18.11.2016   von rowohlt

Alfred Polgar, der Meister der kleinen Form

Acht Texte von Alfred Polgar bei rowohlt repertoire

© Benedikt F. Dolbin (Illustration)
© Benedikt F. Dolbin (Illustration)

Manchmal wäre es schön zu wissen, wie begnadete Stilisten wie Tucholsky, ein Karl Kraus, Egon Friedell oder Alfred Polgar auf die sprachliche Verrohung von heute reagiert hätten – auf Deppenapostroph («Futter’n wie bei Mutter’n») und «brutalstmögliche Superlative», mit denen wir traktiert werden. Bei rowohlt repertoire sind jetzt eine Reihe von vergriffenen Büchern Polgars wieder zugänglich gemacht worden:  Von «Bei Licht betrachtet» bis zu drei Bänden der «Kleinen Schriften» zu Literatur und Theater.

Wer war Alfred Polgar?


Alfred Polgar, 1873 in Wien geboren, zählt zu den bekanntesten Autoren der Wiener Moderne. Als Aphoristiker und Kritiker war er ein großer Weglasser, ein Könner in der Kunst, aus hundert Zeilen zehn zu machen. Die «kleinen Zwischenfälle» des Lebens, die «Minus-Abenteuer», «alarmierende Nicht-Erlebnisse» interessierten ihn, nicht die großen Staatsaffären; Pointen und Effekte vermochte er mit vollendeter Beiläufigkeit zu servieren. «Weisheit ohne Gewichtigkeit, Charme ohne Koketterie, Esprit ohne Eitelkeit, Ironie ohne Hohn, Witz ihne Schnoddrigkeit, Liebe ohne Sentimentalität», all das finden wir in Polgars Prosa. 


Der Meister der kleinen Form konnte «aufs Augenhärchen genau sagen, was er sagen will», rühmte Tucholsky an seinem großen Kollegen. Robert Musil nannte Polgars politische Äußerungen reinsten «Filigranit». Kein Wunder, dass ihn die Nazis fast zu Tode gehetzt hätten. Nach dem Einmarsch de rDeutschen nach Frankreich floh er 1940 nach Marseille; dank der Hilfe des Emergemcy Rescue Committee gelang ihm über Spanien und Lissabon die Flucht in die USA. 1949 kehrte er als US-amerikanischer Staatsbürger nach Europa zurück. Alfred Polgar starb am 24. April 1955 in Zürich. 

Über Alfred Polgar


Franz Kafka: «Unter dem Glacéhandschuh der Form verbirgt sich ein fester, unerschrockener Wille als Inhalt.»


Hermann Broch: «Ich weiß niemanden, in der ganzen Literatur, einschließlich der ganzen Literaturgeschichte, der das kann, was eben Sie allein können: Tiefseefische an der Oberfläche fangen. Das geht weit über das Dichterische hinaus und direkt ins Menschliche und din die Weisheit hinein.»


Marcel Reich-Ranicki: «Im Grunde müßte man wie Alfred Polgar schreiben können, um zu zeigen, wie er schreiben konnte. (…) Er verließ sich auf die Kraft, die von der Sanftmut und der Herzlichkeit ausgehen kann.»

Von Alfred Polgar (einige Zitate …)


«Das Leben ist zu kurz für lange Literatur, zu flüchtig für verweilendes Schildern und Betrachten, zu psychopathisch für Psychologie, zu romanhaft für Romane, zu rasch verfallen der Gärung und Zersetzung, als daß es sich in langen und breiten Büchern lang und breit bewahren ließe. Daß die Schriftsteller Zeit finden, weitläufig zu schreiben, kann ich zur Not verstehen: der Dämon treibt, Fülle drängt sie, der gewaltige Strom gräbt sich sein gewaltiges Bett. Da kann man nichts machen. Aber daß Menschen dieser tobenden, von nie erlittenen Wehen geschüttelten Epoche Ruhe und Zeit, innere Zeit, finden, weitläufig zu lesen, ist mir ein rechtes Mirakel. (…) Ballast ist auszuwerfen – und was alles entpuppt sich nicht als Ballast? –, kürzeste Linie von Punkt zu Punkt heißt das Gebot der fliehenden Stunde.» (aus: Die kleine Form, 1926)


«Das Café Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. (…) Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger …, Stumme, die nur im Central ihre oder eines andern Sprache finden. (…) Wer sich für das Café Central interessiert, der weiß das alles ohnehin, und wer sich nicht für das Café Central interessiert, an dessen Interesse haben wir keines.» 


«Sehr geehrte Herren: Sie stellen fest, daß der Vers: ‹Der Österreicher hat ein Vaterland / und liebt's und hat auch Ursach', es zu lieben› von Grillparzer ist. Zugegeben, daß er ganz gut von Grillparzer sein könnte. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür. Er ist aber trotzdem von Schiller. Ich möchte raten, besteht Unsicherheit über die Herkunft eines Zitats, sich immer für Schiller zu entscheiden. Man wird in wenigen Fällen irre gehen, da kein zweiter deutscher Dichter so gern und emsig Zitate geschrieben hat wie Schiller. Sie waren, wie der Idealismus, geradezu ein Hobby von ihm …» 


«Im allgemeinen will ich ja über Druckfehler nicht klagen. Ich bin kein Pedant. Wenn die zeitung den Schriftsteller, den ich beharrlich Dymow schrieb, beharrlich Dymaro druckt, lieber Himmel, das ist Geschmacksache. Sie wird schon wissen, warum. Und geringfügige Textabweichungen wie ‹Ventil› statt ‹Detail›, ‹geschlechtlich› statt ‹geschichtlich›, ‹Kuhpocken› statt ‹Kuhglocken›, ‹Narrenhaus› statt ‹Warenhaus› machen die Diktion nur saftiger, so wie auch fehlende Zeilen nur der Ballung zugute kommen. Es besteht hier überdies immer die Chance, daß der Leser, im geborstenen Satz ratlos herumstolpernd, nicht den Autor, sondern sich für einen Trottel hält. Eine Chance, von der bekanntlich eine literarische Richtung der letzten Zeit jahrelang gelebt hat, und zwar gar nicht schlecht. Manche Mängel des Talents wurden schon mehr als ausgeglichen durch Defekte des Drucks, und oft sind es allein die Setzer, die dem Text den verwirrenden Opalglanz geben, den der Schriftsteller aus eigenem ihm nie zu geben vermocht hätte. Klagen wir nicht über Druckfehler. Man weiß nicht, wovon man tief wird.» 

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