20.03.2017   von rowohlt

Wie ein Leben gelingt. Wie ein Leben scheitert

Schuld, Sühne, Gefängnisalltag: Steffen Schroeders Begegnung mit einem Mörder

© Francesco Sambat/Eye Em/Getty Images; Chris Clor/Getty Images; Anne Heinlein
© Francesco Sambat/Eye Em/Getty Images; Chris Clor/Getty Images; Anne Heinlein

2013 stehen sich Steffen Schroeder und Micha im Gefängnis Berlin-Tegel zum ersten Mal gegenüber. Ein Gespräch über ihre schwierige Jugend bringt sie einander näher, bei allen Unterschieden: Schroeder wurde Schauspieler, Micha rutschte ins rechte Milieu ab, brachte einen Menschen um. Es beginnt eine besondere Beziehung: Schroeder, bekannt als Kommissar Kowalski in der ZDF-Serie «SOKO Leipzig», wird Vollzugshelfer des lebenslänglich Verurteilten. Er lernt den Gefängnisalltag kennen, erfährt von Rangordnungen, Drogen, Ausbruchsversuchen; über die Jahre dringt er immer tiefer in Michas Geschichte ein. Und sieht sich selbst und sein Leben in neuem Licht: Was unterscheidet ihn eigentlich von Micha? Und welche Entscheidungen und Wendepunkte führen überhaupt dazu, dass ein Leben gelingt oder scheitert?

DAS INTERVIEW


Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie beschlossen, Vollzugshelfer zu werden?
Anfang 2013 erhielt ich bei einer Benefizveranstaltung ein Honorar, das ich für einen guten Zweck meiner Wahl spenden sollte. Ich wollte, dass es etwas mit meiner Arbeit, mit meiner Rolle als Kriminalkommissar in SOKO Leipzig zu tun hat – also mit Kriminalität, die es ja auch fern jeder Fiktion reichlich gibt. Eine Opferorganisation unterstützte ich bereits, also habe ich mich auf der Täterseite umgesehen und fand einen Verein für Straffälligenhilfe. Dort wurden auch Vollzugshelfer ausgebildet. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass es so etwas gibt.


Es gibt einige Parallelen zwischen Ihnen und Micha: Sie haben gleichaltrige Söhne, haben in der gleichen Straße gewohnt, und Sie waren als Jugendliche voller Wut auf die Welt ...
Im Grunde kommen wir beide aus gegensätzlichen Welten: Während ich aus sehr behüteten, gutbürgerlichen Verhältnissen stamme, ist bei Micha, der in einer von Gewalt geprägten Familie aufgewachsen ist, das Gegenteil der Fall. Ich denke sehr liberal, Micha ist ein ehemaliger Neonazi. Unter anderen Umständen wären wir uns vermutlich nie begegnet. Aber wir sind auch beide sehr emotionale Menschen, und wir haben inzwischen einiges gemeinsam erlebt, das uns verbindet. Davon erzählt mein Buch.


Man gewinnt den Eindruck, dass Sie sich in Micha sehr gut einfühlen können. Aber es gibt gewiss auch Punkte, in denen er Ihnen fremd und unerklärlich geblieben ist ...
Wenn ich richtig wütend bin, werde ich erst einmal sehr ruhig. Und wenn ich dann irgendwann platze, bin ich vielleicht mal laut, aber ich bin noch nie handgreiflich geworden. Micha hat schon als Kind lernen müssen, sich in vielen Situationen physisch zu wehren. Irgendwann hat ihm Gewalt keine Angst mehr gemacht, und dadurch wurde er besonders gefährlich. Ich versuche, mich in ihn hineinzuversetzen, so gut es mir möglich ist, aber das geht nur bis zu einem gewissen Punkt.


Wie präsent ist Ihnen bei Ihren Treffen, dass dieser zu Ihnen oft sehr freundliche Mann einen brutalen Mord verübt hat?
Natürlich denkt man daran nicht pausenlos. Aber wir reden häufig über seine Tat, dadurch ist sie in unseren Begegnungen sehr präsent. Im Laufe der Jahre habe ich ihn immer wieder dazu befragt, und seine Erzählung über jene Nacht hat sich mit der Zeit stark verändert. Er ist immer offener geworden. Für mich ist das ein gutes Zeichen: Es ist nicht einfach, sich solch eine große Schuld einzugestehen.

«Wenn man Tätern hilft, trägt man vielleicht dazu bei, dass es künftig weniger Opfer gibt»


Für Micha sind Sie das einzige Fenster zur Welt und damit eigentlich unverzichtbar. Wie empfinden Sie die ungleichen Voraussetzungen Ihrer Beziehung?
Ich trage eine sehr große Verantwortung. Das ist zum einen schön, man hat das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Auf der anderen Seite ist es aber manchmal auch belastend: zu wissen, dass man im Leben des anderen die einzige und wichtigste Bezugsperson ist.


Haben Ihre Begegnungen mit Micha Ihren Blick auf Ihren Alltag verändert?
Auf jeden Fall. Es gibt ein indianisches Sprichwort: «Urteile nicht über jemanden, bevor du nicht ein Jahr lang in seinen Mokassins gelaufen bist.» Daran muss ich oft denken.


Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihr Engagement?
Sehr unterschiedlich. Von sehr interessiert und beeindruckt bis völlig verständnislos ist alles dabei. Einige Menschen können es nicht nachvollziehen, warum man sich überhaupt mit einem Täter beschäftigt. «Warum kümmerst du dich nicht um die Opfer? », sagen sie. Aber wie gesagt, das tue ich ja bereits. Ich kenne inzwischen die Geschichten von vielen Tätern, und es gibt eine einzige Sache, die sie fast alle gemeinsam haben: Die meisten von ihnen sind früher auch Opfer gewesen. Das rechtfertigt selbstverständlich nicht ihre Taten, aber es zeigt mir, dass Opfer und Täter gar nicht immer so leicht zu trennen sind. Ich bin der festen Überzeugung: Wenn man Tätern hilft, trägt man vielleicht dazu bei, dass es künftig weniger Opfer gibt.


Was sagt Micha dazu, dass Sie ein Buch über Ihre Begegnungen schreiben? Treffen Sie ihn derzeit?
Natürlich, ich bin morgen wieder im Knast (lacht). Ihm hat meine Idee, ein Buch über uns zu schreiben, von Anfang an gefallen. Sonst wäre dieses Projekt auch gar nicht möglich gewesen. Dass er so mutig ist, dass ich über unsere Treffen so offen und ehrlich berichten darf, beeindruckt mich. Er sagt häufig, dass es ihm wichtig wäre, «etwas Gutes» zu tun. Und vielleicht ist dieses Buch ja ein kleiner Anfang.

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