02.01.2016   von rowohlt

Aufstand im Warschauer Ghetto

Ein spannender, berührender Roman – David Safiers Herzensprojekt.

Mira bringt sich und ihre kleine Schwester Hannah durch den harten Alltag im Warschauer Ghetto, indem sie unter Einsatz ihres Lebens Essen schmuggelt. Doch jetzt sollen alle Juden deportiert und umgebracht werden. Mira schließt sich dem Widerstand an. Der Ghettoaufstand hat keine Chance, kann aber der Übermacht der SS länger trotzen als vermutet. Viel länger, ganze 28 Tage lang. 28 Tage, in den sich Mira entscheiden muss, wem ihr Herz gehört, Daniel oder Amos. 28 Tage, um ein ganzes Leben zu leben. 28 Tage, um eine Legende zu werden … 

DAS INTERVIEW

Von David Safier erwartet man lustige Bücher mit fantastischem Einschlag und schrägen Einfällen. Opus Nr. 6 fällt aus der Reihe – wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Roman über den Aufstand im Warschauer Ghetto zu schreiben?
Es ist eine Geschichte, die ich immer schreiben wollte. 1992, vor mehr als 20 Jahren, wurde ich gebeten, im Bremer Dom anlässlich des Jahrestags eine Rede über den Warschauer Ghettoaufstand zu halten. Ich war damals Mitte 20, Journalist bei Radio Bremen, und sollte etwas über junge Leute im Widerstand erzählen. Als ich mich intensiver mit dem Thema beschäftigte, faszinierten mich die Geschichten von menschlicher Größe, aber auch von menschlicher Feigheit. Seitdem verging eigentlich kein Jahr, in dem ich nicht überlegt habe, ob und wie ich diesen Stoff literarisch erzählen kann.


Was ist das Besondere an der Geschichte?
Dass die Opfer sich gewehrt haben. Unser Bild ist: Die Juden sind, ohne Widerstand zu leisten, in die Konzentrationslager gebracht worden und wie Schlachtvieh in den Tod gegangen. In Warschau haben 1.200 Juden, größtenteils junge Menschen zwischen 13 und 29 Jahren, einen Aufstand organisiert und 28 Tage lang einer brutalen Übermacht getrotzt. Das ist schon singulär – nicht nur in der jüngsten Geschichte, sondern in der Historie überhaupt. 


Warum haben sich die Juden so lange nicht gewehrt?
Die Nazis haben das perfide gemacht: Die Hoffnung wurde immer ein bisschen am Leben gehalten. Es wurde gesagt: Soundsoviele Leute werden deportiert, aber es gibt Ausnahmen, und wer über eine entsprechende Bescheinigung verfügt, wird nicht in den Osten geschickt. Und dann rennen alle los, um sich eine solche Bescheinigung zu besorgen. Eine Woche später war die Bescheinigung nichts mehr wert. Im Nachherein kann man immer sagen, das war ja klar, aber die Verbrechen der Nationalsozialisten überstiegen jede Vorstellungskraft: diese systematische, fabrikmäßige Ausrottung der Juden. In dem Ghetto gab es viele Werkstätten, da wurden Flugzeugteile hergestellt, Mäntel für die Wehrmacht usw.. Die Juden haben gedacht, wir sind billige Arbeitskräfte, da werden sie doch nicht, das wäre doch verrückt …. Es dauerte lange, bis alle begriffen haben: Wir werden nicht überleben. Von den 450.000 Juden im Warschauer Ghetto waren bereits 400.000 deportiert, dann war es allen klar: Wir werden nicht überleben. Erst diese bittere Einsicht gab ihnen die Kraft, zu den Waffen zu greifen. Vorher hatte es im Ghetto viele unterschiedliche Parteien gegeben, nun waren alle politischen Unterschiede obsolet. Es gab nur noch das eine Ziel, sich nicht wehrlos zur Schlachtbank führen zu lassen. 


Letztlich haben die Nazis für die politische Einigkeit gesorgt. Sie haben mit ihren Rassegesetzen Menschen, die sich zuvor gar nicht als Juden verstanden haben, dazu gemacht.
Es gab einen Mafiaboss, der mit Schwarzmarktgeschäften und Prostitution im Ghetto viel Geld verdient hat. Als Jude hat er sich gar nicht betrachtet, sondern die Situation zynisch für sich ausgenutzt. Er hat – das wollte meine Lektorin gar nicht glauben, doch es war so – seine Bunker nach Konzentrationslagern benannt: Treblinka, Auschwitz usw. Irgendwann wurde aber selbst aus diesem Verbrecher ein Widerstandskämpfer, der den Aufständischen Unterschlupf in seinem Bunker gewährt hat. Es war eine Extremsituation, die den Menschen Entscheidungen abverlangte. Es gibt wahre Geschichten von großer Selbstlosigkeit: Wie Menschen anderen geholfen haben, wie sie ihr eigenes Leben geopfert haben, um andere durchzubringen. Und wie es immer wieder in dem ganzen Wahnsinn auch Momente gab, in denen man Glück und Barmherzigkeit erleben konnte. In einer Nacht, mitten zwischen brennenden Gebäuden, sind die Ghettokämpfer in eine Bäckerei gegangen, haben Brot gebacken und an die Hungernden im Ghetto verteilt. Aber es gab auch Momente von großer Niedertracht. Die Judenpolizei hat den Deutschen zugearbeitet, immer in der Hoffnung, so sich selbst retten zu können. Während der Deportation haben die Deutschen den Judenpolizisten gesagt, jeder von ihnen müsse am Tag fünf Juden in die Züge treiben. Es gab Judenpolizisten, die ihre eigenen Eltern in die Züge trieben, um ihr Leben um ein paar Tage zu verlängern. 


Der Roman «28 Tage lang» ist ein Werk der Fiktion, aber nicht der freien Erfindung, sondern inspiriert von wahren Geschichten.
In dem Film «Titanic» gibt es zwei fiktionale Figuren, die von Kate Winslet und Leonardo Di Caprio, und sie erleben alles, was damals passiert ist. So geht es auch mit meiner Heldin. Diese Mira gab es nicht, aber alles, was ihr passiert, und alles, was im Roman geschieht, basiert auf realen Ereignissen. Ich habe diesen Ansatz bewusst gewählt: Wenn ich eine Geschichte erzähle mit einer historischen Person als Protagonist, bin ich gebunden an den Ausschnitt, den sie erlebt hat. Ich musste mir eine Möglichkeit schaffen, die Themen, die mich interessieren, herauszuarbeiten. Alles, was Mira im Ghetto erlebt, wie sie am Anfang schmuggelt, bis später zu den Kampfeshandlungen, auch die Szene, wo sie sich mit den anderen Kämpfern entscheiden muss, ob man einen umbringt, damit er einen nicht verrät, alle diese Situationen gab es. Nur die Heldin ist fiktional, weil ich glaube, damit eine höhere Identifikation zu schaffen. (…)Als Romanautor habe ich versucht, mich in dieses 16jährige Mädchen hinzuversetzen. Wie es ist, Hunger zu leiden, wie es ist, andere Menschen in den Tod gehen zu sehen, wie es denn ist, Freude zu empfinden, obwohl um einen herum alles brennt. «28 Tage lang» dauert der Aufstand, aber es ist auch eine große Liebesgeschichte. Die Überlebenden des Ghettos sind inzwischen sehr alt oder schon gestorben. Mein Vater, Jahrgang 1915, wurde von den Nationalsozialisten verfolgt; mein Großvater ist in Buchenwald umgekommen, meine Großmutter im Ghetto von Lodz. Mütterlicherseits habe ich deutsche Vorfahren, meine Mutter ist ein deutsches Kriegskind, auf ganz andere Weise traumatisiert. Aber wir sind ja schon eine oder zwei Generationen weiter – wie kann ich die Geschichte für eine heutige Generation wieder lebendig werden lassen? Deshalb habe ich für den Roman eine unmittelbare und moderne Sprache gewählt.


Es gibt im Roman eine bewegende, unglaubliche Szene. Die Juden sind In einem Kessel zusammengetrieben worden, und es findet eine Selektion statt: Das eine Tor bedeutet den Tod, das andere das Leben. Da werden auch Mütter von ihren Kindern getrennt, und eine Frau sagt: Man kann immer ein neues Kind bekommen.
Auch diese Szene habe ich in den Erinnerungen eines Überlebenden gefunden. Einige Juden haben Marken bekommen – also immer wieder dieses perfide System: Einige von euch überleben, wenn ihr die Kriterien erfüllt. Es gab Mütter, die Marken hatten, aber trotzdem darum gekämpft haben, bei ihren Kindern zu bleiben, obwohl das bedeutet hat, in den Tod zu gehen. Aber es gab auch eine Frau, die so eine Marke trug und ihr Baby abgab mit der Bemerkung, man kann doch immer noch ein neues Leben in die Welt setzen. Ob sie überlebt hat, weiß man nicht, aber an diesem Tag konnte sie weiterleben und dafür opferte sie ihr Kind. Es gab Menschen, die sich hätten retten können. Janusz Korczak z.B., ein weltberühmter Pädagoge damals, hätte sich befreien können, hat sich aber entschlossen, mit seinen 200 Waisenkindern in den Tod zu gehen. 


Das Gespräch führte Michael Töteberg.

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