24.11.2015   von rowohlt

Bewusstsein ist eine Entscheidung

Grundlegend und provozierend: Der Philosoph Philipp Hübl entlarvt den Mythos von der Macht des Unbewussten

© Studio Parris Wakefield/Getty Images
© Studio Parris Wakefield/Getty Images

Unser Bewusstsein ist das größte Rätsel der Wissenschaft. Wir bestehen aus Milliarden von Molekülen, die weder denken noch fühlen können – und doch machen sie zusammen unsere Persönlichkeit und unser subjektives Erleben aus. Ebenso rätselhaft ist das Unbewusste; niemand kann genau sagen, was dort passiert. Eine gute Nachricht aber gibt es, schreibt Philipp Hübl, Autor des Bestsellers «Folge dem weißen Kaninchen», in seinem neuen Buch: Wir sind die Herren im eigenen Haus – Bewusstsein ist eine Entscheidung.

«Luzide geschrieben, wärmstens zu empfehlen» (FAZ)

Sein Lieblingsphilosoph sei übrigens Woody Allen, hat Philipp Hübl in einem Interview einmal gesagt. Dieses Frische und Freche findet sich auch in seiner Studie «Der Untergrund des Denkens». «Mit Zitaten aus Filmen und Büchern, alltäglichen Beispielen, Ergebnissen moderner Forschung und charmanten persönlichen Anekdoten kartographiert Philipp Hübl den rätselhaften, schattenhaften Kosmos des Unbewusstseins.» (Die Welt)


Wir dokumentieren im Folgenden einige zentrale Passagen aus der Einführung von Philipp Hübls Studie «Der Untergrund des Denkens»:

Das entfesselte Unbewusste

«Wenn wir uns verlieben, sind wir Marionetten der Pheromone.» –  «Die Gesellschaft zwingt uns zur Selbst-Optimierung.» –  «Die Werbung zielt auf unser Reptilienhirn.» Solche Thesen hören und lesen wir oft: in Fernsehsendungen und Zeitungen, in Hörsälen und auf Konferenzen. So oft, dass wir schon fast daran glauben könnten. Ein großes Thema unserer Zeit, neben Klimawandel und Digitalisierung, ist der unvernünftige und verführbare Mensch, der der Macht des Unbewussten hilflos ausgeliefert ist.


Das war nicht immer so. Von der antiken griechischen Philosophie über die europäische Aufklärung bis in die Moderne galt eigentlich die Vernunft als dasjenige Merkmal, das uns Menschen von Tieren unterscheidet. Dabei ist die Vernunft kein Organ wie das Herz oder die Augen, sondern zeigt sich in der Art und Weise, wie wir etwas tun, nämlich wenn wir gründlich nachdenken und bewusst handeln.


In der Kulturgeschichte konkurrieren also, grob gesprochen, zwei Bilder über die Natur des Menschen. Das klassische Bild stellt uns als selbstbestimmte Personen dar, die bewusst über sich und die Welt nachdenken und vernünftige Entscheidungen treffen. Seit mehr als 100 Jahren skizzieren allerdings Forscher vieler Fachrichtungen ein Gegenbild, manchmal mit feiner Linie, oft mit breitem Pinselstrich. Sie stützen sich dabei auf Kulturbeobachtungen, klinische Fälle sowie auf psychologische und neurologische Experimente. Sosehr sich die Fachrichtungen wie Psychologie, Kulturwissenschaft und Hirnforschung auch unterscheiden,
so überraschend einig sind sich viele Forscher in einem Punkt – sie stellen das klassische Bild in Frage.


Der Gegenentwurf besteht aus einer Familie von verwandten Ideen und Theorien, die auf unterschiedliche Weise unbewusste Kräfte betonen und so die Macht der Vernunft und des Bewusstseins bezweifeln. Typische Thesen sind beispielsweise, verdrängte Wünsche würden unser Handeln leiten, unsere Muttersprache determiniere unser Denken, das Ich sei eine Illusion und das Hirn entscheide für uns. Entsprechend suggestiv sind aktuelle Buchtitel zum Thema im Stile von: Die Intelligenz des Bauches, Die Konstruktion des Ich, Die Hirn-Fiktion, Der Selbst-Wahn, Die Illusion des freien Willens.

Kritische Vernunft vs. «big idea»

In diesem Buch verteidige ich das klassische Bild gegen seine Kritiker. Ich werfe einen Blick in den Untergrund des Denkens, auf das Fundament und die Katakomben darunter, und rücke die unbewussten Effekte ins rechte Licht. Dabei geht es um Themen wie Vergnügen, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Identität, Wünschen, Wahrnehmen, Sprechen, Denken, Entscheiden und Handeln. (…)


Meine Diagnose für diese und viele andere Beispiele lautet, dass wir so weiterleben können wie bisher. Erstens entpuppen sich die meisten Thesen von der Macht des Unbewussten als maßlose Übertreibungen. Zweitens machen uns die wenigen unbewussten Einflüsse nicht zwingend hilflos oder unvernünftig. Und drittens zeichnet uns Menschen die kritische Vernunft aus, die wir bewusst einsetzen und durch Training verbessern können, um uns gegen Einfluss zu schützen.


Aristoteles, Kant und ein paar ihrer Kollegen hatten doch recht. Philosophie ist nichts anderes als die Anwendung der kritischen Vernunft. Der philosophische ist oft der zweite Blick. Man nimmt die richtige Distanz ein, kneift die Augen etwas zusammen und sieht die Dinge plötzlich schärfer.


Auf den ersten Blick entsteht in den populären Medien der Eindruck, wir würden wie ferngesteuerte Zombies durch die Welt wanken. Wenn Beiträge mit den Worten beginnen: «Wissenschaftler haben herausgefunden», ist es erst einmal naheliegend, die Inhalte für bare Münze zu nehmen. Wer sollte es besser wissen als eben die Wissenschaftler? Doch auf den zweiten, den kritischen Blick merkt man, dass die meisten unbewussten Phänomene vielschichtig sind, die Experimente oft mehrere Interpretationen zulassen und die Theorien daher allenfalls vorläufig sein müssten, präsentiert als vorsichtig formulierte Hypothesen.


Die populären Medien, und inzwischen auch viele Wissenschaftler, tendieren jedoch dazu, Beobachtungen und Forschungsergebnisse als «big idea» zu verkaufen, als große Entdeckung, als revolutionären Ansatz. Natürlich handelt es sich bei dieser Einschätzung selbst nur um eine bloß allgemein charakterisierte Tendenz. In jeder Disziplin gibt es auch die ausgewogenen Stimmen. Doch das sind selten jene, die am lautesten erschallen und so an die breite Öffentlichkeit gelangen …»

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