27.03.2018   von rowohlt

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Ijoma Mangold, Literaturchef der ZEIT, über das Jahrhundertwerk des «schreibenden Ingenieurs» Robert Musil.

© Sebastian Hänel
© Sebastian Hänel



Als ich, ein Schüler noch, anfing, mich für Literatur zu begeistern, hatte ich den nagenden Selbstzweifel, einer anachronistischen Leidenschaft verfallen zu sein. Ich liebte Bücher mit möglichst langen Sätzen, in denen leicht exzentrische Gedankengänge und Seelenempfindungen zum Ausdruck kamen, und in meinen eigenen Schreibversuchen versuchte ich, solche Sätze zu imitieren, was regelmäßig zu einem eigentümlichen Stil-Bastard führte: halb Thomas-Mann-Manier, halb Thomas-Bernhard-Sound. Aber das war es nicht, was mir zu schaffen machte. Meine Sorge war eine andere: dass diese langen schönen Sätze nur reines Klingeling sein könnten, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatte. Dann würden meine Passion und, wie ich hoffte, Begabung einer Sache von gestern gelten: In früheren Epochen spielten die Literatur und die Künste insgesamt eine bedeutende Rolle, heute hingegen, so schien mir, musste leider als ausgemacht gelten, dass die Wahrheit nicht von der Literatur, sondern von den Naturwissenschaften verwaltet wurde. Die Welt, von der Atombombe bis zum Computer, war vom technischen Fortschritt geprägt, den die Naturwissenschaften vorantrieben, und mit jedem Sieg der Naturwissenschaft ging der Poesie, so fürchtete ich, ein Ass verloren: Wie konnte man den Sonnenuntergang besingen, nachdem Kepler das geozentrische Weltbild entsorgt hatte? Alles ließ sich mittlerweile auf ein Naturgesetz reduzieren, die Strukturen des Seins wurden von der Grundlagenforschung ans Licht gebracht, während die Literatur nur den metaphorischen Oberflächenschein bearbeitete.


Meine Sorge war eine sehr egoistische: Wenn die Welt der Gegenwart und ihre Ökonomie vom technischen Fortschritt bestimmt wurden, würde meine Leidenschaft und, hoffentlich, Begabung für die Sprache nicht hoch im Kurs stehen, sie wären unnütz, denn die wahren Entdeckungen, nach denen die Welt gierte, fänden unterm Elektronenmikroskop statt, nicht im Sprachlabor der poetischen Bilderfindungen.


Und weiter: Wofür sich mit Philosophie beschäftigen, wo doch die Physik angeblich kurz davorstand, mit der Weltformel einfach alles und jedes erklären zu können? Betrachtete ich mich nicht als einen geistigen Menschen, und war die Neurowissenschaft nicht gerade dabei, zu beweisen, dass es den Geist gar nicht gab – nur die unendliche Verknüpfung feuernder Neuronen? Und wenn alles determiniert und nach naturwissenschaftlichen Gesetzen ableitbar war, dann blieb ja auch der Moment künstlerischer Inspiration, diese creatio ex nihilo, auf der Strecke. Wo der Positivismus das letzte Wort hat, hat die Literatur nichts mehr zu melden.


Ich durfte mir nichts vormachen, ich musste den Tatsachen ins Auge schauen: Es stand schlecht um meine Sache, ich hatte mit der Literatur aufs falsche Pferd gesetzt. Die Klassenkameraden, die nachmittags, während ich «Tonio Kröger» las, in die Computer-AG stiefelten und ein wahres Teufelswerkzeug wie den C-64 programmierten, denen gehörte die Zukunft, die Literatur war eine Sache von gestern, offenbar nicht wahrheitsfähig. Sehr schade, aber es kann ja nicht für jeden gut laufen.


Und vielleicht, grübelte ich weiter, war es ja noch schlimmer, vielleicht berauschte ich mich an diesen langen Sätzen meiner Lieblingsschriftsteller nur deshalb so sehr, weil ich die ungleich anspruchsvolleren Gleichungen der Mathematik, mit denen sich alles von den Galaxien bis zum Quarz entschlüsseln ließ, einfach nicht verstand? Vielleicht war meine literarische Vorliebe nur ein anderes Wort für zu schwache Intelligenz?
Da las ich, in einer Zeitung, in einem Buch?, ich kann mich nicht mehr erinnern, etwas über Robert Musil. Musil habe den sehr bedeutenden, allerdings Fragment gebliebenen Roman «Der Mann ohne Eigenschaften» geschrieben. Studiert habe er allerdings Ingenieurswissenschaften. Ich stutzte. Das war ja hochinteressant. Dieser Musil hatte also, obwohl ihm als Ingenieur gewiss keine mathematische Gleichung zu hoch gewesen sein dürfte, sich gleichwohl auf die Literatur geworfen? Bemerkenswert! Obwohl er eine Maschine hätte konstruieren können, hatte er sich dafür entschieden, einen Roman zu schreiben. Mit diesem Mann musste ich mich genauer befassen, und also entlieh ich mir aus der örtlichen Bücherei die zwei Bände des «Manns ohne Eigenschaften».


Und war es die Möglichkeit? Dieses Buch hatte über tausend Seiten (ob ich je an ihr Ende kommen würde?), aber schon im ersten Absatz war mein ganzes Problem geradezu direkt bei den Hörnern gepackt, als wollte Musil gleich zu Beginn allen verzagten Freunden der Literatur Mut und Trost zusprechen, dass die Literatur auch in Konkurrenz zum Triumph der Naturwissenschaften keineswegs irrelevant oder obsolet wird. Der Einstiegsabsatz des «Manns ohne Eigenschaften» ist berühmt: In einem sehr naturwissenschaftlich geprägten Fachvokabular werden sehr umständlich die meteorologischen Verhältnisse zwischen Atlantik und Russland beschrieben («Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit»), um das unanschauliche Kauderwelsch, das nichts mit unserer wahren Empfindung zu tun hat, in einem lebensweltlich zugänglichen Satz zusammenzufassen: «Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.» (Musil hatte noch hinzugefügt, der Satz habe vielleicht etwas leicht Altmodisches, beschreibe die Tatsachen gleichwohl recht gut.)


Und plötzlich dämmerte mir, dass es nicht die Welt gab, sondern dass die Welt aus vielen unterschiedlichen Beschreibungssystemen bestand, aus verschiedenen Sprachspielen, und dass für unseren Weltbezug ein phänomenologischer Blick, wie ihn die Literatur eröffnet, möglicherweise viel triftiger und sinnstiftender sein könnte als die barometrischen Gleichungen der Wetterkunde. Die Art, wie wir die Welt wahrnehmen und empfinden, wird durch die Literatur mithin viel besser erfasst als durch die Naturwissenschaften – was natürlich kein Argument gegen naturwissenschaftliche Erklärungssysteme war, aber beide Beschreibungsvokabulare standen eben nicht in direkter Konkurrenz zueinander, sondern sie spielten auf verschiedenen Ebenen und konnten sich, in besonderen sprachspielerischen Parallelaktionen wie in der Exposition zu Musils Roman, sogar herrlich parodistisch ergänzen.
Der Positivismus, hieß das, konnte nicht alles erklären, was in unserem Leben wichtig und bedeutungsschwanger ist, er hatte kein Monopol der Welterklärung, vieles, was die Seelen der Menschen bewegte, brauchte schöne lange Sätze, um zum Schwingen gebracht zu werden.


Es war die Autorität eines schreibenden Ingenieurs, die meine Zweifel am Relevanzverlust der Literatur zu zerstreuen vermochte.

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