Im Gespräch

Warum ich dahin gehe, wo die Rassisten sind

«Ich bin heute Deutscher, die eine meiner Schwestern ist Britin, die andere Kanadierin, mein Bruder Amerikaner und meine Mutter Sri Lankerin» (Dr. Umes Arunagirinathan)

Dr. Umes Arunagirinathan lehnt an einer Wand, er lächelt in die Kamera
© Asja Caspari

Dr. Umes ist Herzchirurg, erfolgreicher Autor, engagiertes Mitglied der deutschen Gesellschaft – und dunkelhäutig. Wie viele andere farbige Menschen erlebt er immer wieder diskriminierendes Verhalten seiner Umwelt. Umes klagt nicht an, sondern klärt auf. Anhand seiner Biografie beschreibt er pointiert, mit welchen Schwierigkeiten farbige Menschen zu kämpfen haben. Doch er sieht sich nicht als Opfer, sondern als Streiter für ein Zusammenleben, in dem das Gemeinsame die Hauptrolle spielt: die Grundfarbe Deutsch eben. Dazu gehören die deutsche Sprache, die Freiheit zur Selbstentfaltung, Gleichberechtigung und einiges mehr. Es ist das, was diese Gesellschaft für die Deutschen aller Hautfarben ausmacht. Wir dürfen nicht zulassen, dass der Rassismus diese Werte zerstört.

DAS INTERVIEW

Es passiert nicht alle Tage, dass ein Buch einer Schule gewidmet wird, erst recht nicht einer in einem großstädtischen «Problemviertel». Weshalb sind Sie der Stadtteilschule Mümmelmannsberg in Hamburg bis heute dankbar?
Vermutlich schätzen viele die Wichtigkeit einer guten Schule falsch ein – besonders für Menschen wie mich, die ohne deutsche Sprachkenntnisse als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Die Stadtteilschule in Hamburg-Mümmelmannsberg hat für mich den Grundstein gelegt, in unserer Gesellschaft Fuß zu fassen und heute als Herzchirurg arbeiten zu können. Ich habe dort die deutsche Sprache gelernt, die deutsche Kultur kennengelernt – und erfahren, welche Bedeutung Toleranz für ein friedliches Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturkreisen hat. Diese Schule hat weit mehr gemacht, als mir das nötige Wissen, all die Inhalte mit auf den Weg zu geben: Sie, die Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen und Schüler, haben mir den Weg in die deutsche Gesellschaft vorgezeichnet, die längst zu meiner Heimat geworden ist.

Schaut man sich Ihren Lebensweg an – gestern ein unbegleiteter 13-jähriger tamilischer Bürgerkriegsflüchtling, heute ein erfahrener Herzspezialist an einer deutschen Klinik –, dann kommt einem das wie ein Wunder vor. Hatten Sie das Glück, immer auf die richtigen Menschen (wie die Erxlebens oder Ihren Mentor Lorenz Köhler) zu treffen, die Ihnen Halt und Orientierung gegeben haben?
Ich bin froh und dankbar, dass ich das Glück hatte, in eine Umgebung zu kommen, wo wunderbare Menschen mir immer dann, wenn ich vor einer verschlossenen Tür stand, den Schlüssel gegeben haben, sie zu öffnen. In jedem Menschen steckt eine soziale Ader, eine menschliche Seite, auch wenn sie manchmal ziemlich gut versteckt ist. Ich habe immer das Gute in den Menschen gesehen und deshalb auch keine Angst, andere um Hilfe zu bitten, wenn ich in meinem Leben einmal nicht weiterkomme.

Eine bunte Gesellschaft ohne eine gemeinsame Identität ist keine Gesellschaft, sondern eine Parallelwelt.

Natürlich gebe es große Unterschiede, schreiben Sie – zwischen den Startchancen von Menschen, ihren Träumen, ihren Lebenswelten. Entscheidend aber sei, was uns alle in diesem Land verbinden sollte: die «Grundfarbe Deutsch». Wo stehen wir heute mit der «deutschen Grundfarbe», wie stabil ist sie?
Die deutsche Gesellschaft ist eine bunte Gesellschaft, viel bunter als damals vor 30 Jahren, als ich hier angekommen bin. Je größer und je bunter eine Gesellschaft ist, desto schwieriger wird es sein, eine gemeinsame «Grundfarbe» zu finden, mit der sich alle identifizieren. Für mich sind unser Grundgesetz, unsere Demokratie die wichtigsten Orientierungspunkte. Eine bunte Gesellschaft ohne eine gemeinsame Identität ist keine Gesellschaft, sondern eine Parallelwelt. Und Parallelwelten können Konstrukte mit einer gefährlichen Dynamik sein. Wichtig ist, dass wir alle im Dialog bleiben. Und aufpassen, dass politisch oder religiös motivierte Extremisten den Zusammenhalt unserer Gesellschaft nicht zerstören. Genau deshalb müssen alle – auch ich als ehemaliger Flüchtling – einen Beitrag für die Erhaltung des demokratischen Konsenses beitragen.

Als «sehr dunkelhäutiger Mensch» tamilischer Herkunft wissen Sie, was Rassismus ist. Sie unterscheiden zwischen «Hardcore-Rassisten» und «Alltagsrassisten». Wen müssen Menschen, die nicht ins urdeutsche, biodeutsche Raster fallen, mehr fürchten?
Die Trennung zwischen «Hardcore-Rassisten» und «weichen Rassisten» hat mit eigenen Erfahrungen im Alltag zu tun, auch mit Menschenkenntnis. Natürlich habe ich nicht das Recht, mein Bild von «Rassismus» anderen aufzuzwingen. Meine Überzeugung ist, dass man nicht alle Rassisten mit Argumenten überzeugen, also auch nicht mit allen eine «Grundfarbe Deutsch» teilen kann. Aber ich bin überzeugt, dass wir die meisten Menschen, die, weshalb auch immer, rassistische Klischees im Kopf haben, mit Aufklärungsarbeit und Dialogangeboten erreichen können. Gefährlich sind jene überzeugten Rassisten, die nicht nur Meinungen attackieren, sondern andere auch in ihrer Freiheit und körperlichen Unversehrtheit angreifen.

Grundfarbe Deutsch

Dr. Umes ist Herzchirurg, erfolgreicher Autor, engagiertes Mitglied der deutschen Gesellschaft – und dunkelhäutig. Wie viele andere farbige Menschen erlebt er immer wieder diskriminierendes Verhalten seiner Umwelt. Mal ist es nur eine dumme Bemerkung, mal ein gravierender Verstoß gegen seine Würde als Mensch. Gleichzeitig gibt es eine Debatte darüber, was man «eigentlich noch sagen darf», ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden. Umes klagt nicht an, sondern klärt auf. Anhand seiner Biografie beschreibt er pointiert, mit welchen Schwierigkeiten farbige Menschen zu kämpfen haben. Doch er sieht sich nicht als Opfer, sondern als Streiter für ein Zusammenleben, in dem das Gemeinsame die Hauptrolle spielt: die Grundfarbe Deutsch eben. Dazu gehören die deutsche Sprache, die Freiheit zur Selbstentfaltung, Gleichberechtigung und einiges mehr. Es ist das, was diese Gesellschaft für die Deutschen aller Hautfarben ausmacht. Wir dürfen nicht zulassen, dass der Rassismus diese Werte zerstört.

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Mit manchen Auswüchsen «politisch korrekter Sprache» (und den entsprechenden Triggerwarnungen) können Sie wenig anfangen, etwa mit der Abkürzung BIPoC (für Black, Indigenous und People of Color). Was stört Sie daran?
Mahatma Gandhi hat mal gesagt: «Was man mit Gewalt erreicht, kann man nur mit Gewalt erhalten.» Ständig bestimmte Wörter, Begriffe, Klassifizierungen auf den Index zu setzen und verbieten zu wollen, hilft auch nicht weiter. Mich stört es nicht, wenn Menschen mich als dunkelhäutig oder farbig bezeichnen. Es heißt doch nicht, dass sie das mit bösen Hintergedanken tun! Für mich gibt es in unserem Land nur Deutsche, Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe, Religion und Kultur. Wir alle sind Deutsche. Ich bin Deutscher mit tamilischem Hintergrund, meine Grundfarbe ist deutsch und nicht dunkel, schwul, bunt, farbig oder tamilisch.

Was können wir im Alltag tun, um «das Farbspektrum unserer Wahrnehmung» zu erweitern? Was erzählen wir Kindern über die «Grundfarbe Deutsch» – und wie viel Buntes, Heterogenes, Diverses sie zulässt?
Ich habe zwei Patenkinder, die beiden Jungs aus Hamburg und Bayern wachsen in einer bunten Gesellschaft auf. Für sie bin ich «Onkel Umes», das ist ihnen wichtig – und nicht meine Hautfarbe, nicht meine sexuelle Orientierung. Kinder lieben es, in einer bunten Umgebung aufzuwachsen; Trennlinien zu ziehen, das ist Sache der Erwachsenen. Je bunter unsere Schulen und Kindergärten sind, umso heterogener, diverser, freier wird sich auch unsere Gesellschaft entwickeln. Dabei hilft es, wenn wir in die Schulen gehen, um mit den Heranwachsenden zu diskutieren, uns als Erwachsene ihren Fragen und Ansichten zu stellen. Ich liebe es, in Schulen aus meinen Büchern vorzulesen!

Ein Zitat aus Ihrem Buch: «Der Krieg ist ein Dieb. Er hat uns das gemeinsame Aufwachsen gestohlen und uns die Kindheit genommen. Er hat uns arm gemacht – und härter.» Wie geht es Ihnen, wenn für Sie, für uns, jeder Tag mit neuen schrecklichen Bildern von Russlands Krieg in der Ukraine beginnt?
Manchmal, wenn ich die Bilder traumatisierter ukrainischer Kinder sehe, sehe ich mich selbst und meine Geschwister im Bürgerkrieg auf Sri Lanka. Kriegsbilder tun mir körperlich weh, es ist schwer zu ertragen. Ich empfinde Mitgefühl mit den Opfern des Krieges – und auf der anderen Seite tiefe Enttäuschung darüber, dass die Weltpolitik diesen Krieg zugelassen hat. Ich wünsche allen Kindern aus der Ukraine, dass sie genauso eine Chance auf ein freies, sicheres Leben bekommen, wie ich sie in Deutschland bekommen habe.

Dr. med. Umes Arunagirinathan

Dr. med. Umes Arunagirinathan

Umes Arunagirinathan wurde 1978 auf Sri Lanka geboren und kam als 13-jähriger unbegleiteter
Flüchtling nach Deutschland. Er studierte in Lübeck Medizin und wurde an der Universität Hamburg promoviert. Nach seiner Assistenzzeit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) arbeitete er in der Klinik für Kardiochirurgie in Bad Neustadt an der Saale sowie an der Charité Berlin. Er ist Facharzt für Herzchirurgie und heute als Funktionsoberarzt im Klinikum Links der Weser in Bremen tätig.

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