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Jojo Moyes: Ein Jahr der Veränderung

Die Bestseller-Autorin über Freundschaft, Familie und das Genießen der kleinen Dinge des Lebens

Autorenfoto Jojo Moyes
© Claudia Janke

Ich lag auf der Wiese und redete mit einer Freundin, mit der ich in den (vier? fünf?) Wochen des Lockdowns nicht gesprochen hatte. «Weißt du noch, wie du zu mir gesagt hast, du möchtest am liebsten, dass sich die Welt ein bisschen langsamer dreht?» , fragte sie. «Was hast du gemacht?»

Ich lachte. In Wahrheit war ich so beschäftigt gewesen, dass ich mich nicht einmal an das Gespräch erinnern konnte. So war es in meinem Leben seit zehn Jahren zugegangen. Ich war so viel geflogen, dass ich den Terminalplan sämtlicher Flughafendrehkreuze von hier bis Houston auswendig kannte; mein Terminkalender hatte mir regelmäßig Magenschmerzen bereitet. Ich konnte meine freien Wochenenden in jedem Jahr an den Fingern einer Hand abzählen. Womöglich klingt das überheblich, aber so ist es nicht gemeint. Ich liebte meine Arbeit, so redete ich es mir schön, also war es kein Workaholismus. Bis mich letztes Jahr mehrere persönliche Krisen und meine Arbeitsbelastung einholten, was mich schließlich dazu zwang, eine Auszeit zu nehmen.

Ich handelte ein Jahr aus, in dem ich nicht schreiben würde, plante private Reisen und neue Erfahrungen in dem Zeitraum, den ich für mein Jahr der Veränderung hielt. Ich wollte wieder ein Sozialleben haben, verabredete mich zum Lunch und zum Dinner, und das war großartig, fand aber meistens mit Leuten aus meinem Berufsfeld statt. Nach vier Monaten waren meine Tage immer noch verplant: Familie, Bürokratie, dieser Fluch des modernen Lebens, Auftrittszusagen, die noch zu erfüllen waren, Drehbücher, die noch überarbeitet werden mussten. Als ich mich eines Nachmittags dabei wiederfand, Notizen zu machen, wurde mir bewusst, dass ich schon wieder halb in die Arbeitswelt zurückgekehrt war. Vielleicht, dachte ich, entspricht mir das einfach.

Und dann kam COVID-19. Und die Welt blieb stehen.

In den ersten beiden Wochen wurde ich, wie viele andere, beinahe wahnsinnig. Ich habe nach Auswegen gesucht, ständig mit meinen Freunden telefoniert. Wie sollte ich ohne sie zurechtkommen? Ich trauerte um die Pläne, die ich gemacht hatte, die lebensverändernden Reisen, die mir entgingen, und dann sagte ich mir, dass ich mich zusammenreißen musste. Ich würde meine Zeit einfach konstruktiv nutzen. Alles auf den neuesten Stand bringen, das Büro aufräumen, meine Unterlagen sortieren. Vielleicht sogar etwas darüber schreiben.

Aber dabei, so wie bei vielen Schreibenden, wollte mein Gehirn nicht mitmachen. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich konnte nicht schlafen, oder ich nickte zu den seltsamsten Zeiten tagsüber ein. Ich telefonierte nur noch mit einer Handvoll enger Freunde. – Wie oft kann man sagen: Ist das nicht gespenstisch? Geht’s dir gut? Trotz allem?

Geliebte Menschen aus meinem Bekanntenkreis erkrankten, zum Glück (noch) niemand davon so schwer, dass ein Krankenhausaufenthalt nötig wurde, aber schwer genug, um in die Statistik aufgenommen zu werden. Das alles ist gewaltig. Und es fordert Respekt.

Ich hörte auf, die Tage zu zählen, oder danach über sie nachzudenken. Ich ergab mich dem neuen Murmeltier-Rhythmus aus Haushalt, Hunde ausführen und Tee kochen.

Und nun, nach fünf Wochen, hat sich mein Leben beinahe bis zum Stillstand verlangsamt. Ich liege mit den Hunden auf der Wiese (ich kann mich so glücklich schätzen, einen Garten zu haben). Ich koche mit Überlegung und Hingabe. Ich telefoniere täglich ausführlich mit dem kleinen Kreis der Menschen, die mir am nächsten sind. Ich stecke um Mitternacht den Kopf aus dem Schlafzimmerfenster und lasse die wundervolle nächtliche Stille auf mich wirken, das ferne Quaken eines liebeskranken Froschs, das Rascheln von Vögeln im Gebüsch.

Ich kaufe auch mit mehr Bedacht ein, bei örtlichen Hofläden, Lieferanten von Restaurants, die ihre Abnehmer verloren haben und Unterstützung brauchen. Wir haben neue, köstliche Sachen gegessen. Ich stehe geduldig in der Schlange, wechsle aus zwei Metern Entfernung nette Worte mit Nachbarn. Ich tausche mich mit Schriftstellerkollegen in Mails aus, in denen wir unsere Erfahrungen vergleichen und uns gegenseitig unterstützen. Ich verbringe nur wenig Zeit mit den Social-Media-Kanälen, abgesehen von Posts zu braven Hunden und schönen Landschaften auf Instagram. Abends sehe ich mir Liebeskomödien an und schotte mich meistens von den Nachrichtensendungen ab. Es ist alles zu viel. Aber wir können entscheiden, wie viel wir davon aufnehmen.

Es liegt in der menschlichen Natur, nach den Silberstreifen am Horizont zu suchen, und das sind meine: Mein Puls hat sich verlangsamt. Ich habe ein bisschen Meditation gelernt. (Ich bin schlecht darin, aber manche Grundsätze fand ich nützlich: Lebe im Hier und Jetzt. So etwas wie «niemals» oder «immer» gibt es nicht. Atme.) Normalerweise eine eingefleischte Vorausplanerin denke ich jetzt nur noch einen halben Tag in die Zukunft. Ich bin dankbar dafür, dass ich existiere. Dass meine Kinder sicher sind und etwas zu essen haben. Ich unterhalte mich weiterhin mit den Menschen, die mir am Herzen liegen, und bin dankbar für die Technik, die das ermöglicht. Ich denke daran, wie mutig diejenigen sind, die an vorderster Front gegen dieses Virus kämpfen. Ich mache mir Sorgen um sie und bin ihnen dankbar.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht, wenn das vorbei ist. Ich denke nicht darüber nach; nicht weil es mir egal wäre, sondern weil niemand von uns diese Zukunft erahnen kann. Ich hoffe, dass ich einige der Dinge für mich bewahren kann, die ich zu genießen gelernt habe. Das Großartigste davon war, Zeit damit zu verbringen, kaum etwas zu tun.

Das Leben zu verlieren, bedeutet, Zeit zu verlieren – alle Zeit. Immer noch auf der Welt zu sein, Gedanken zu wälzen, Zeit zu verschwenden, mit einem Hund zu Füßen auf der Wiese zu sitzen, ist, das verstehe ich jetzt, das größte Privileg überhaupt. Manchmal ist einfach da zu sein schon genug.

Wie sich herausstellt, war dies also doch ein Jahr der Veränderung.

© Jojo’s Mojo Ltd.

Übersetzung – Karolina Fell

Jojo Moyes, geboren 1969, hat Journalistik studiert und für die «Sunday Morning Post» in Hongkong und den «Independent» in London gearbeitet. Der Roman «Ein ganzes halbes Jahr» machte sie international zur Bestsellerautorin. Zahlreiche weitere Nr. 1-Bestseller folgten. Jojo Moyes lebt mit ihrer Familie auf dem Land in Essex.

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