15.09.2014   von rowohlt

Wie Dejima für David Mitchell zum Romanstoff wurde

«David Mitchells bislang mitreißendster Roman» (The New York Times).

© thinkstockphotos.de
© thinkstockphotos.de

Es ist ein Reich, das sich seit anderthalb Jahrhunderten von der Welt abschottet. Niemand darf hinaus, kein Fremder hinein. Und doch bietet ein schmales Fenster Einblick in diese nationale Festung: eine künstliche, ummauerte Insel in einem Hafen des Landes, bewohnt von einer Handvoll europäischer Händler. Das Land heißt Japan, der Hafen Nagasaki und die Insel Dejima, man schreibt das Jahr 1799. In diese ferne fremde Welt versetzt David Mitchell seinen Helden, den jungen Handelsangestellten Jacob de Zoet, der hofft, auf der von Geschäftemachern und zwielichtigen Gestalten bewohnten Insel sein Glück zu machen - und in ein wildes Abenteuer gerät …

Making of … «Die tausend Herbste des Jacob de Zoet»

Der Blog Tausendherbste entstand im Herbst 2012, als die Hardcover-Ausgabe von David Mitchells großem Epos erschien: ein spannender Einblick in die langwierige, komplexe und aufwendige Arbeit an einem Roman dieses Kalibers. Verfasst haben den Blog Kolleginnen und Kollegen des Rowohlt Verlags und andere, die an der Entstehung des Buchs, des Hörbuchs und des Buchtrailers beteiligt waren.


Hier erfahren Sie zum Beispiel, weshalb die Herstellerin als Grundschrift die Janson empfahl, eine holländische Barock-Antiqua («dem Schreiben mit der Breitfeder nachempfunden» und warum statt des üblichen hochweißen Textpapiers ein leicht gelbliches gewählt wurde. Ein längerer Text belegt eindrucksvoll, wie eng bei einem fakten- und anspielungsreichen Roman Lektorat und Übersetzer zusammenarbeiten müssen. Wie kommt es zu dem Werbemotiv, was passierte beim Dreh des Buchtrailers, welche Herausforderungen sind bei der Umsetzung des Stoffes als Hörbuch zu bewältigen – diese und andere interessante Fragen können Sie in aller Ruhe auf Tausendherbste nachlesen.


Dort finden Sie auch ein Interview mit David Mitchell – und einen Text, in der Autor erzählt, wie er durch einen Zufall in den Romanstoff förmlich hineinstolperte. Und was ihn daran so reizte, dass er sich zwölf Jahre an die Niederschrift des Romans setzte …


Wie David Mitchell 1994 seinen Romanstoff Dejima entdeckte

«Um Weihnachten 1994 herum stieg ich in Nagasaki an der falschen Haltestelle aus der Straßenbahn und stieß auf einen grünlichen Wassergraben und eine Ansammlung von Lagerhäusern aus einem früheren Jahrhundert. Dies war meine erste Begegnung mit Dejima, der entlegensten Handels-«Faktorei» der Niederländischen Ostindien-Kompagnie, ihrem exklusivsten Besitz und größten Stolz: Während der zweieinhalb Jahrhunderte der japanischen Isolationspolitik war diese von Menschenhand geschaffene Insel im Hafen von Nagasaki, nicht größer als der Trafalgar Square, die einzige Verbindung mit dem Westen gewesen. Nachdem die Japaner ab den Fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts andere Häfen für den internationalen Handel geöffnet hatten, kam Dejima herunter, doch nun ist eine vollständige Rekonstruktion im Gange.


1994 hatte ich als Schriftsteller noch nichts veröffentlicht, aber der Ort knisterte geradezu vor erzählerischem Potential, und zwölf Jahre später begann ich selbst, Dejima in einem Buch zu rekonstruieren, das nun unter dem Titel Die tausend Herbste des Jacob de Zoet erschienen ist. Dabei ging es mir nicht etwa darum, aus reinem Spaß an der Freude einen historischen Roman zu schreiben – dazu müsste man verrückt sein. Vielmehr konnte das Buch nur in diesem Genre geschrieben werden …»


Warum schreibt man einen historischen Roman?

«Die Motive von Schriftstellern sind ebenso vielfältig wie die von Verbrechern, aber ich vermute, dass in der Erbsubstanz des Autors oder der Autorin historischer Romane die Geek-Gene des Modellbauers enthalten sind – die penible Rekonstruktion einer verlorenen Welt kann durchaus Spaß machen. Ein zweiter Grund ist banal, wird aber meist übersehen: Ein Roman muss irgendwo und «irgendwann» spielen, und die Auswahl beschränkt sich auf die Gegenwart, die Zukunft und die Vergangenheit. Ein drittes Motiv ist die Herausforderung (und das perverse Vergnügen), die damit verbundenen Schwierigkeiten in Angriff zu nehmen, zuvörderst die Recherche. Filmemacher stellen reumütig fest, dass die Produktionskosten für jedes zusätzliche Filmzeit-Jahrzehnt in der Vergangenheit um x Millionen Dollar steigen. Beim Verfassen von Romanen gilt dasselbe Prinzip, aber statt Dollar lies «Monate».


Wer historische Romane schreibt, muss in Erfahrung bringen, wie die gewaltige Bandbreite menschlicher Bedürfnisse in der «Zielperiode» befriedigt wurde: Wie beleuchtete und beheizte man Räume? Wie wurden Mahlzeiten zubereitet, Kleider gefertigt, Füße beschuht, Entfernungen überwunden, Verfehlungen geahndet, Krankheiten erklärt; wie badete man (oder auch nicht), wie freite man seine Liebste, wie verhütete man, auf welche Weise wurden Gottheiten verehrt und Leichen entsorgt? Doch je mehr Notizbücher man mit den Früchten der Recherche füllt, umso entschlossener muss man sie verbergen: Sätze wie «Soll ich Jenkins bitten, die Phaeton-Kutsche vorzubereiten, oder würden Madame die zweirädrige Chaise mit dem Faltdach vorziehen?» sind tödlich. Und dann muss man sich Gedanken über die Sprache machen …»


Wie großartig David Mitchell das gelungen ist, erschließt sich allen Leserinnen und Lesern spätestens dann, wenn sie sich dem ruhigen Erzählfluss überlassen, sich von ihm treiben lassen. So zumindest ist es einer «frühen» Leserin des Romans gegangen, Dorothee Hartmann von KERN Büro & Buch: «Ich bin hingerissen. Es ist ein Buch der Entschleunigung, und ich habe auch die ersten fünfzig Seiten gebraucht, bis ich gefesselt und fasziniert war. Wie Jacob braucht der Leser Zeit, um in diese völlig fremde Welt einzutauchen und das Tempo des Romans anzunehmen. Aber dann, welche Wonne! Ich fand es unerhört klug, wie Mitchell mit Sprache und Übersetzung, mit kultureller Identität und bornierter Ignoranz (auf beiden Seiten) umgeht. Und das alles, ohne lehrhaft zu werden …»


Top