17.06.2016   von rowohlt

«Was haben Sie getan, dass Gott Sie so bestraft?»

Gegen den Schmerz und die Sprachlosigkeit anschreiben: Stefan Krauths «Erinnerung an Cecilia und Emil» geht unter die Haut

© privat
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Stefan Krauths autobiografisches Buch «Stummer Abschied» erzählt vom Verlust und dem Abschied von zwei geliebten Menschen. Ein Jahr nach dem plötzlichen Tod seiner Frau Cecilia erkrankt auch der 18 Monate alte Sohn Emil lebensbedrohlich. Wenige Monate später stirbt er, wie seine Mutter, an den Folgen eines Hirntumors. Wie kann man nach einem solchen doppelten Schicksalsschlag überhaupt weiterleben? Wie schafft man es, sich von der lähmenden Trauer nicht für immer zu Boden drücken zu lassen? Wie – und wann – findet man in ein halbwegs normales Leben zurück? «Stummer Abschied» ist eine schmerzhafte, eindringliche Lektüre, die man so schnell nicht vergessen wird.


Krauth ist nach dem Tod seiner Frau allein für Emil verantwortlich. Noch in der Nacht von Cecilias Tod lernt er, ihm das Fläschchen zuzubereiten. Die Versorgung des Jungen nimmt ihn voll in Anspruch. «Meine Haltung war mir keine Flucht und keine Abwehr, vielmehr wusste ich mich in der Notwendigkeit, den Alltag mit Emil zu bewältigen, und diese Notwendigkeit ließ mir wenig Raum für die Freude an ihm, und vielleicht auch wenig Raum, um an Cecilia zu denken.» 

«Um ihre Augen lag eine Müdigkeit, die nicht verging»

«Ich verließ ein Berlin, in dem Emil noch nichts wusste von jenem Makel, ohne Mutter aufzuwachsen, und vor dem ich ihn beschützen wollte.» Er verlässt die Stadt, in der er nach Cecilias Tod immer bloß den nackten Alltag vor Augen hatte. Er lässt die Wohnung hinter sich, in der sie als Familie gelebt haben, «kalt, dunkel, verlassen und mit all der Geschichte beladen» – und geht mit Emil auf Reisen.


Den Herbst verbringen sie in New York, bis es sie weiterzieht. Mit Wintereinbruch fahren sie die Ostküste herunter Richtung Südstaaten – wie auf der Flucht vor einem Eissturm, der ihnen nachzueilen scheint. Schließlich fliegen sie über Miami nach Kolumbien: zu Lélia, einer Freundin. Die drei ziehen sich in die Stille und Abgeschiedenheit von Salento zurück, einem Dorf auf der Ebene eines Bergrückens am Westhang des zentralen Andenmassivs. 


Unterwegs ist Cecilia immer präsent. Ihre Stimme, ihr Lachen,  ihr Leben, ihr Tod. Mit jeder neuen Station der Reise wird ihm die Endgültigkeit ihres Todes bewusster. «Emil war auf  einmal ganz ruhig in meinen Armen und ließ mich meinen Blick wieder über die Täler lenken. In der folgenden Stille auf dem Felskegel konnte ich erstmals, da alle Menschen, unsichtbar in den fernen Tälern und Ebenen, ohnehin nur in meiner Vorstellung existierten, Cecilia als tot denken, und ihr Tod wurde mir wirklich.» Gleichzeitig helfen die neuen Erfahrungen mit Emil, Schritt für Schritt auf einen neuen Lebensabschnitt zuzugehen. Die Bindung zwischen Vater und Sohn wird immer inniger, während sie «heimatlos» und losgelöst vom Alltag durch Kolumbien streifen.  

«‹Jetzt gibt es nur noch dich und mich›, wollte ich ihm ins Ohr flüstern»

Doch bald kündigt sich Emils Krankheit mit ersten Anzeichen an: sein Gang wird unsicherer, oft verspannt sich sein Körper, wie von einem inneren Schmerz geschüttelt. Und immer häufiger erbricht er. Als sein Zustand sich massiv verschlechtert, fliegt Krauth mit seinem Jungen von Bogotá nach Berlin zurück, um ihn dort behandeln zu lassen. Nach den ersten Untersuchungen in der Berliner Charité die schreckliche Erkenntnis: Für Emil wird es keine Besserung mehr geben. Er wird sterben, wie Cecilia Monate zuvor. 


Für den kleinen Jungen sind die folgenden Wochen eine Tortur. Mehrere Operationen, dann Chemo. Radiologie, Station 30i der Kinderonkologie. «Und da lag er nun in einem Einzelzimmer, in einem zu großen Kinderbett, bekleidet mit einem Krankenhaushemdchen (fremde Hände mussten ihn umgezogen haben), umgeben von Kabeln und Schläuchen, kurz unter Kopfhöhe ein Behältnis, in das langsam Hirnflüssigkeit abfloss, über ihm ein Monitor, der kontinuierlich Sauerstoffsättigung, Blutdruck und Puls darstellte, in drei verschiedenen Farben, Blau (Sauerstoffsättigung), Rot (Blutdruck) und Orange (Puls).»


Tag für Tag verliert Emil Gewicht; die Situation ist hoffnungslos, die letzte Phase eingeläutet. «Über all die Wochen kauerte oder lag Emil auf mir; sein rechter Arm umschlang meinen Hals, und obschon er zu schlafen schien, streichelten seine Finger mein linkes Ohr, als wollte er mir sagen: ‹Ich bin da, ich passe auf dich auf.› Eine Freundin brachte Emil eine aufgeschnittene Mango, und ich wollte Emil davon reichen, er aber nahm mir die Stückchen aus der Hand und führte sie mir in den Mund.» Krauth weicht nicht mehr von Emils Seite, bis zu seinem letztem Atemzug. «In der Nacht war er unruhig. Ich hob ihn aus seinem Bett und legte ihn unter der Bettdecke auf meinen Oberkörper. Seine dürren Beine drückten auf meine Hüftknochen. Er wimmerte und warf seinen Kopf hin und her, ich streichelte seinen Kopf. In dieser Nacht wusste ich, dass er bald sterben würde; der Tod wachte stumm neben uns.» 


Kurz darauf ist Emil tot. Und Stefan Krauth ein Mann, der in kürzester Zeit fast alles verloren hat: seine Frau, sein Kind. Und ein großes, wichtiges, schönes Stück Leben.


Text: Agnes Zweier

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