13.09.2017   von rowohlt

«Wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Wir sind merkwürdig …»

Was uns ausmacht – und wie alles begann: eine spannende Entdeckungsreise zu den Ursprüngen der Zivilisation

© iStockphoto.com
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Seit wann gibt es den aufrechten Gang, und wie entstand das Wunder der Sprache? Wie kamen Religion, Recht, Handel, Geld, Musik oder Städtebau in die Welt? Wann begannen die Menschen, ihre Toten zu bestatten, und warum schätzen die meisten Kulturen die Monogamie? In diesem Buch finden sich Antworten auf diese Fragen, die uns in politischen und kulturellen Konflikten oft bis heute beschäftigen. Jürgen Kaube, Herausgeber der FAZ und renommierter Wissenschaftsautor, schildert spannend, aufschlussreich und immer wieder überraschend, wie die menschliche Kultur entstand – ein Buch über die Anfänge all dessen, was Menschsein für uns heute ausmacht.


Ein kluges, brillant geschriebenes Buch, das wissenschaftliche Akkuratesse mit temperamentvollem Erzählen verbindet. In «Die Anfänge von allem» findet sich der aktuelle Wissensstand aus Evolutionsbiologie, Archäologie, Genetik, Anthropologie, Linguistik – geeignet, unseren Blick auf die Welt und auf die Menschheit verändern kann.


Süddeutsche Zeitung: «Ein ungemein lesenswertes Buch, keine leichte Kost, aber ein Buch, das sich durch Kürze des Ausdrucks, Anschaulichkeit und einen verführerisch klaren stil empfiehlt.»
Neue Zürcher Zeitung: «Wie behend Kaube sich im Dickicht der Forschungen bewegt, ist erstaunlich. (…) ‹Die Anfänge von allem› ist ein Buch, das die Lust am Denken vorführt und selbst Lust zum Nachdenken macht.»
Ems-Zeitung: «Wer Jürgen Kaubes Erzählungen folgt, findet zu neuer Demut vor der Menschheit.» 

Und die Bibel hat doch recht? Eher nicht …


Man könnte mit einer einfachen Kinderfrage beginnen. Wie war das eigentlich mit Adam und Eva und ihren Nachkommen? Es müsse doch damals ganz am Anfang, sagt das elfjährige Mädchen, «noch einen dritten und vierten Menschen gegeben haben. Warum? Na, Adam und Eva hätten doch Kain und Abel als Kinder gehabt, aber Männer allein reichten ja nicht aus, damit es weitergehe. Von irgendwoher müsse doch noch eine Frau gekommen sein. Und außerdem, es ist dem Kind hörbar unwohl bei diesem Gedanken, würde eine Tochter von Adam und Eva bedeuten, dass dann die Geschwister miteinander hätten Kinder haben müssen.» 


So betrachtet, liegt da ein Problem vor. Überhaupt ist es mit dem Anfang und den Anfängen nicht so einfach. Nicht zufällig schickt Jürgen Kaube seiner Studie diese Zitate zweier großer Denker voraus. «Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht.» (Aristoteles) «Wenn der Spürhund zwischen zwei Wegen zögert, so kehrt er zum Menschen zurück. DENKE … scheint er ihm zu sagen, DAS IST DEINE ANGELEGENHEIT.» (Paul Valéry)


Ob Sprache oder Tanz, Rad oder Feuer, Geld oder Kunst: «Die wichtigsten Erfindungen haben keine Erfinder. Wir kennen den Menschen nicht, der als erster aufrecht ging oder der als erster ein Wort sagte, wir kennen die Gemeinschaft nicht, die als erste einem unsichtbaren Wesen huldigte oder die als erste tanzte. Wie hieß die erste Stadt? Wer nahm als Erster ein Geldstück an und machte es dadurch überhaupt erst zu Geld? Wo lebte das erste monogame Paar?»

«Die Anfänge von allem» – ein Buch der Entdeckungen


Die Rekonstruktion unserer Vorgeschichte ist mühsam. Das liegt nicht nur an der Ferne der Zeiten, sondern vor allem am Mangel an Überbleibseln, die uns helfen können, aus Spekulation und Fantasie Wissen zu machen. Mit dem 19. Jahrhundert begann das Zeitalter der Ausgrabungen, vieles aus der ältesten Vergangenheit wurde geborgen. «Wie aber steht es nun heute?», fragt Kaube. «Die Forschung über die Frühzeit menschlicher Zivilisation hat philosophische Spekulation durch Kohlenstoffchemie, Genetik, Philologie, Soziologie und Materialkunde ersetzt. Die Methoden des 19. Jahrhunderts sind unendlich viel raffinierter geworden, der Zuwachs an technologischen Möglichkeiten der Analyse von sehr alten Befunden ist enorm. Es gibt inzwischen Spezialisten für Anfänge.»


16 Kapitel, 16 Anfänge: Aufrechter Gang, Kochen, sprechen, Sprache, Kunst, Religion, Musik und Tanz, Landwirtschaft, Stadt, Staat, Schrift, geschriebenes Recht, Zahlen, Erzählen, Geld, Monogamie. Dass Erkenntnisse über die Anfänge der menschlichen Zivilisation nicht in Stein gemeißelt sind, sondern manches, was als gesicherter Forschungsstand gilt, von einem auf den anderen Tag  hinfällig wird, wurde einmal mehr im Juni 2017 durch eine spektakuläre Entdeckung belegt. Anthropologen des Max-Planck-Instituts in Leipzig fanden in einer Höhle in Marokko 300.000 Jahre alte Schädelknochen des Homo sapiens. Damit kann der Beginn der Menschheit um (mindestens) 100.000 Jahre vordatiert werden. Und, nur eine Konsequenz: der Schauplatz des Forschungsinteresses wandert (vorerst) aus Ostafrika nach Nordwestafrika als möglicher «Wiege der Menschheit».  


Eines wird beim Lesen dieses Buches klar: Anfänge können manchmal ganz schön lange dauern, denn «Anfänge sind keine Einfälle. Sie ziehen sich lange hin, sie erfolgen nicht über Nacht, sondern zumeist in unendlich kleinen Schritten, die Menschheit brauchte unvorstellbar viel Zeit.» Vielleicht begann der aufrechte Gang tatsächlich mit der «Einsicht», dass es vorteilhaft sein müsste, bei der Fortbewegung die Hände frei  zu haben – zum Beispiel, um Beutetiere zu töten. Aber ganz so rasant, wie es in Stanley Kubricks Kultfilm «2001: Odyssee im Weltraum» (1968) zugeht, wird es in der evolutionären Vorzeit vermutlich nicht abgelaufen sein.


Zur ersten Orientierung eine Zeittafel:
Vor 3,6 Millionen Jahren: die Fußspuren von Laetoli.
Vor 3 Millionen Jahren: der Kiesel von Makapansgat.
Vor 1,8 – 1,5 Millionen Jahren: der Homo erectus.
Vor 500 000 – 300 000 Jahren: Homo heidelbergensis, womöglich sprechend.
Vor 400 000 – 300 000 Jahren: physiologische Voraussetzungen für Gesang.
Vor 400 000 – 300 000 Jahren: erste Feuerstellen.
Vor 300 000 Jahren: Speere.
Vor 300 000 – 190 000 Jahren: erste anatomisch moderne Menschen, Homo sapiens.
Vor 100 000 Jahren: Produktion von Farbe.
Vor 80 000 Jahren: ornamentierte Knochen und Steine.
Vor 50 000 – 40 000 Jahren: zeremonielle Bestattung.
Vor 45 000 Jahren: Höhlenmalerei.
Vor 40 000 Jahren: die älteste Knochenflöte.
Vor 35 000 Jahren: heiße Kochsteine.
Vor 14 000 Jahren: Keramik und das Wohnen in Basislagern; erstes Haustier.
Vor 14 000 – 11 000 Jahren: Ackerbau.
Vor 12 000 Jahren: Kultstätten außerhalb von Siedlungen.
Vor 11 000 Jahren: Haltbarmachung von Fleisch; Anbau von Gerste.
Vor 9500 Jahren: Zählsteine.
Vor 9000 Jahren: Herstellung alkoholischer Getränke; Pflanzen- und Viehzucht.
Vor 8300 Jahren: der Turm von Jericho.
Vor 7500 Jahren: die ersten städtischen Siedlungen. Vor 5500 Jahren: das erste Brot; Stadtstaaten; Schrift.
Vor 4000 Jahren: geschriebenes Recht.
Vor 3000 Jahren: das erste Epos.
Vor 2700 Jahren: beidseitig geprägte Geldmünzen.
Vor 1500 Jahren: die Null.


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