11.08.2017   von rowohlt

Bye-bye, good old Dschörmeni!

Dietmar Wischmeyer langt kräftig zu: Ein Nachruf auf unsere fetten Jahre, ein bitterbös-heiteres Sittenbild unserer Gegenwart

© Gaby Gerster/Feinkorn
© Gaby Gerster/Feinkorn

In den Städten ziehen die Preise für Latte Macchiato dramatisch an, im tierfreien Nichtraucherhaushalt fällt das WLAN aus, Best-Ager purzeln tot vom Elektrorad: Die fetten Jahre sind endgültig vorbei – auf zum letzten Abendmahl! Schon morgen kommt die Zukunft auch zu dir. Was wird das für ein Gefühl sein, wenn Erotik nur noch eine Smartphone-App ist? Heute bringt uns Lieferando den Fertigfraß aus obskuren Schmurgelküchen, morgen räumt Sterberando den toten Opa ab. Dietmar Wischmeyers Buch gibt den verängstigten Deutschen eine Stimme: Unternehmer, Turbo-Landwirte, Pastorinnen, Rentner, Praktikanten, Politiker, Aktivistinnen – die ganz normalen Insassen dieser Republik erzählen vom Verschwinden ihrer gewohnten Lebenswelt. 

Im Ernst – sind wir noch zu retten?


Als Motto all dieser grandios bösen, brutal pointierten Ein- und Auslassungen des Satirikers Dietmar Wischmeyer könnte dies hier gut durchgehen: «Wie immer gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute lautet: Die Intelligenz nimmt zu. Die schlechte: Leider nicht beim Menschen.» Und wem das nicht passt,  der kann vielleicht das hier unterschreiben: «Du darfst alles, Hauptsache, es macht keinen Spaß.» An seinen Art- und Zeitgenossen nervt ihn vor allem, dass sie so dumm sind.  «Nie waren die Leute so doof. Und je saturierter sie sind, desto blöder werden sie. Das regt mich auf.» Sagen wir es mal so: Zum Misanthropen hat Wischmeyer ein angenehm entspanntes Verhältnis. Schonkost gibt's anderswo, nicht bei ihm.


Vermutlich würde keiner, der ihn auf der Kabarettbühne oder in der heute-Show erlebt, Wischmeyer pauschal als «Menschenfreund» bezeichnen. Ein solches Etikett würde dem Mann, der mehr Biss und Biestigkeit hat als fast der gesamte Rest der Humorfabrikanten dieses Landes, auch mit Sicherheit nicht schmecken. Ob allein oder mit best buddys: Wischmeyer langt zu. Gemeinsam mit Oliver Kalkofe bildet Wischmeyer Deutschlands ältestes Hardcore-Team «Die Arschkrampen» (alias «Kurt» und «Ferkel»). Im Fernsehen tritt er regelmäßig in Oliver Welkes heute-Show auf, im Radio ist er bei radioeins, radio ffn und im WDR zu hören. Für seine Bemühungen um die politische Hygiene unseres Landes wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem  Deutschen Radiopreis (2014), dem Deutschen Comedypreis (2012) und dem Deutschen Fernsehpreis (2014).


In den «Vorspeisen zum Jüngsten Gericht» tauchen jede Menge irritierter, verängstigter, wütender Figuren. Sie heißen zum Beispiel Adriano Senff, Publizist und Journalist; Mike Rosinski, arbeitsloser Werbekaufmann; Erasmus Gasser, Graue Eminenz der Politik; Walter Nippel, Rentner; Ehepaar Satorius, Gesundheitsfanatiker; die Mittelstädts, ein im gegenseitigen Hass verbundenes Paar;  Förster Alwin Werner; die Bauernfamilie Meyer zu Bregendorff; Erna Klumpe, Texttilhaus Teufel, Münsterland; die evangelische Gemeindepastorin Almut Stubbe-Knäblein … und viele andere. Durch ihre Sicht auf die Welt ergibt sich ein in seiner unbarmherzigen Schärfe doch ungemein heiteres Sittenbild der Gegenwart.


Hier ein paar Auszüge aus Dietmar Winschmeyers Generalabrechnung:

Das Jüngste Gericht ist nah!


Laufender Irrsinn Polittalk. «Der politische Aschermittwoch hat sich in Deutschland auf das ganze Jahr ausgedehnt. Insassen aller Parteien pöbeln herum und fordern ständig irgendeinen Schwachsinn, der schon im nächstfolgenden Gedankengang zum Scheitern verurteilt ist. Grenzen dicht, Leute erschießen, Fluchtursachen bekämpfen, es darf keine Obergrenze geben, alle müssen integriert werden, blablabla. Wie, durch wen und in welchem Zeitraum das alles geschehen soll, darüber schweigt der fordernde Schlauberger sicherheitshalber, denn dann müsste man ja konkret werden. Alle Grenzen dicht? Sicher! Was nimmt man denn da am besten? Beton oder Stacheldraht? Mit Todesstreifen und Selbstschussanlagen? Gibt’s noch Unterlagen von der Volkspolizei inklusive Bauvoranfrage? Müsste man mal dringend nachsehen, wenn die Grenze noch zu Lebzeiten von Pegida abgedichtet werden soll.»


Zum Beispiel Saudi-Arabien. «Hat die Flüchtlinge  mal jemand gefragt? Viel wahrscheinlicher ist doch, dass sie ihre eigene Kultur nur an einem besseren, sicheren Ort weiterleben wollen. So ginge es mir zumindest. Sollte Deutschland von der abgeschmolzenen Polkappe erschlagen werden und mich zur Flucht ins sonnenverwöhnte Saudi-Arabien zwingen, ich dächte nicht im Traum daran, die dort vorherrschende Leitkultur freiwillig anzunehmen.»


Tadellose Bio-Credibility. «Der Bäcker, nicht blöd, nutzte den Zeitgeist für eine kräftige Preiserhöhung. Jetzt trugen die Mehlbomben plötzlich seltsame Eigennamen: Joggerzipfel, Müslibrocken, Bioknubbel. (…) Deshalb werden die hippen Schrippen aus allem geknetet und gebacken, was halbwegs nach Grassamen aussieht: Dinkel und Emmer sowieso, weil schon die Neandertaler davon ihren Kuchen buken. Amarant und Chia klingen irre gesund und sorgen für eine ordentliche Bio-Credibility, wenn man sie an der Theke ordert. Zu den oberbewussten Gesundlebern gehört man, wenn man Quinoa-Semmeln verlangt. Das Zeug haben schon die alten Inka geschrotet, quasi Naturvolk und deshalb per se gesund. Kleiner Einwand: Die Inka sind mehr oder weniger ausgerottet, aber Schwamm drüber, es muss nicht an den Brötchen gelegen haben.»


Coffee to go. «Schweineteuren Cappuccino lässt sich der hippe Living-Darsteller statt in angewärmtem Porzellan in einer braunen Pappkartusche mit Saugloch reichen. Wie tief muss eine Gesellschaft gesunken sein, um eine derartige Barbarei zu tolerieren? Wer nicht mal fünf Minuten Zeit erübrigen kann, um in Ruhe eine Tasse Kaffee zu trinken, der sollte hurtig über nichtschmutzenden Selbstmord nachdenken und diesem erbärmlichen Dasein ein würdiges Ende bereiten.»


Flüchtlingsprävention. «Auch das Oktoberfest in München ist in seiner Bedeutung für die Flüchtlingsprävention noch längst nicht anerkannt. Zu dem Gebirge aus Schweinshaxen kommt hier die Alkoholpflicht hinzu und sollte auch dem letzten Wirtschaftsflüchtling deutlich machen, dass diese Welt nicht die seine ist. Wenn alle Stricke reißen und selbst Kotelettbilder auf den Asylanträgen nicht fruchten, dann muss an der Schengenaußengrenze über Imbissstuben nachgedacht werden. (…) Und wenn erst das Schweinefleisch zur nationalen Wehrspeise Nummer eins geworden ist, dann gibt’s ein Einwanderungsgesetz durch die Hintertür. Nur wer freiwillig zum Schnitzelfressen konvertiert, bekommt die Staatsbürgerschaft und darf hier bleiben. Schlechte Zeiten für Veganer, aber die waren ja schon immer höchst verdächtig!»


Apokalypse now? Nö, muss noch nich'!


Der deutsche Mann im Sommer. «Die Lächerlichkeit hat viele Gesichter, das des deutschen Sommers sind Männer, die auf Rasenmähern sitzen. Sie hocken auf den viel zu kleinen Treckern wie Braunbären, die im Zirkus auf Dreirädern durch die Manege zuckeln. (…)  Doch sollte man die traumatischen Nebenwirkungen bei Aufsitzmäherfahrern nicht unterschätzen. Man schaue sich nur die alten Reiterstandbilder in den Städten an, sitzt da etwa auch nur einer der Fürsten auf einer Ziege oder einem Shetlandpony? Warum hat sich das Christentum nur langsam in Nordeuropa durchgesetzt? Weil der Sohn Gottes auf einem mickrigen Esel unterwegs war, quasi dem Aufsitzmäher des Orients, schwer vorstellbar, dass dieser untermotorisierte Kollege die Menschheit erlösen könnte.»


Der Kalte Krieg. «Der Kalte Krieg ist zurück! Na und! Für die meisten Westdeutschen über fünfzig war es die schönste Zeit ihres Lebens. Wer von ihnen kannte schon eine Atombombe persönlich und fühlte sich von ihr bedroht? Die Sowjetunion, zärtlich ‹der Iwan› genannt, war eine anonyme Macht hinter Stacheldraht. Heute liegt «der Russe» im Urlaub am selben Pool wie wir. Was ist wohl besser? Na bitte! (…)   Unterm Schirm der nuklearen Bedrohung gediehen Kultur und Fettlebe. Ausländer kamen in homöopathischen Dosen ins Land, brachten leckeres Essen mit und räumten den Müll weg. Die gescheiterten Staaten Afrikas und Lateinamerikas hießen noch ‹Entwicklungsländer›, das politische Bewusstsein war auf dem Niveau evangelischer Kirchentage und dabei noch nicht mal peinlich.»


Navi & anderes Piep-piep-piep. «Wer war eigentlich der Erste, der uns mit ständigem Gepiepse auf die Nerven ging? War es der Volvo in den Siebzigern, der uns ungefragt mitteilte, dass wir die Nylonstrippe nicht angelegt hatten? (…)  Seitdem Gepiepe und Gemöpe auf der Welt sind, ist es aus mit der Ruhe: Heute piepen rückwärtsfahrende Müllautos durch die Wohnstraßen, Mähdrescher und Maishäcksler durch die lauschigen Sommernächte, und wenn man den Kühlschrank länger als zwanzig Sekunden offen stehen lässt, dann geht’s auch zu Hause los: piep, piep, piep, piep, piep, piep. Jaaa, du Dreckstück! Darf ich vielleicht noch etwas Milch in meinen Kaffee gießen, oder meldet die Ökopetze das dann online an das CO2-Reduktionskommissariat? Dereinst werden wir am offenen Grab eines Freundes stehen, und aus der Kiste tönt es möp, möp, möp, möp, möp. Scheiße, der Akku vom Herzschrittmacher ist leer!»


Rock around the clock.  «Blöderweise leben bei Ten Years After, The Sweet und dem Electric Light Orchestra nicht nur Teile der Erstausgabe noch, sondern ebenso alle Hörer von damals. Während man davon ausgehen kann, bei einem Klassik-Sommerkonzert auf keine Rezipienten der ersten Stunde zu treffen, so sind bei einem Oldiefestival sämtliche Fan-Untoten aus ihren Gräbern gestiegen. Sie sehen genauso scheiße aus wie vor vierzig Jahren und schunkeln wie angeschossenes Schwarzwild zu den Hits ihrer Jugend. Kann man als Rockfan in Würde altern? Oder ist es das Los dieser Generation, sich Jahre später in eine entstellte Kopie ihres jugendlichen Selbst zu verwandeln? Warum benehmen sich angejahrte Rockfans, als könnten sie die Zeit zurückdrehen? (…)  Natürlich haben auch höhere Semester einen Anspruch darauf, sich anders zu fühlen als trockenes Laub, das durch die Fußgängerzone weht. Nur hat die derzeit dahinwelkende Generation noch nicht herausgefunden, wie man das bewerkstelligt, ohne bloß die uralten Rituale der Pubertät bis zum letalen Filmriss zu wiederholen. Im Schlamm zelten, schlechtes Bier saufen und dabei Opamucke hören, das kann es ja wohl nicht sein.»

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