02.02.2017   von rowohlt

Wie ich einmal das Internet gelöscht habe

Mensch und Technik, eine verdammt komplizierte Beziehung! Aus dem Alltag eines IT-Dienstleisters

© ZERO Werbeagentur, München
© ZERO Werbeagentur, München

«Was haben Sie gemacht?» – «Nix!» Jaja, verdammte Technik! Wenn der Familienrechner den Geist aufgibt, beim Autohändler das Internet «auf einmal weg» ist oder ältere Damen sich ins Abenteuer Photoshop stürzen und dabei so munter wie schamfrei pikante Bilder öffnen, ist Computer-Experte Philipp Spielbusch zur Stelle. Dabei erlebt er Erstaunliches. Zu seinem Job gehört nämlich nicht nur die therapeutische Begleitung eines Verschwörungstheoretikers wie Jonas, der panische Angst vor dem großen Lauschangriff hat, sondern auch betreutes Klicken für cholerische Kunden, wenn sich am Rechner mal wieder – ganz ohne eigenes Zutun! – alles komplett verstellt hat …
Dieses Buch ist ein einziges Vergnügen – und ungemein lehrreich dazu. 


Dass der Autor mit Leib und Seele IT-Mann ist, demonstriert seine Vita aufs Schönste: «Philipp Spielbusch, duldsamster IT-Berater der westfälischen Provinz. Kunden- und dialogfreundlich. Die Werkstatt wird mit dem wortkargen Wulf geteilt. Die Firma PSC Drensteinfurt richtet die Netzwerke mittelständischer Firmen und Familien ein, betätigt sich als Notarzt für jedes Problem und arbeitet nebenher im Bereich der Haussicherheit und moderner Überwachungssysteme. Philipp Spielbusch beherrscht 8 Programmiersprachen, 25 Betriebssysteme und rund 350 Stammkunden. Die Kinder hat er weniger gut im Griff. Er lebt mit seiner Frau und den ‹zwei Kurzen› Finn und Jule in Drensteinfurt bei Hamm.» Allein diese Autorenbiografie dürfte viele bewegen, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Nur zu, es lohnt!

«Erwartest du jetzt wirklich, dass ich weiß, wovon du redest?»


Wer mit Kunden wie Gottfried Grütering, Herrscher über ein kleines Imperium für Brennholz und Heizöl im Münsterland, zu tun hat, sollte die Regel Nr. 1, die goldene Regel aller IT-Dienstleister (früher auch bekannt als «Computerfritzen» oder «Schrauber») beherzigen: Hole den Kunden immer dort ab, wo er steht. Sprich in den Bildern und Gleichnissen seiner Lebenswelt. Das heißt – was? Die Lebenswelt des Energie-Hünen dreht sich (neben fossilen Brennstoffen) vor allem um Themen wie Jagd, Schützenverein und den lokalen Fußballverein. Privat ist der alte Herr durchaus schlau; nur wenn es um seinen Rechner geht, will er partout nicht begreifen, dass jede Wirkung eine Ursache hat. «Also, überlegen Sie noch mal. Was haben Sie gemacht?» Nach langem Zögern und lautem Schnaufen kommt endlich die Antwort: «Nix!» Da der Münsterländer Sturkopf von Ferndiagnose gar nichts hält, muss die IT ausrücken und vor Ort nachschauen, wie genau dieses «Nix!» ausschaut.


Anderer Kunde, ähnlicher Spaß: Dieter. Der Mann ist speziell, ein Riese mit dem Kopf eines Boxers und quasi seitwärts liegenden Augen eines Reptils. Dieter betreibt die einzige unabhängige Autowerkstatt weit und breit. Und er hat ein Problem: «Das Netz ist weg!» Ihm zu erklären, dass das Netz nicht weg ist, sondern nur nicht mehr bei ihm ankommt, ist die eine Sache. Die andere ist Dieters wilde, aber extrem diffuse Wut gegen die. «Die sind einfach alle, die Dieter aufhalten und ‹keine Ahnung› haben.» Dafür hat Dieter Ahnung, und zwar jede Menge: «Keiner von denen weiß doch, wie es ist, eine Werkstatt zu leiten. Der Mittelstand wird immer nur ausgenommen! Bis Juni arbeite ich im Grunde vollständig für den deutschen Staat. Und ab Juni dann für Griechenland» (oder für Spanien oder Zypern oder weiß der Teufel für wen!). 


Ist Philipp Spielbusch mal mit seinen Nerven am Ende oder schlicht ratlos, welche zündenden Argumente noch mobilisiert werden können, schlägt die Stunde seines IT-Kollegen und Freundes Wulf. Er wird gern als Geheimwaffe eingesetzt, wenn nichts anderes mehr geht. Der Mann ist in der Lage, in Telefonaten hart an der Orkanlautstärke auch schwierigsten Klienten den Angstschweiß auf die Stirn zu zaubern (die Eruption muss man sich vermutlich vorstellen wie Hitler-Darsteller Bruno Ganz im «Untergang»: tobendes Inferno!): «Totaler periponaler Crashdump? Oh nein, bitte nicht. Das wird vierstellig, mindestens …» 


Neben all den großartigen, bizarren Geschichten um entgeisterte, verzweifelte, aufgebrachte, fatalistische, mordlustige, selbstmordgefährdete, zu Tode betrübte Kunden können wir in diesem Ratgeber auch jede Menge nützlicher Dinge lernen – und zwar unabhängig davon, ob man zu Hause einen PC stehen hat oder seit eh und je im Apple-Universum unterwegs ist. In Spielbuschs Buch erfahren wir ganz nebenbei, was es mit dem «Bundestrojaner» auf sich hat. Warum man immer wieder Ärger mit Dateien mit der Endung .dll hat; wieso auch Gelöschtes in der Regel fast immer noch da ist (irgendwo). Oder weshalb es wichtig ist zu wissen, dass nach der Trennung von der Stromquelle noch eine gewisse Menge Reststrom in Form von Spannung im Rooter ist (und es daher mindestens 15 Sekunden dauert, bis er wie gewünscht die Daten vergisst, um dann leer und frisch seine Arbeit wiederaufzunehmen).


Hier nur ein Beispiel aus der Rubrik «Hätten Sie's gewusst …»:

Die Sache mit dem Speicherplatz


«Wären unsere Garagen, Keller und Dachböden wie Festplatten, müssten wir uns über die Sammelwut mancher Zeitgenossen keine Gedanken mehr machen. Der verfügbare Raum würde exponentiell zu unseren Bedürfnissen wachsen. Was die Rechenleistung von Prozessoren angeht, sagte Gordon Moore, Mitbegründer der Firma Intel, schon 1965 richtig voraus, dass sich die ‹Komplexität integrierter Schaltkreise› regelmäßig je nach Lage der Dinge alle 12 bis 24 Monate verdoppelt. Mit anderen Worten: Das Tempo der Prozessoren steigt nicht gleichmäßig, sondern exponentiell, während die Chips noch dazu immer kleiner werden.


Eine ähnliche Kurve wie die des ‹Moore’schen Gesetzes› für Prozessoren ist auch bei der Entwicklung des Speicherplatzes zu beobachten. Er hat sich seit der Massenanfertigung von Festplatten bis 2005 rund alle 16 Monate verdoppelt. Seither wächst die maximale Festplattenkapazität für den Privatgebrauch etwas langsamer. In historischen Maßstäben betrachtet ist die Entwicklung der Computertechnologie allerdings atemberaubend bis irrsinnig schnell.


Das wird einem besonders bewusst, wenn man sich vor Augen führt, dass die erste Festplatte überhaupt erst im Jahre 1956 in Betrieb genommen wurde. Das Festplattenlaufwerk IBM 350 maß 1,73 Meter in der Höhe, 1,52 Meter in der Breite und 74 Zentimeter in der Tiefe und enthielt 50 Aluminiumplatten von jeweils 61 Zentimeter Durchmesser, die in dem Monstrum mit 1200 Umdrehungen pro Minute rotierten. Diese Festplatte von der Größe eines soliden Schlafzimmerschrankes fasste insgesamt 5 Megabyte, also in etwa die Speichermenge, die heute ein ordentliches digitales Foto benötigt. 


60 Jahre später gibt es USB-Sticks mit einer Speicherkapazität von einem Terabyte, die man als Schlüsselanhänger bei sich tragen kann. Umgerechnet auf die Größe der ersten Festplatte, wären das 209 715 dieser Schlafzimmerschränke.»

Top