01.10.2015   von rowohlt

Warum und worüber wir lachen

Haben Pointen ein Verfallsdatum? Jim Holt über das, was einen guten Witz ausmacht

© Anzinger/Wüschner/Rasp, München
© Anzinger/Wüschner/Rasp, München

«Kennen Sie den schon?» von Jim Holt  ist ein wunderbar amüsanter und geistreicher Streifzug durch die Geschichte des Humors: von den Spaßvögeln aus dem antiken Griechenland über die Witzesammler der Renaissance bis zu den Sprücheklopfern von heute.


Wir dokumentieren einige Passage aus Jim Holts Geschichte und Philosophie des Witzes.

«Der unanständige Witz»: eine Inspirationsquelle

«Als ich vor ein paar Jahren in einem verstaubten Antiquariat in Maine herumstöberte, stieß ich auf ein merkwürdiges Buch. Es war ein voluminöses, zerfleddertes Taschenbuch mit dem Titel ‹Der unanständige Witz. Theorie und Praxis›. Sein Autor, wie ich auf dem futuristischen Sechziger-Jahre-Cover lesen konnte, hieß G. Legman.


Als ich es vom Regal nahm und die ziemlich vergilbten Seiten durchblätterte, sah ich, dass es offenbar Tausende erotische und skatologische Witze enthielt, in Rubriken wie «Beischlafstellungen», «Phallische Prahlerei» und «Zoophilie» geordnet. Die Witze waren mit freudianisch anmutenden Kommentaren versehen, und hier und da wurden kritische Bemerkungen über Aspekte des gesellschaftlichen Lebens in den Sechzigern eingestreut, wie etwa Postleitzahlen, Hippies, fluchende Frauen und Marshall McLuhan. (…)


Einige Monate später, am Ende des Winters 1999, las ich in den Traueranzeigen der New York Times, dass Gershon Legman, ein «autodidaktischer Gelehrter des unanständigen Witzes», im Alter von einundachtzig Jahren in Südfrankreich gestorben war, wo der gebürtige US-Amerikaner in einer Art freiwilligem Exil gelebt hatte.


Der Bezeichnung «autodidaktischer Gelehrter unanständiger Witze» mag womöglich auch etwas Scherzhaft es anhaften. Ist dies wirklich ein Wissensgebiet, auf dem Forschung angemessen oder nützlich ist? Gut, Witze gehören in den Bereich der Folklore, zusammen mit Mythen, Sprichwörtern, Legenden, Kinderreimen, Rätseln und Aberglauben.

Pointen und Peinlichkeiten

Und ein ganz erheblicher Prozentsatz der Witze, die man sich so erzählt, hat mit Sex und den körperlichen Ausscheidungen zu tun. (Eine Analyse von 13 804 Witzen, die 1963 in New York zirkulierten, brachte an den Tag, dass 17 % von Sex und 11 % von «Negern» handelten.) Wenn die Geschichte der Folklore den Anspruch erhebt, eine Geschichte der menschlichen Vorstellungen zu sein, wie einige ihrer Vertreter behaupten, dann muss sich jemand die Mühe machen und obszöne, eklige und blasphemische Witze sammeln, aufzeichnen und in den Druck befördern.


Wir neigen dazu, den Witz als eine kulturelle Konstante zu betrachten, doch er ist eine Spielart des Humors, die mit dem Aufstieg und Fall von Zivilisationen einhergeht. Was den Witz von einer bloß humoristischen Erzählung unterscheidet, ist, dass er in einer Pointe gipfelt – einem kleinen verbalen Feuerwerk, das von einem plötzlichen Bedeutungswandel in Gang gesetzt wird.

Bulimische Junggesellenabschiede, clevere Barkeeper

Anders als eine Erzählung will ein Witz kurz sein. Wie es bei Freud heißt, sagt der Witz, was er sagt, nicht immer in wenig, aber immer in zu wenig Worten. Natürlich gibt es auch längere Witzformate wie den sogenannten «langatmigen» oder «surrealistischen Witz», bei dem Abschweifungen und Ausschmückungen die Pointe geradezu qualvoll hinauszögern.


Aber der klassische Witz schreitet pfeilschnell voran und löst seine Aufgabe in Form eines Zweizeilers (Habt ihr von dem bulimischen Junggesellenabschied gehört? Die Torte sprang aus dem Mädchen) oder gar eines Einzeilers (Als ich geboren wurde, war ich so hässlich, dass der Arzt meiner Mutter eine gelangt hat). Oft wird er schon durch den formalisierten Auftakt angekündigt, der dann sogar selbst zum Gegenstand eines Meta-Witzes werden kann (Ein katholischer Priester, ein Rabbi und ein evangelischer Pfarrer kommen in eine Bar. Sagt der Barkeeper: «Was soll das werden? Ein Witz?»).

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