erst auf den letzten Seiten der Lektüre begreift man die bittere Tragik, die den rätselhaften Kriminalfall um den Tod von Aurélie de Montvignon überlagert. 

«Man muss den Kreislauf durchbrechen …»


Wie leichtsinnig muss man sein, denkt Delphine, um bei einer ehemaligen commissaire der Pariser Polizei einzubrechen? Andererseits – woher sollte der 15-jährige Karim Amandier wissen, dass es sich bei «Madame Delphine» nicht einfach um eine ältere alleinstehende Dame handelt? Für den Jungen, dessen algerischer Vater sich vor Jahren schon aus dem Staub gemacht hat, sind kleine Diebstähle die einfachste Möglichkeit, einigermaßen in seinem Alltag klarzukommen. 


Anstatt den Jungen bei der örtlichen Polizei zu melden, lässt Delphine ihn diverse Haus- und Gartenarbeiten erledigen – ein kleines, effektives Resozialisierungsprojekt. Und sie bringt ihn mit Aurélie zusammen, die mit ihrer direkten Art Karim gut zu nehmen weiß. Mit der Zeit werden Karim und Aurélie so etwas wie Freunde. Die alte Dame erzählt ihm von den Biskaya-Walen, die man im Meer vor Les Balaines früher häufig zu sehen bekam. Und bittet ihn, ihr aus Melvilles Klassiker «Moby Dick» vorzulesen – für Karim eine verwirrende und doch beglückende Kollision mit der «Hochkultur».


Ein Jahr vor Aurélie war ihr Mann Ernest, ein passionierter Kunstsammler und Mäzen, gestorben. Als hätte Aurélie geahnt, dass sie nicht mehr lange leben würde, hatte sie Delphine gebeten, sich im Falle des Falles um ihr Anwesen La Pointe des Balaines zu kümmern. Delphine spürt, dass irgendetwas in den Tagen vor dem schrecklichen Unglück geschehen sein muss. Etwas, dass Aurélie sehr beunruhigt hat – aber was? Hatte sie nicht kürzlich den Verdacht geäußert, Les Balaines werde von Unbekannten ausgespäht? Was hat es mit dem verdächtigen blauen Coupé auf sich, das Karim mehrfach bei Ausflügen mit Aurélie beobachtet hatte? Und welch intrigantes Spiel spielen Aurélies ungeliebter Neffe Damien und seine so kaltschnäuzige wie geldgierige Frau Antoinette?

«… sonst werden die Verfehlungen der Väter eine Saat, die bei den Kindern aufgeht»


Am härtesten trifft Aurélies Tod Richard Lebrun. Aurélie war sieben, als sie an der Hand ihrer Mutter das erlebte, was Richards Leben zerstörte, ehe es überhaupt begonnen hatte: «Es war im August vierundvierzig. Die Nazis waren abgezogen, Paris befreit, de Gaulle in der Stadt, der Krieg für uns vorbei. Meine Mutter rannte mit mir an der Hand nach Hause, weil sie hoffte, dass mein Vater jeden Moment vor der Tür stünde …» Aurélie und ihre Mutter werden Zeugen, wie Alice Lebrun  von einem fanatisierten Mob auf der Straße als «putain de boche» verhöhnt, bespuckt und getreten wird. Ein archaischer Racheakt, der im Abschneiden von Alices Haaren gipfelt. 


«Sie haben es horizontale Kollaboration genannt, aber es konnte auch Frauen treffen, die als Haushälterin oder Putzfrau für die Nazis gearbeitet hatten. Als Frankreich befreit wurde, hat sich der sogenannte Volkszorn entladen, und natürlich waren auf einmal alle schon immer in der Résistance. Genauso wie in Deutschland nach 1945 plötzlich keiner mehr Nazi gewesen sein wollte. In dem einen Land nur Résistance-Kämpfer, in dem anderen keine Nazis – da fragt man sich, wer diesen Krieg überhaupt geführt hat.»


Für Aurélies Mutter ist es ein Akt von Anstand und Mitmenschlichkeit, die traumatisierte junge Frau bei sich aufzunehmen, ihr Schutz und Beistand zu geben. Erst recht, als Alice wenig später ein Baby zur Welt brachte – Richard. «Hier ein Tabu und dort das Schweigen. Und die Kinder irgendwo in einem Niemandsland dazwischen. Die Mutter als Nazihure stigmatisiert, der Vater Soldat eines Verbrecherregimes, das Kind als Zielscheibe für den Hass auf alle beide …»


Es ist große Romankunst, wie Valerie Jakob die fürchterliche Kriegsepisode mit den Ereignissen um Aurélie de Montvignons Tod zusammenführt. Und wie sich alle Facetten in dieser Geschichte von Scham und Schmerz, von Schuld und Verdrängung zu einem einzigen Bild zusammenfügen.

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