Im Gespräch

Der Himmel über der Stadt

Anne Stern ist die Autorin von Fräulein Gold. Der dritte Band der Reihe um die Hebamme Hulda Gold ist frisch erschienen: Der Himmel über der Stadt. Die Autorin hat uns einige Fragen zum neuen Band beantwortet.

Anne Stern

Hulda Gold ist eine Heldin, mit der man stark mitfiebert. Wie hat sich die Figur in den ersten drei Bänden entwickelt? Welche Stärken und Schwächen hat sie? 

Hulda ist erwachsen geworden. Im ersten Band geht sie gern feiern, ist oft leichtsinnig und macht Fehler. Im Verlauf der drei Bände übernimmt sie immer mehr Verantwortung für sich und die, die sie liebt. Sie beschäftigt sich zunehmend mit Fragen nach ihrer Identität, ihrer Herkunft als Jüdin und den politischen Zuständen des Landes. Sie wird ernsthafter, emotionaler und gleichzeitig steht sie auf immer festerem Boden, weiß, wer sie ist und was sie kann. 

Werden Sie beim Schreiben manchmal selbst überrascht von Ihren Figuren? Welcher Charakter macht die größte Veränderung durch?

Ja, ich bin immer wieder überrascht davon, wie sich die Figuren entwickeln. Dabei glaube ich, dass eigentlich keine sich wirklich verändert, sie alle haben von Anfang an ihren Kern, bilden aber bestimmte Eigenschaften immer mehr aus, je mehr auch die Leserinnen über ihre Geschichte erfahren. Die größte Veränderung macht sicher Karl North durch. Zu Anfang ein zutiefst gebrochener Charakter mit großen Selbstzweifeln, erkämpft er sich schließlich den Zugang zu seiner inneren Stärke - auch durch die Entdeckung seiner geheimnisvollen Herkunft im dritten Band.


In diesem Band wechselt die bisher frei arbeitende Hebamme Hulda Gold an eine Klinik. Wie sieht das neue Setting aus? Und wie modern ist die Geburtshilfe im Jahr 1924?

Hulda arbeitet im dritten Band an der Universitäts-Frauenklinik in Mitte, die sich in Punkto Modernität mit der Geburtshilfe an der Charité durchaus messen konnte. Hier erleben wir Fräulein Gold am Puls der Zeit, was die medizinische Versorgung angeht. Gleichzeitig ist das Setting sehr dominiert von männlichen Koryphäen, was damals wirklich so war - Frauen waren eher in den Positionen der Pflegerinnen zu finden. Es ist klar, dass Hulda sich davon schnell eingeengt fühlt und es zu Konflikten mit den Gynäkologen kommt.


Nach den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Spannungen der ersten Jahre der Republik atmen die Berliner nun ein wenig auf, es scheint aufwärts zu gehen mit Deutschland. Wie erleben Ihre Figuren diese Phase?

Meine Figuren können auch ein wenig aufatmen, denn die Hyperinflation ist erst einmal vorbei, das Geld wieder stabil und auch die Anfangsphase der Weimarer Republik mit der Gewalt und den zehrenden Verhandlungen um den Versailler Vertrag ist erst einmal abgeschlossen. Doch natürlich wissen besonders die aufgeklärteren Figuren, besonders der Zeitungsverkäufer Bert, dass der Schein trügt. Man ahnt auch während dieser mittleren, „goldenen“ Jahre, dass das Land politisch eine hohe Hypothek trägt. Die Gewalt von rechts nimmt zu, davon werden Hulda und ihre Freunde im Roman auch Zeugen, und die sozialen Missstände lassen es unter der vermeintlich ruhigen Oberfläche brodeln.


Was erwartet uns in Band 4? Und wie geht es privat und beruflich mit Hulda Gold weiter?

Im vierten Band wird Hulda weiter an der Klinik arbeiten, hoffentlich unter verbesserten, freiheitlicheren Umständen, unter denen sie ihre Fähigkeiten noch stärker entfalten kann. Wir werden in diesem Band noch viel mehr Dinge über Hulda erfahren, werden sie an ihre persönlichen Grenzen kommen sehen und am Ende sehr stark die Daumen drücken müssen, dass sie die richtige Entscheidung trifft und ihr Glück findet - auch, wenn das manchmal anders aussieht, als man denkt…


Woran arbeiten Sie sonst gerade noch?

Außer an der Fortsetzung von „Fräulein Gold“ arbeite ich an einem neuen Roman, der im Herbst 2021 bei Rowohlt herauskommen wird und die Geschichte einer Berliner Künstlerin erzählt - er spielt auch in den 1920er Jahren, ist sehr emotional und voller Berliner Geschichte, Kunst und tollen, starken Frauen. Ich freue mich so sehr auf dieses Buch und hoffe, auch die „Fräulein Gold“-Leserinnen lassen sich wieder von mir nach Berlin mitnehmen.
 

Anne Stern wurde in Berlin geboren, wo sie auch heute mit ihrer Familie lebt. Sie ist promovierte Germanistin und arbeitete als Lehrerin und in der Lehrerbildung. Mit der historischen «Fräulein Gold»–Reihe um eine Berliner Hebamme in den 1920er Jahren landete sie einen großen Spiegel-Bestseller-Erfolg. Mit dem Roman «Meine Freundin Lotte» widmet sie sich der spannenden Geschichte der Malerin Lotte Laserstein und ihres Lieblingsmodells Traute Rose, die eine langjährige Freundschaft verband.

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