Im Gespräch

«Mitten in diesem Idyll lauerte das Ungeheuer: winzig, unsichtbar, tödlich.»

Der Pockenausbruch von Monschau 1962: ein Gespräch mit Bestsellerautor Steffen Kopetzky

Banner zu «Monschau» von Steffen Kopetzky mit Buchabbildung

Im Jahr 1962, als das nukleare Wettrüsten seinen Höhepunkt erreicht, als in Algier und Paris Bomben explodieren, bricht im Wirtschaftswunder-Deutschland der junge Mediziner Nikos Spyridakis in die Eifel auf. Es ist eine heikle Mission: Im Kreis Monschau sind die Pocken ausgebrochen, hochansteckend und lebensgefährlich. Die Krankheitsfälle häufen sich – das Virus nimmt sich, was es kriegen kann. Mitten im Karneval droht nun Stillstand, Quarantäne. Der Chef der Rither-Werke will die Fabrik um jeden Preis offen halten, keine zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist man weltweit gut im Geschäft. Ganz andere Pläne hegt Vera Rither, die junge Alleinerbin, die in Paris mit dem Geist der Avantgarde in Berührung gekommen ist … Steffen Kopetzky erzählt von einer Liebe im Ausnahmezustand und von der jungen, vom rasanten Wirtschaftswachstum geprägten Bundesrepublik – und verwandelt ein Kapitel deutscher Geschichte in packende Literatur.

DAS INTERVIEW

War Ihnen während des Schreibens immer bewusst, dass man in der derzeitigen Situation «Monschau» gar nicht anders als vor der Folie der Corona-Pandemie lesen kann?
Wesentliche Teile des Romans entstanden während des ersten Lockdowns – und natürlich war die historische Recherche eine Art Brennglas, mit dem man die Vorgänge während der Pandemie scharfstellen konnte. Von den anfänglichen Fehlern der Behörden und der Politik, den Versuchen, das Virus kleinzureden, bis hin zur Dynamik einer solchen, über Aerosole weitergegebenen Krankheit. Auch das Phänomen der Corona-Partys fand ich wieder – in den Pocken-Karnevals-Feiern. Der größte Hit damals war übrigens der Schlager «Am 30. Mai ist der Weltuntergang».

In einem WDR-Interview haben Sie erzählt, dass es tatsächlich eine Art Initialzündung für den Roman gab. Was war das Besondere an jenem Februartag 2020?
Die Nachrichten gaben den ersten offiziellen Corona-Toten in Europa bekannt, ein Franzose, der sich in China angesteckt hatte. Der Gesundheitsminister versicherte, Corona werde an uns vorübergehen. Ich hatte eine Lesung aus meinem Weltkriegsroman «Propaganda» – zum ersten Mal am Ort des Geschehens selbst, in einem Lokal am Ufer des Rursees in der Eifel. Danach brachte mich der Veranstalter zur Bahn. Wir kamen an einem Schild vorbei, «Monschau, 20 km», und plötzlich erinnerte ich mich, dass der Arzt Günter Stüttgen, der «German Doctor» aus der Hürtgenwaldschlacht, von der «Propaganda» erzählt, sich knapp zwanzig Jahre später eben in der Kleinstadt Monschau bei der Bekämpfung der letzten großen Pockenepidemie in Deutschland bewährt hatte. Spontan fragte ich den Veranstalter, ob er davon schon mal gehört habe, und als er bejahte und sogar erzählte, seine Tante habe damals in Pockenquarantäne befindliche Personen mit Lebensmitteln versorgt, stand mein Entschluss, noch auf dieser Lesereise mit meinen Recherchen zu beginnen.

Stichwort Nikos und Vera: Wie kamen Sie auf die Idee, den Stoff in Form einer Liebes- und Abenteuergeschichte zu erzählen?
Darauf kam ich, als ich mit den letzten Zeitzeugen darüber sprach, die damals ja junge Leute waren. Keine zwanzig Jahre nach dem Krieg war die junge Generation von einer Krankheit nicht so leicht einzuschüchtern. Alle waren sich der Gefahr bewusst, aber keiner spürte Angst, sondern eher so etwas wie eine sportlich-abenteuerliche Herausforderung, den Pocken die Stirn zu bieten. Abgesehen davon war ich selbst in einer recht abenteuerlichen Stimmung, als ich das Projekt angegangen bin.

Damals war es ein Monteur der Firma Otto Junker (im Roman: Bernhard-Rither-Werke), der das Variola-Virus vom indischen Subkontinent mit in die Nordeifel gebracht hat. Wie nah ist die Romanhandlung am historischen Pockenausbruch von 1962 im Monschauer Raum dran?
Ich habe mich genau an Ursache, Verlauf und Ende der Epidemie gehalten, aber die einzige exakt porträtierte Figur ist Günter Stüttgen, der ja auch eine bekannte historische Persönlichkeit ist. Für andere Charaktere gibt es natürlich Vorbilder und Inspirationsquellen. Doch bei allen notwendigen erzählerischen Freiheiten habe ich stets versucht, den Geist der historischen Ereignisse zu treffen, das gilt auch für die «Rither-Werke». Die fabelhafte «Vera Rither» gab es zwar nicht, aber vieles andere schon, etwa den jungen griechischen Betriebsarzt oder das vollständig isolierte Krankenhaus.

Wissen eigentlich die heute noch lebenden historischen Vorbilder Ihrer Protagonisten, dass sie zu Romanfiguren geworden sind?
Manche wissen es. Aber ich habe ihnen versprochen, diskret zu sein.

Anders als der Virusausbruch von Monschau/Lammersdorf 1962 ist Corona ein Weltproblem, eine globale Herausforderung. Muss man aus heutiger Perspektive nicht staunen über die Konsequenz, mit der einige wenige Akteure wie der Dermatologe Günter Stüttgen damals das Schlimmste verhindert haben?
Die Pocken waren 1962 ebenfalls ein drängendes medizinisches Weltproblem, gewissermaßen das «Corona» der damaligen Zeit. Jedes Jahr starben weltweit etwa zwei Millionen Menschen an den Pocken, vornehmlich im globalen Süden, in Afrika und Asien. Durch den wirtschaftlichen Austausch und den zunehmenden Flugverkehr kamen sie aber immer häufiger auch wieder in den Norden. Also entschlossen sich die im Kalten Krieg stehenden Supermächte Mitte der sechziger Jahre zur Zusammenarbeit. Die WHO koordinierte das Programm. 1979 waren die Pocken – natürlich auch dank der Impfung – offiziell ausgerottet, übrigens die erste und bislang auch einzige Krankheit, bei der das gelungen ist. Monschau war also gewissermaßen der Teilschauplatz eines weltweiten Kampfes gegen ein Übel, das über Jahrhunderte als tödlichste Krankheit überhaupt galt. Interessant ist, dass die wohlhabenden Industrieländer den ärmeren erst beistanden, als sie selbst betroffen waren.

Der Rither-Direktor Richard Seuss war in der NS-Zeit Wehrwirtschaftsführer, in der BRD ist er «geläutert» zum modernen Manager. Im Kontext Ihres Romans ist Seuss der Bad Guy, anpassungsfähig in jedem politischen System. Gibt es ein historisches Vorbild für diese Figur – und den (sehr ambivalent gezeichneten) Quick-Reporter Grünwald?
Seuss steht für den typischen westdeutschen Manager dieser Zeit: Die meisten dieser Herren hatten eine NS-Vergangenheit, waren aber problemlos in der Nachkriegsordnung angekommen – schließlich brauchte man ihr Organisationstalent. Egal, ob sie an Verbrechen beteiligt waren oder nicht, als Manager amerikanischen Stils nahmen sie schnell ihren Platz zwischen den alten Unternehmerfamilien und den Arbeitern ein und prägten das Wirtschaftsleben. Was manche Eigenheiten von Richard Seuss angeht, habe ich mir freilich einiges an einer konkreten Figur abgeschaut. Und hinter Grünwald steckt natürlich niemand anderes als der unter mehreren Pseudonymen für die Quick schreibende Johannes Mario Simmel. Simmel hat ja einen zwiespältigen Ruf, aber wenn man heute seine Romane aus dieser Zeit liest, sieht man, was für ein mutiger und engagierter, handwerklich perfekter Autor er war. Und ein echter Reporter.

Die Eifel steht literarisch derzeit gut da. Die Krimis von Jacques Berndorf, Norbert Scheuers Kall-Romane – und nun der Oberbayer Steffen Kopetzky, der das schöne Eifelstädtchen Monschau auf die literarische Landkarte zaubert. Verbindet Sie persönlich etwas mit der Eifel, wo ja immerhin Ihre beiden letzten Romane spielen?
Abgesehen davon, dass die Nordeifel berückend schön ist und ich mich dort immer wohlfühle, gibt es mittlerweile ein paar Menschen, denen ich freundschaftlich verbunden bin und die mir sehr geholfen haben. Magisch wird es, wenn ich daran denke, dass mir, als ich nach der vorläufigen Recherche vor der Frage stand, ob ich es wirklich wagen sollte, einen ganzen Roman über die Epidemie in Monschau zu schreiben, Günter Stüttgen im Traum erschienen ist. Er gab mir in diesem Traumgesicht zu verstehen, dass ich das Risiko eingehen sollte. Und tatsächlich – meine Arbeit stand unter einem guten Stern. Hoffentlich merkt man das bei der Lektüre.

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Steffen Kopetzky

Steffen Kopetzky

Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken. Sein Roman «Risiko» (2015) stand monatelang auf der «Spiegel»-Bestsellerliste und war für den Deutschen Buchpreis nominiert, der «Spiegel»-Bestseller «Propaganda» (2019) für den Bayerischen Buchpreis. Von 2002 bis 2008 war Kopetzky künstlerischer Leiter der Theater-Biennale Bonn. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm.