
Wir trauern um Péter Nádas
In tiefer Trauer teilt der Rowohlt Verlag mit, dass Péter Nádas, einer der bedeutendsten Vertreter der zeitgenössischen Literatur weltweit, heute früh im Alter von 83 Jahren in Gombosszeg verstorben ist.
Geboren wurde Péter Nádas am 14. Oktober 1942 in Budapest, als Ungarn Kriegsverbündeter des Dritten Reichs war. In der Geburtsurkunde stand ein falscher Nachname. Mit acht erfuhr der protestantisch Getaufte von seiner jüdischen Herkunft, mit sechzehn war er Vollwaise. Nach dem Krieg gehörten seine Eltern zur kommunistischen Nomenklatura, bis sie unter die Räder des Rákosi-Regimes gerieten, der Vater nahm sich deshalb nach dem Krebstod der Mutter das Leben.
Nádas ließ sich nach einem abgebrochenen Chemiestudium als Fotograf ausbilden, arbeitete über lange Jahre als Fotoreporter und Journalist, eine Tätigkeit, die er nach dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings aufgab. Es begann die Arbeit an seinem ersten literarischen Buch Ende eines Familienromans (deutsch 1979), dessen Erscheinen von der Zensur und einem Publikationsverbot jahrelang verhindert wurde. Mit gut fünfzig Jahren brachte ihm ein Herzinfarkt den kurzzeitigen klinischen Tod; Nádas hat darüber in dem bewegenden schmalen Band Der eigene Tod (deutsch 2002) geschrieben.
«In der literarischen Landschaft von heute ist Nádas’ Werk ein Gigant», urteilte die Zeit anlässlich seines Opus magnum Parallelgeschichten (deutsch 2012), an dem er achtzehn Jahre lang arbeitete. In diesem Buch wie im Gesamtwerk des Autors spielen persönliche und historische Erinnerungen, die körperliche Liebe, die Liebe überhaupt sowie die Erfahrungen der von Diktatur, Krieg und Vernichtung gezeichneten europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle.
Zu seinen monumentalen Werken zählen außerdem das Buch der Erinnerung (deutsch 1991) sowie die Memoiren Aufleuchtende Details (deutsch 2017). Ein wichtiger Roman seiner späten Schaffensphase war Schauergeschichten (deutsch 2022). Zuletzt wurde in Ungarn 2025 Meine toten Freunde publiziert, die deutsche Übersetzung wird Anfang 2027 bei Rowohlt erscheinen.
Im Laufe seiner schriftstellerischen Karriere wurden Péter Nádas zahllose Ehrungen und Preise zuteil, zuletzt wurde er vor wenigen Wochen mit dem Orden Pour le Mérite und dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Seinen Vorlass übergab er 2018 an die Berliner Akademie der Künste – über Jahrzehnte war Nádas, der fließend Deutsch las und sprach, unserem Land verbunden. Nádas war lebenslang Demokrat, ein kritischer Beobachter der politischen Verhältnisse seines Heimatlandes und des Zustands der Welt.
Seit 1984 lebte Nádas mit seiner Frau Magda Salamon in dem Dorf Gombosszeg im Südwesten Ungarns, wo er nun gestorben ist. Péter Nádas, der auch als Fotograf ein bedeutendes Werk hinterlässt, hat immer wieder den alten Birnbaum im Garten seines Hauses fotografiert.














