Im Gespräch

Interview mit Peter Buwalda

Nach seinem fulminanten Roman «Bonita Avenue» hat Peter Buwalda sein neues literarisches Werk veröffentlicht. Wieder geht es um Familie und die Bruchstücke davon. Zwei Stiefbrüder, zwei Väter und ein Schneesturm auf der sibirischen Insel Sachalin. Und mittendrin in dieser Geschichte über Familie, Verantwortung und persönliche Versäumnisse, über Erdöl, Beethoven und Sexualität steht eine junge Frau und erschüttert den Boden, auf dem sie alle stehen. Wir haben dem Autor einige Fragen zu seinem neuen Roman gestellt.

Peter Buwalda im Interview
© Jelle Vermeersch

Schon als «Bonita Avenue» herauskam, haben Sie über den nächsten Roman gesprochen. Sie wussten damals also bereits, wovon er handeln sollte. Warum hat es dann so lange gedauert, bis «Otmars Söhne» erscheinen konnte? Lag es am großen Erfolg, mussten Sie so viele Lesereisen machen?

Die vielen Übersetzungen haben sicher dazu beigetragen, dass es sich hingezogen hat, herumreisen und gleichzeitig schreiben, das kann ich nicht; andererseits bin ich trotz allem produktiv gewesen. Ich habe nie das Gefühl von Trägheit oder gar Stillstand gehabt.


Aber vermutlich wussten Sie noch nicht, dass es eine Trilogie werden wird?

Stimmt, ich hatte eigentlich ein Buch im Sinn, das etwas dünner als «Bonita Avenue»  werden sollte. Doch sehr bald schon änderte sich was mit den Erzählsträngen; die wurden, wie sich zeigte, immer zahlreicher und waren auch komplizierter angelegt. Irgendwann wusste ich: Es muss ein Dreiteiler werden, ein großer roman fleuve.


Haben Sie die gesamte Handlung bereits im Kopf? Wenn ja, wie behalten Sie den Überblick? 

Ja, sehr genau sogar. Und diese Genauigkeit erreiche ich, indem ich seit Jahren Tag für Tag darüber nachdenke. Ich kenne den Roman besser als meine eigene Vergangenheit. 


Wie auch ihr letzter Roman ist «Otmars Söhne» nicht gerade schmal. Warum braucht es einen epischen Roman von mehreren hundert Seiten, um die Geschichte von Ludwig und Otmar zu erzählen?

Erstens, weil ich das mag. Zweitens, weil es genug einbändige dünne Bücher von, sagen wir, 200 Seiten gibt – ich wollte etwas anderes machen. Und drittens, weil sich diese Geschichte eben leider gar nicht kürzer erzählen lässt. Aber mein Ziel ist es, den Roman so zu schreiben, dass man die drei Bände, wenn man möchte, separat lesen kann. Es ist ziemlich knifflig, das hinzubekommen, aber ich denke, es ist möglich.


Wir sehnen uns nach Geschichten, scheinen aber nicht mehr die Zeit zu finden, uns in sie richtiggehend zu vertiefen. Unsere Aufmerksamkeitsspanne schrumpft offenbar jeden Tag ein bisschen mehr.  Was, glauben Sie, macht das mit uns?

Ich glaube, dass wir uns in naher Zukunft sehr langweilen werden und bestimmt wieder anfangen, lange Romane zu lesen – vielleicht passiert das ja jetzt schon, dank unserer langen Corona-Abende zu Hause. Vor zehn Jahren aßen die Leute Tiefkühlpizza und Mahlzeiten zum Aufwärmen in der Mikrowelle, jetzt will jeder kochen wie ein Chefkoch. Das, sage ich voraus, wird auch mit Twitter und Literatur so sein.


Wie «Bonita Avenue» handelt auch «Otmars Söhne» von Patchworkfamilien, und einige der Figuren sind ohne ihren leiblichen Vater aufgewachsen. Drängt sich Ihnen dieses Thema aus autobiographischen Gründen auf, oder lassen sich daraus einfach die interessanteren Geschichten entwickeln?

Letzteres, Letzteres. Auch wenn ich nicht leugnen kann, dass ich, wenn ich versuche, mir einen Plot auszudenken, beinahe wie von selbst bei Familienstrukturen lande, die ich aus eigener Erfahrung kenne. Aber meine Kindheit und Jugend waren glücklich und annähernd konfliktfrei, und sie sind daher auf einer möglicherweise traumatischen Ebene ganz bestimmt keine Quelle, aus der ich schöpfe. Die Verwicklungen in Bonita Avenue und «Otmars Söhne» sind frei erfunden und haben wenig mit meiner Kindheit zu tun.


Im Roman spielen die Themen Shell und Erdöl eine große Rolle. Welche Absicht steckt dahinter, dass zwei der Hauptfiguren gerade in der Ölbranche arbeiten?

Anfangs war es ein recht praktischer Grund, um ehrlich zu sein. Ich wollte ein Setting, in dem es logisch ist, dass zwei Verwandte einander nie begegnen, während zugleich die Chance, dass sie sich doch begegnen, ziemlich groß ist. Ein multinationaler Konzern mit Niederlassungen auf der ganzen Welt schien mir diese Bedingung zu erfüllen. Erst danach habe ich mich intensiv mit Shell und dem Ölbusiness beschäftigt. Zum Glück hatte ich einige gute Informanten. 


Bei einer der Figuren liegen Genie und Wahnsinn dicht beieinander: Als herausragender Pianist hält er sich für Beethoven. Musik ist auch eine Ihrer großen Leidenschaften. Spielen Sie ein Instrument?

Gitarre. Aber so schlecht, dass ich es eigentlich nicht als Spielen bezeichnen möchte. Ein wenig Blues, das ist alles. Ich finde es erst dann schön, Dinge zu tun, wenn sich herausstellt, dass ich gut darin bin. Aber die kann man am Finger einer Hand abzählen. (Singular. Ich bin nicht in vielen Dingen gut.) 


Welche Figur hat Sie bei der Arbeit am neuen Roman am meisten beschäftigt? Und welche war vielleicht am einfachsten zu schreiben? Und warum?

Also, ich glaube ... am meisten beschäftigt hat mich Isabelle, die junge Frau, von der zwar nicht die meisten Kapitel in Otmars Söhne handeln, das ist Ludwig, aber als Figur war sie für mich schwieriger hinzukriegen. Vielleicht, weil sie eine Frau ist, aber ich denke, es lag hauptsächlich daran, dass die Welt, in der sie lebt, für mich schwer in Worte zu fassen war. Sie ist eine hochkarätige Finanzjournalistin, die über die Ölindustrie berichtet, und das war nicht einfach, weil ich nichts über Öl wusste, als ich mit dem Schreiben des Romans begonnen habe.


Der zweite Teil des Romans wird größtenteils aus der Sicht dieser Investigativjournalistin Isabelle erzählt, die Johan Tromp aus ihrer Kindheit und aus Nigeria kennt und auf Sachalin wieder auf ihn trifft - eine starke Frauenfigur, die sich offenbar in diesem Männer-Universum gut behaupten kann. Man könnte sagen, dass Sie mit Isabelle auch dem Feminismus in Ihrem Roman eine Stimme gegeben haben. Brauchten Sie das als Gegengewicht, oder steckt noch mehr dahinter?

Ich habe Isabelle ganz bewusst als starke Frau gestaltet, die sie im Keim bereits in Bonita Avenue war - da spielt sie auf etwa fünf Seiten eine Nebenrolle -, allerdings ist sie auch eine innerlich Zerrissene. Sie ist allergisch gegen Machtmissbrauch, insbesondere von Männern in wichtigen Positionen, aber sie scheut auch davor zurück, pauschal zu urteilen. Aufgrund gewisser Umstände kommt sie mit dem Werk des Marquis de Sade in Berührung, das sie philosophisch ergründen will, aber erst als sie die Bücher der radikalen Feministin Andrea Dworkin kennenlernt, beginnt sie zu verstehen. Isabelle ist, mit anderen Worten, eine Feministin, aber keine gewöhnliche, glaube ich.


Der Roman beginnt nicht mit Kapitel 1, sondern mit Kapitel 111, und die Kapitelzählung verläuft rückwärts. Könnten Sie kurz noch sagen, wie es dazu gekommen ist?

Dolf Appelqvist, der ebenso gestörte wie geniale Konzertpianist in meinem Roman, behauptet, er habe den dritten Satz von Beethovens Klaviersonate Opus 111 gefunden, einer der Erzählstränge der Trilogie. Deshalb fand ich es passend, das Ganze in 111 Kapitel einzuteilen und, um es mir selbst schwerer zu machen, zurück zu zählen, anstatt mit Kapitel 1 zu beginnen. Vorn auf dem Umschlag des Buches steht nirgendwo, dass der Roman der erste Band eines Dreiteilers ist. Aber «Otmars Söhne» beginnt mit Kapitel 111 und endet mit Kapitel 75, was nahelegt, dass noch 74 Kapitel folgen werden – exakt zwei Drittel also. Es ist ein Knebelvertrag, den ich mit den Lesern geschlossen habe. Und mit meinem Verlag. Und mit mir selbst.


Sie waren in Deutschland auf einer großen Lesereise für «Bonita Avenue». Was gefällt Ihnen an Deutschland?

Alles mögliche. Aber was mir auf dieser Reise am meisten gefallen hat, war die Aufgeschlossenheit der deutschen Leser für Literaturveranstaltungen. Dieser Respekt und diese Ernsthaftigkeit des Publikums und auch der Leute, die alles organisiert haben. Wenn man in den Niederlanden eine Lesung macht, reicht man dir ein Mikrofon und sagt: Viel Glück. In Deutschland gibt es einen Moderator, der immer ein Literaturkritiker ist, es gibt einen Schauspieler, der eine halbe Stunde lang aus deinem Roman liest, das Publikum ist größer, und mehr Leute scheinen den Roman schon vorher gelesen zu haben. Das hat mich ziemlich erstaunt.  

 

Peter Buwalda

Peter Buwalda

Peter Buwalda, 1971 in Brüssel geboren, arbeitete für eine Musikzeitschrift, bevor er seinen ersten Roman schrieb und freier Schriftsteller wurde. Sein Debüt "Bonita Avenue", 2013 auf Deutsch erschienen, wurde für zwölf Preise nominiert, darunter die wichtigsten niederländischen Literaturpreise, und mehrfach ausgezeichnet. Der Roman führte über zwei Jahre lang die holländischen Bestsellerlisten an und wurde in zwanzig Sprachen übersetzt. 2019 veröffentlichte er seinen zweiten Roman, "Otmars Söhne", den ersten Teil einer Trilogie. Peter Buwalda lebt in Amsterdam.

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