
10 Jahre «Untenrum frei»: Die Entstehungsgeschichte im Video & 4 Gründe für die heutige Relevanz
Wie entsteht ein feministisches Kultbuch – und warum brauchen wir seine politische Schlagkraft zehn Jahre später mehr denn je? Zum Jubiläum von «Untenrum frei» von Margarete Stokowski blicken wir im Video zurück auf die Anfänge des Bestsellers und analysieren anhand aktueller Daten, warum Stokowskis Thesen heute erschreckend aktuell bleiben.
Blick hinter die Kulissen: Die Entstehungsgeschichte im Video
Wie wird aus einer vagen Idee und unzähligen Notizen eines der einflussreichsten feministischen Werke der letzten Dekade? Im Video sprechen Autorin Margarete Stokowski, ihre Lektorin Johanna Langmaack und ihre Agentin Barbara Wenner über den gemeinsamen Entstehungsprozess. Sie verraten, wie aus ersten Entwürfen eine gesellschaftliche Initialzündung wurde – inklusive der Lesung einer privaten E-Mail aus der Entstehungszeit.
10 Jahre «Untenrum frei» von Margarete Stokowski
4 Gründe, warum «Untenrum frei» heute so wichtig ist wie am Erscheinungstag
1. Weil Körperoptimierung immer mehr jüngere Menschen betrifft
Der gesellschaftliche Druck auf den weiblichen Körper nimmt nicht ab, noch immer eifern Frauen Schönheitsidealen nach und stehen unter dem Druck, den eigenen Körper ständig zu optimieren. Das schlägt sich in folgenden Extremen nieder:
- Essstörungen: Die Behandlungen bei 15- bis 17-jährigen Mädchen stiegen von 2019 bis 2024 bundesweit um 38 %. (Quelle)
- Kosmetische Chirurgie: Eingriffe wie «Baby-Botox» oder «Lip-Filler» sind nahezu normalisiert. Auch die Intimchirurgie (wie Labioplastik) verzeichnet einen starken Zuwachs. Bei den Unter-30-Jährigen stieg der Anteil von 7,7 % aller Eingriffe (2024) auf 11,8 %. (Quelle)
- Kontrollwahn: Neue medikamentöse Hypes wie die Abnehmspritze Ozempic befeuern das Diktat der ständigen Körperoptimierung.
2. Weil geschlechtsspezifische und queerfeindliche Gewalt zunimmt und Täter-Opfer-Umkehr Alltag bleibt
Die Fälle von häuslicher Gewalt, Stalking, sexualisierter Gewalt und Femiziden nehmen seit Jahren kontinuierlich zu, während die juristische Handhabe stagniert.
- Häusliche Gewalt: 2024 war fast jedes vierte erfasste Opfer von Straftaten in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen. Über 70 % der Betroffenen sind Frauen. (Quelle, Quelle)
- Queerfeindlichkeit: Seit 2010 hat sich die registrierte Gewalt gegenüber queeren Personen nahezu verzehnfacht und die Dunkelziffer liegt vermutlich noch weit höher. (Quelle)
- Verharmlosung: Betroffenen wird in öffentlichen Debatten weiterhin mit Misstrauen begegnet (Victim Blaming). Statt den Tätern die Verantwortung zuzuweisen, wird Betroffenen unterstellt, sie wollten nur «Aufmerksamkeit», «Geld» oder seien «selbst schuld». Verbale sexuelle Belästigung (Catcalling) ist in Deutschland nach wie vor nicht eigenständig strafbar und wird juristisch oft nur als bloße «Beleidigung» abgetan. Gesellschaftlich wird sie viel zu häufig noch immer als «Kompliment» verharmlost.
3. Weil ein politischer Rollback mühsam erstrittene Rechte wieder bedroht
Feministische Errungenschaften geraten weltweit und national massiv unter Druck:
- Einschränkung von Abtreibungsrechten: In den letzten Jahren wurde das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche in einigen Ländern drastisch eingeschränkt oder komplett abgeschafft. (Quelle)
- Verbote gendergerechter Sprache: In Deutschland erließen Bundesländer wie Bayern und Hessen strikte Verbote für Gender-Sonderzeichen an Schulen, Hochschulen und in der Verwaltung. Auch in anderen Bundesländern nehmen Verbote und Empfehlungen gegen gendergerechte Sprache zu. (Quelle)
- Gefährdung der Istanbul-Konvention: Das Abkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention) ist in vielen Ländern zum Streitpunkt geworden. Nationalkonservative und rechts-populistische Parteien gewinnen immer mehr Einfluss und lehnen die Konvention mit der Begründung ab, dass sie Homosexualität und «Gender-Ideologie» propagiere sowie die «traditionelle Familie» zerstöre. (Quelle)
- Exklusionsklausel im Gewalthilfegesetz: Das 2025 verabschiedete deutsche Gewalthilfegesetz ist erst ab 2032 einklagbar und schützt – auf Druck der CDU/CSU – ausschließlich Cis-Frauen. Der Ausschluss von trans*-, inter*- und nicht-binären Personen widerspricht den Vorgaben der Istanbul-Konvention. (Quelle)
4. Weil gleichberechtigte Lebensentwürfe noch immer an alten Rollenmustern scheitern
- Lohnlücke: Der Gender Pay Gap verharrt 2025 in Deutschland bei rund 16 % (ein hinterer Platz im EU-Vergleich). (Quelle)
- Traditionelle Rollenmuster: Nach der Geburt des ersten Kindes fallen selbst zuvor gleichberechtigte Paare schlagartig in klassische Rollenmuster zurück. FLINTA*-Personen leisten weiterhin den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit. (Quelle)
Gleichberechtigung ist kein Selbstläufer
Zehn Jahre nach dem Erscheinen von «Untenrum frei» zeigt sich: Wir sind längst nicht frei. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt uns noch mal mehr: Gleichberechtigung ist kein Selbstläufer, sie wird ständig herausgefordert und gesellschaftliche sowie politische Errungenschaften werden angegriffen. «Untenrum frei» erinnert uns an unsere tiefe Wut, an vorhandene Missstände, an die tägliche Ungerechtigkeit und macht strukturelle Ungleichheiten sichtbar.




