30.09.2018   von rowohlt

«Das Meer war ruhig an dem Tag, als Soo-min verschwand»

«Wenn es ein Buch gibt, das Sie dieses Jahr unbedingt lesen sollten, dann ist es ‹Stern des Nordens›.» (Lee Child)

© Nancy Sonck/Eye Em/Getty Images; Mumemories/iStock; Pauly Pholwises/Trevillion Images
© Nancy Sonck/Eye Em/Getty Images; Mumemories/iStock; Pauly Pholwises/Trevillion Images

Washington DC, 2010: Zwölf Jahre ist es her, dass Jenna Williams' Zwillingsschwester an einem Strand in Südkorea spurlos verschwand. Als die CIA Jenna als Agentin auf eine geheime Mission nach Nordkorea schickt, ist sie fest entschlossen, die Wahrheit über ihre Schwester herauszufinden. Eine von denen, die in Nordkorea, im «Land des Schweigens», um ihr Überleben kämpft, ist die Bäuerin Moon. Für ihre Furchtlosigkeit von den anderen Marktfrauen bewundert, wird sie zur Stimme des Widerstands – mit fatalen Konsequenzen. Auch Oberst Cho, ein fanatischer Anhänger der Kim-Dynastie, gerät zwischen die Mühlen des finsteren Regimes. Als der hochrangige Parteikader bei einer Auslandsreise Jenna kennenlernt, ahnt er nicht, dass sie undercover für die CIA in Einsatz ist. Und welche Ereignisse ihre Begegnung in Gang setzen wird ...

Undercover in Nordkorea


Stern des Nordens» ist ein explosiver Thriller. Große Teile der immens spannenden Geschichte spielen in Nordkorea: in der Hauptstadt Pjöngjang, in den bitterarmen Provinzen nahe der Grenze zu China, in den gefürchteten Arbeitslagern, wo die Inhaftierten wie Sklaven gehalten, in den geheimen Forschungseinrichtungen. D. B. John, in Wales geboren, hat lange in Südkorea gelebt – und er hat als westlicher Tourist Nordkorea bereist, die Initialzündung für seinen Roman, Gemeinsam mit Hyeonseo Lee veröffentlichte er den New-York-Times-Bestseller «Schwarze Magnolie: Wie ich aus Nordkorea entkam».


Was D. B. John 2012 mit seiner kleinen Reisegruppe im Land des selbsterklärten «Großen Führers» Kim Il-sung erlebte, ließ ihn nicht mehr los. «Wild entschlossen, mehr über das Land zu erfahren», las er alles, was ihm über Nordkorea in die Hände fiel – historische Studien, politisch-militärische Expertisen, Reiseberichte, Autobiografien von Überläufern und anderen, denen die Flucht aus dem Herrschaftsgebiet der Kim-Dynastie gelungen war.


In der Hardcover- Ausgabe des Romans finden sich eine Menge wichtiger Materialien: Texte über das politische Machtgefüge (Lagersystem, Verschleppung von Ausländern, Raketentests, Geheimdienstoperationen, «Gangsterdiplomaten», Christenverfolgung etc.), ein Glossar nordkoreanischer Wörter; Schlaglichter der jüngeren Geschichte Nordkoreas von 1945 bis heute).


In einem Interview und dem Essay «Im Land der Lügen. Meine Reise nach Nordkorea» (beide im Anhang des Thrillers abgedruckt) erfahren wir auch etwas über die geradezu bizarren Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden Koreas, die Inspiration für jene drei Protagonisten, deren Leben sich unter dramatischen Umständen verknüpfen: die Bauersfrau Moon, Oberst Cho – und über das, was sich an inszeniertem Trauerexzess nach dem Tod des Diktators Kim Jong-Ilm auf den Straßen und Plätzen des Landes abspielte. Hier einige Passagen aus dem Anhang:

D. B. John: «Vieles an Nordkorea übersteigt unser Vorstellungsvermögen …»


Nordkorea & Südkorea. «Ich durfte in Nordkorea nur sehen, was das Regime ausländischen Besuchern zeigen wollte. Mein Aufenthalt in Pjöngjang kam mir manchmal vor wie eine Führung durch eine gigantische Kulisse. Hyeonseo Lees Geschichte hat mir einen Blick hinter das Bühnenbild vermittelt, eine Vorstellung von der Angst und dem Mangel, die in Nordkorea herrschen, aber auch die Erkenntnis, dass die Menschen dort genau wie überall auf der Welt irgendwie ihr Leben leben und Wege finden, um glücklich zu sein. Nordkorea ist besessen von Südkorea, für den Süden gilt das Gegenteil. Die Südkoreaner betrachten den Norden als eine Art irren Onkel, über den man besser nicht spricht. Südkorea schien mir eingelullt von Wohlstand und Erfolg. Die meisten Menschen verleugneten die Bedrohung durch den Norden einfach und weigerten sich, darüber zu reden. Die Gegensätze zwischen den beiden Ländern sind schockierend, es sind Paralleluniversen. Sie haben sich so weit voneinander entfernt, dass eine erfolgreiche Wiedervereinigung schwer vorstellbar ist.»


Jenna Williams, Oberst Cho, Frau Moon. «Ich finde Figuren interessant, die Außenseiter und Einzelgänger sind, beides trifft auf Jenna zu. Das Trauma in ihrer Vergangenheit hat sie von der Welt abgetrennt. Und wie viele halbkoreanische Amerikaner wird sie von anderen Koreanern nicht akzeptiert. Sie hat ihr Leben lang verschiedene Identitäten managen müssen. Dieses Anderssein verleiht Menschen oft eine Unabhängigkeit und Stärke, derer sie sich nicht bewusst sind. Eine Qualität, die ich sehr attraktiv finde. Ohne es zu ahnen, ist Jenna die Art stabiler, introvertierter Mensch, die eine ideale CIA-Agentin ausmacht. Oberst Cho wurde teilweise von jemandem inspiriert, dem ich in Nordkorea begegnet bin. Unsere kleine Gruppe wurde durch die Entmilitarisierte Zone an der Grenze zu Südkorea geführt, der Armeehauptmann, der uns begleitete, hat bei mir großen Eindruck hinterlassen. Ein junges, gutaussehendes Mitglied der Partei-Elite in makelloser Uniform. Als er den kürzlich verstorbenen Geliebten Führer erwähnte, sah ich, wie er sich eine Träne aus dem Auge wischte. Auf unsere verlegenen Fragen hin, vor allem, wer den Koreakrieg begonnen hatte, gab er harsche und arrogante Antworten. Ich fragte mich, wie sein Privatleben aussehen mochte, ob er Familie hatte. Er wirkte auf mich wie ein Idealist und glühender Anhänger. Ich stellte mir vor, dass seine Ehe sicher eine gute politische Verbindung mit einer Familie von einwandfreier revolutionärer Herkunft war und dass er für eine tadellose ideologische Erziehung seiner Kinder sorgte.
Frau Moon ist eher das Produkt meiner Phantasie. Sie geht auf einen Typ Frau zurück, der sowohl in Nord- als auch Südkorea wohlbekannt ist: eine zähe, starrsinnige, hart arbeitende Matrone, ajumma genannt, die auf jedem Marktplatz zu finden ist. Bei Dummköpfen kennen diese Frauen keine Gnade. Als ich in Seoul wohnte, behandelten sie mich entweder freundlich oder schubsten mich einfach aus dem Weg, man wusste nie, was kam. Man begegnet ihnen mit einer seltsamen Mischung aus Respekt und Spott. Mein Eindruck war, dass sie auf ihre Weise rebellisch waren, sie widersetzten sich den Konventionen der höchst patriarchalen koreanischen Gesellschaft. Sie haben kein Problem damit, Männer als schwach und dämlich dastehen zu lassen. Meine Frau Moon sollte zäher und klüger sein als alle Männer um sie herum.


19. Dezember 2011 – Kim Jong-il. «Es war ein bitterkalter Morgen: In Pjöngjang wurden zehn Grad minus gemessen. Schulkinder, Studierende, Fabrikarbeiter, Regierungsbeamte und Armeeeinheiten hatten gerade ihr Tagwerk begonnen, als sie eine seltsame Nachricht erhielten: Alle Bürgerinnen und Bürger sollten sich um zwölf Uhr mittags für eine wichtige offizielle Bekanntmachung bereithalten. Die Menschen versammelten sich pünktlich vor den Fernsehern, dann erschien Ri Chun-hee auf dem Bildschirm, die berühmt-berüchtigte Nachrichtensprecherin des Regimes. Ganz in Schwarz gekleidet, überbrachte sie unter Tränen die Nachricht, dass Kim Jong-il, der Geliebte Führer, der siebzehn Jahre lang die Geschicke des Landes geleitet hatte, verstorben war. Ihre Worte lösten ein regelrechtes Erdbeben aus. Noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, liefen die Schockwellen bereits durch das ganze Land. Die Menschen strömten auf die Straßen, und die zur Schau gestellte öffentliche Trauer nahm stündlich extremere Ausmaße an. Am folgenden Tag war daraus eine Massenhysterie geworden. Kim Jong-il war ein Herrscher von beispielloser Kaltherzigkeit gewesen. Während der Großen Hungersnot in den 1990er Jahren, einer der schlimmsten Tragödien in der koreanischen Geschichte, zeigte er sich dem Leid seines Volkes gegenüber völlig gleichgültig. Er umgab sich mit einer winzigen, privilegierten Elite und zermalmte den Rest der Bevölkerung unter dem Absatz seiner Plateauschuhe, Hunderttausende wurden auf seinen Befehl hin in Arbeitslager gesperrt.
Doch am Mittag des 19. Dezember hatte niemand den Menschen befohlen, zu weinen und zu trauern. Es war nicht nötig gewesen. Alle wussten instinktiv, dass ihre Tränen erforderlich waren. Wessen Augen trocken blieben, den erwarteten drakonische Strafen. Nordkorea ist die letzte noch existierende totalitäre Diktatur der Welt. Hier gelten andere Regeln menschlichen Verhaltens …»

Stern des Nordens

Stern des Nordens

Undercover im Land der Lügen. Eine tödliche Mission in Nordkorea, eine junge CIA-Agentin auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester.
Washington DC, 2010: Zwölf Jahre ist es her, dass Jenna Williams' Zwillingsschwester an einem Strand in Südkorea spurlos verschwand. Als die CIA die frischgebackene Agentin auf eine geheime Mission nach ...  Weiterlesen

Preis: € 16,99
Seitenzahl: 544
Wunderlich
ISBN: 978-3-8052-0032-5
25.09.2018
Erhältlich als: Hardcover, Paperback, e-Book
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