Im Gespräch

Im Gespräch mit Christoffer Carlsson

Christoffer Carlsson promovierte in Kriminologie an der Universität Stockholm und wurde 2012 mit dem Young Criminologist Award der International European Society of Criminology ausgezeichnet. Für seinen Debütroman «Der Turm der toten Seelen» erhielt er 2013 als jüngster Preisträger mit 27 Jahren den Schwedischen Krimipreis. Die Reihe um den Polizisten Leo Junker erscheint in 20 Ländern und wird verfilmt. Sein neuer Roman «Unter dem Sturm» wurde bislang in zehn Länder verkauft und war 2019 für den Schwedischen Krimipreis nominiert. Wir haben mit dem Autor über seine Arbeit gesprochen.

Foto Carlsson
© Emelie Asplund

Ihr Buch beginnt mit den folgenden Sätzen: „Man sagt, dass der Sensenmann einen holt. Das ist ein alter Ausdruck aus der Zeit, als der Tod eine reale Gestalt war, der man im Wald von Marbäck oder auf der Straße begegnen konnte.“ Letztendlich stellt der Tod für uns ein Tabu dar, sehen Sie das ähnlich? Können Kriminalgeschichten uns dabei helfen, dieses Tabu zu überwinden, oder bagatellisieren sie das Thema Tod?

Das ist eine gute, schwierige Frage. Ich bin der Meinung, Kriminalgeschichten können beides erreichen, je nachdem, wie wir darüber schreiben. Es ist etwas seltsam, jetzt darüber zu sprechen, in den Jahren 2020 und 2021; schließlich ist der Tod durch die COVID-Pandemie allgegenwärtig. Mir erscheint es ungewöhnlich, dass wir derart vom Tod geplagt, aber in gewisser Weise auch gleichermaßen gleichgültig ihm gegenüber geworden sind. Ein einzelner Tod ist greifbar: Man kann sich das eine Leben tatsächlich ausmalen; man kann sich die Trauer der Hinterbliebenen vorstellen. Aber 1 000 Todesfälle oder 100 000 – sie übersteigen unsere Vorstellungskraft. Sie werden zu einer Zahl, nur aneinandergereihte Ziffern. Als Zeitungsjournalist gibt man die Zahlen in eine Excel-Datei ein, um den Überblick zu behalten. Aber der Tod ist natürlich das höchste philosophische und existentielle Rätsel. Er ist der Schlusspunkt. Es gibt Theorien, die postulieren, dass das, was uns als Menschen antreibt, die Angst vor der Nichtexistenz ist. Als ich ein Kind war, stellte ich mir den Tod als das vor, was Sie eingangs zitiert haben: Er kam und entriss einen der Existenz; es gab einen nicht mehr. Aber im Buch ist auch die Vorstellung vom Tod als Heimrufung zu finden. Man wandelt auf der Erde, man geht seiner Arbeit nach, spielt seine Rolle, erlebt ungeahnte Höhen und Tiefen und schließlich tritt man einen Schritt zurück und sagt: Ja. Das war’s. Jetzt ist meine Zeit gekommen. Ich bin fertig. Damit knüpft diese Vorstellung an an ein Verständnis von Sein, von Leben als einer Art existentiellem Projekt, das irgendwann in der Zukunft beendet sein dürfte. Und an diesem Punkt ist der Tod willkommen. Man begrüßt ihn wie einen alten Freund. Das ist die Vorstellung von Tod, mit der ich aufgewachsen bin, und es ist keine schlechte Vorstellung. Die Frage beispielsweise, warum wir Bücher schreiben, könnte folgendermaßen beantwortet werden: um etwas zu hinterlassen, wenn wir gehen. Ich bin nicht sicher, dass ich aus diesem Grund schreibe, aber mein Therapeut fände das sicherlich nicht abwegig. 

Und Kriminalgeschichten, naja, sie machen es möglich, dass wir uns der sehr beängstigenden Frage mit einem Sicherheitsabstand nähern. Wir erleben das Ungeheuer aus nächster Nähe, ohne dass wir ihm tatsächlich gegenübertreten müssen. Aber die Geschichte muss gut gemacht sein. Andernfalls wird der Tod tatsächlich bagatellisiert, um Ihren Begriff zu benutzen. Und der Zweck der Literatur – sofern sie denn einen Zweck hat – sollte es kaum sein, etwas zu bagatellisieren. Im Gegenteil, finde ich. Literatur verkompliziert, bringt Detailfülle, eröffnet eine Welt voller Grautöne, von der wir annahmen, sie bestünde nur aus einfachem Schwarz oder Weiß. 

Die polnische Veröffentlichung Ihres Buches hat den Titel Przepowiednia, was „Prophezeiung“ bedeutet. Bedeutet der Originaltitel Järtecken genau das gleiche? Falls ja, was ist eine Prophezeiung? Glauben Sie, dass wir über unser Leben ganz allein bestimmen – oder erfüllen wir vorherbestimmte Rollen?

Mja, mit „järtecken“ ist nicht exakt das gleiche gemeint wie mit „Prophezeiung“, aber es gibt zwischen den zwei Begriffen gewisse Schnittmengen. Ich weiß, was der Titel der Übersetzung bedeutet; es ist ein ziemlich guter Titel. „Järtecken“ hingegen ist eher als „Omen“ zu verstehen. Dieser Begriff erscheint dunkler, verhängnisvoller. Sie wollen lieber kein „järtecken“ erleben, das sag ich Ihnen.

Die grundlegendere Frage, die Sie gestellt haben, ist in einem Interview wie diesem unmöglich zu beantworten. Sie ist so alt wie die Menschheit selbst. Das einzige Wesen auf der Welt, von dem wir wissen, dass es die eigene Existenz reflektiert, ... sind wir. Wir tun das. Wir Menschen. Und während ich der Ansicht bin, dass wir die Fähigkeit haben, eigenverantwortlich zu handeln, sind die Handlungsalternativen, die uns in unserer Wahrnehmung zur Auswahl stehen, geprägt von Strukturen, Kultur, Traditionen und Kontext. Während uns also „agency“ im Sinne von Handlungsfähigkeit gegeben ist, ist diese stets durch strukturelle Kräfte gebunden und wird von diesen ermöglicht. Hier zeigt sich in meinen Augen eine Möglichkeit, Järtecken zu verstehen: Die Menschen versuchen, Frieden damit zu schließen, wer sie sind und was sie in einem solchen Kraftfeld widerstreitender Kräfte werden können. 

Im kleinen Dorf Marbäck wird in einer Novembernacht eine junge Frau ermordet. Obwohl es in diesem Fall viele unbekannte Faktoren gibt und der Verdächtige, Edvard Christensson, leugnet, die Tat begangen zu haben, wird ihm zügig der Prozess gemacht, der zu seiner Verurteilung führt. Alles ist wieder gut ... aber nicht ganz. In Ihrer Erzählung nehmen Sie sich das Thema gesellschaftliches Vertrauen vor, ungeheilte Wunden, Flüche – weniger übernatürliche Phänomene als vielmehr psychologische Zustände ... Was war Ihre Ausgangsidee für diesen Thriller?

Ich wollte über den Ort schreiben, aus dem ich komme. Es gibt für mich nur zwei Orte, über die ich schreiben kann: der Ort, aus dem ich komme, und der Ort, an dem ich lebe. Das hört sich vielleicht seltsam an, wissen Sie, denn als Schriftsteller kann man überall leben, New York, Paris, London ... Ich würde diese Orte sehr gerne besuchen, aber sie fordern nicht den Schriftsteller in mir heraus. Was ich brauche, ist ein Ort mit Geheimnissen, ein Ort, aus dem ich nicht schlau werde. Ich habe eine Reihe von Büchern über Stockholm geschrieben, die Stadt, in der ich lebe. Ich habe mir gedacht, es ist an der Zeit, an den Ort zurückzukehren, an dem ich aufgewachsen bin. Der Ort, an dem wir aufgewachsen sind, und der Einfluss, den er auf uns hat, auf unser Denken, unsere Gefühle und unsere Handlungen im Leben, das sind Dinge, die meines Erachtens immer ein Stück weit rätselhaft für uns bleiben werden. 

Eine Stelle in Ihrem Buch lautet: „Jetzt war das Zeichen sehr deutlich. Nachts träumte er von Großvater Augusts grauer Hündin, die still und treu an seiner Seite wanderte, während er den Schotterweg zu dem weißen Haus in Skärkered hinaufging“ – Sie erzeugen die Stimmung in Ihrem Roman auf sehr subtile Weise, auf symbolische Weise. Was ist Ihnen bei der Schaffung und Verdichtung von Spannung wichtig?

Die Figur ist immer im Zentrum. Sie zu finden und auszuformen und ihr bis an den Rand des Abgrunds zu folgen, das ist meine Aufgabe. Der Weg zum Abgrund wird zur Faszination. 

Ich frage mich, wie Ihre Forschungstätigkeit – Sie haben einen Doktor der Krimonologie erworben und sind Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten in diesem Bereich – sich auf Ihre Romane auswirkt. Rufen Sie Ihr kriminologisches Wissen ab, wenn Sie das Verbrechen erschaffen?

Ich glaube, es kommt unterbewusst zum Tragen. Die Kriminologie ist ein Bestandteil von mir; sie wirkt sich auf meine Art des Beobachtens und des Denkens aus, auf meine Gedankengänge. Aber Sie müssen im Kopf behalten, dass ich schon mit dem Schreiben begonnen hatte, lange bevor ich anfing, mich mit der Kriminologie zu befassen. Die Kriminologie ist mein Job; Schriftsteller bin ich.

Kriminalliteratur und Thriller – handelt es sich hierbei um ein metaphorisches Spiel mit der Form, um reine Unterhaltungsliteratur oder um eine Möglichkeit, allgemeingültige Wahrheiten über den Menschen zu entdecken? Würden Sie den Versuch wagen, eine moderne Definition literarischer Kriminalgeschichten zu formulieren?

Hmmm ... Ich bin der Ansicht, dass alle drei Alternativen möglich sind. Die Form der Kriminalgeschichte ist im Grunde ihr Genre. Und ich möchte herausfinden, wie wir Geschichten über Verbrechen erzählen können. Was uns Geschichten über Verbrechen über andere Dinge erkennen lassen. In einem wahrhaft großartigen Kriminalroman geht es eigentlich nicht ums Verbrechen, sehen Sie das auch so? Es geht um die Dynamik der Freundschaft, die Brutalität der Liebe, die Tiefen der Trauer und des Bereuens, die Fallstricke von Sucht, Habgier, Lust und Träumen. Um alles, was uns zu Menschen macht. 

Welchen Grundsätzen folgen Sie bei der Erschaffung Ihrer literarischen Welten? Und haben Sie Vorbilder? Welche Autoren, nicht nur von Romanen, sondern auch von Comics oder Filmen, verehren Sie im Bereich der Krimis und Thriller?

Ich halte mich nicht an Grundsätze. Zumindest nicht bewusst. Naja, vielleicht an einen: Mach es dir niemals leicht. Nur Betrüger machen es sich leicht. Die Leser haben Geld und Freizeit investiert, um deine Geschichte zu lesen. Du solltest sie mit etwas belohnen, das sie nicht kommen sehen. 

Vorbilder, von denen ich inspiriert werde, habe ich viele. Es bleiben nicht immer dieselben, sie verändern sich, je nachdem, womit ich mich gerade gedanklich beschäftige oder wofür ich mich interessiere. Ein Schriftsteller ist auf der Suche nach einem Kollegen, der in ihm ein Feuer entfacht, egal, ob dieser Kollege tot ist oder lebt. Derzeit habe ich mich von der Kriminalliteratur etwas entfernt. Ich erfreue mich natürlich an Lars Kepler und Leif GW Persson, Stina Jackson, Lina Bengtsdotter, Camilla Grebe und auch vielen US-amerikanischen und britischen Schriftstellern. Am meisten interessieren mich im Moment die Werke von Autoren wie John Updike, Flannery O’Connor, Philip Roth, Richard Ford, Richard Yates und Joyce Carol Oates. Es ist seltsam, aber ich weiß selbst nicht, warum. Ich habe beispielsweise jüngst begonnen, Nabokov zu lesen. Ich bewundere seine Technik, die eiserne Faust, mit der er seine Figuren im Griff hat. Er ist der Kaiser; seine Figuren sind seine Galeerensklaven. Ich könnte nie schreiben wie er und will es auch gar nicht. Aber er fasziniert mich. Pnin ist ein tolles Buch, finde ich.

Wie gehen Sie bei der Planung des Verbrechens vor? Gibt es spezielle Rituale, die mit Ihrem kreativen Schaffen verbunden sind? Bestimmte Musik, die den kreativen Schaffensgeist animiert? Ein bestimmtes Getränk? Ein auf eine bestimmte Weise hergerichteter Arbeitsplatz? Und wie geht es Ihnen während der Pandemie? Hat sich diese auf Ihre Art zu arbeiten ausgewirkt?

Ich folge eigentlich keinen Ritualen. Ich rauche Zigaretten und gehe spazieren oder setze mich in mein Auto und fahre, wenn ich nachdenken muss. Das hilft mir. Ich schreibe überall. Vor kurzem habe ich mir die Word-App auf mein Handy heruntergeladen, so dass ich tatsächlich an jedem Ort schreiben kann. 

Welche Werte suchen Sie selbst in der Literatur? Sowohl als Leser als auch als Autor? Was ist von größerer Bedeutung: die Psychologie der Figuren, die Idee der erschaffenen Welt oder vielleicht die Handlung, in die die Figuren hineingezogen werden? Worauf dürfen wir uns in der Zukunft von Ihnen freuen? Wie sieht es bei Ihren Büchern aus? Gibt es Pläne, weitere Bücher ins Polnische zu übersetzen?

Wie schon gesagt, ich erwarte nichts spezielles, außer, dass der Autor mich mit seinem Buch gefangen nimmt. Mein Interesse und meine Anteilnahme weckt. Normalerweise kann man das fühlen, selbst bei der Lektüre der scheinbar kanonisierten Thriller und Kriminalromane. Obwohl sie vordergründig nur von Spannung und Nervenkitzel vorangetrieben werden, wie z. B. bei Lars Kepler, laden sie einen doch ein, sich seinen schlimmsten Ängsten und Albträumen zu stellen. Kepler zu lesen ist wie spätnachts im eigenen Kopf auf Entdeckungsreise zu gehen: Man ist ganz allein und kann sich nur selbst retten. In guten Büchern steht immer etwas auf dem Spiel. Nicht nur für die Figuren, sondern auch für die Autoren. Das ist es, wonach ich suche.

Auf jeden Fall! Ich habe gerade den Folgeroman zu Järtecken fertiggestellt. Das könnte der Grund dafür sein, warum ich im Moment so redselig bin. Ich habe länger als zwei Jahre still an dem Buch gearbeitet. Das Buch ist das schwierigste, was ich jemals verfasst habe, sowohl thematisch und handwerklich als auch emotional. Darum will ich jetzt, da ich endlich damit fertig bin, auch einfach nur reden. Schwatzen. Über Dinge reden, die gar nichts bedeuten, und über Dinge, die alles bedeuten. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man so lange Zeit in seinem eigenen Kopf verbracht hat und ihn endlich verlassen kann. Das Gefühl wird jedoch nachlassen, sobald der nächste Roman Form anzunehmen beginnt.

 

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