04.12.2015   von rowohlt

«Wann ist ein Mensch illegal? Ist es illegal, wenn er sich zu retten versucht?»

«Dieses Europa erstickt nicht, wenn es Kriegsflüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Dieses Europa erstickt, wenn es sie nicht aufnimmt: Es erstickt dann an seinem Geiz, an seinen nationalen Egomanien und an seiner Heuchelei.» (Heribert Prantl)

© iStockphoto.com
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In Deutschland war Ferienzeit, die Politik befand sich im Sommerurlaub, als sie kamen: Zehntausende, Hunderttausende Menschen, die in unser Land wollten. Menschen auf der Flucht vor Krieg und Tod, vor Ausgrenzung und Vergewaltigung, vor Armut und Zukunftsangst. Der von der Panorama- und Zapp-Moderatorin Anja Reschke herausgegebene Sammelband «Und das ist erst der Anfang» liefert Orientierung und Hintergrundwissen zu einer Entwicklung, die wie keine andere das Leben im 21. Jahrhundert prägen wird. Knapp 30 Artikel, verfasst von Autorinnen und Autoren, die sich seit Jahren mit Flucht und Vertreibung, Asyl und Integration beschäftigen.


Am 5. August 2015 sprach Anja Reschke einen Kommentar in den ARD-Tagesthemen. Als Panorama-Moderatorin ist sie an kritische Briefe und Kommentare gewöhnt. Als sich die öffentliche Debatte aber immer mehr um Flüchtlingsthemen zu drehen begann, wurden die Reaktionen härter, unerbittlicher, hasserfüllter. Die Verrohung der Sprache («verjagen, verbrennen, vergasen»), die Abstumpfung der Gefühle – das war das Thema ihres Tagesthemen-Beitrags. «Nie im Leben hätte ich gedacht, dass dieser Kommentar eine derartige Wirkung entfalten würde, aber er traf anscheinend einen Nerv. Er wurde sogar international beachtet, ins Dänische, Italienische, Englische, Holländische übersetzt. Anscheinend war die Zeit reif für klare Worte gewesen.»


Hier in Kürze ein Überblick über Beiträge des aktuellen Sammelbandes:

Warum Menschen zu uns kommen und was das für unsere Gesellschaft bedeutet

Und das ist erst der Anfang: Wo Herzen und Häuser brennen – Anja Reschke über ein Land zwischen «Willkommenskultur» und Fremdenfeindlichkeit.


«Refugees welcome!» … ? Spiegel-Reporter Maximilian Popp analysiert die Schlingerfahrt des politischen und medialen Diskurses zwischen Angela Merkels Silvesteransprache 2014 und der verschärften Situation im Spätherbst 2015.


Vom Leben im Exil: Was Flucht und Exil selbst nach Jahrzehnten mit einem Menschen machen kann, beschreibt eindringlich der 1965 aus dem Iran geflohene Schriftsteller Bahman Nirumand.


Warum? Woher? Wohin? «Wir können nicht die ganze Welt retten» (Markus Söder, CSU). Wir? Gabriele Gillen belegt, dass Deutschland bei der Bereitschaft, Vertriebenen eine Bleibe zu bieten, in Relation zur Einwohnerzahl «einen erbärmlichen 50. Platz» belegt. Ganz vorne: Libanon, Jordanien, Nauru, Tschad. Über Fluchtgründe, Panikmache und Ressentiments gegen Armutsflüchtlinge.


Syrien. Ein Land in Auflösung: Die Nahost-Expertin Kristin Helberg erklärt, was in den letzten vier Jahren in Syrien passiert ist und weshalb Millionen Syrer auf der Flucht sind.


«Geh auch du!» Warum Zehntausende vom Balkan nach Westen wandern: Norbert Mappes-Niedeck und Dušan Reljic über sog. «Armutsflüchtlinge».


Der Schnee von gestern ist die Flut von heute: Die Publizistin Daniela Dahn geht der historischen Verantwortung des Westens für die Flüchtlinge nach.


Die Kraft der Bilder. Zeit-Autor Mohamed Amjahid analysiert die Kehrseite der Willkommenskultur.

«Nach der Angst ist vor der Angst»

«Für eine Flucht nach Europa fehlt uns das Geld. Und der Mut»: Hasnain Kazim, Spiegel-Korrespondent in Istanbul, lässt keinen Zweifel an der zentralen Rolle der Türkei bei der «Bewältigung» der großen Wanderbewegung von Ost nach West.


«Sorry, Sir, there's no other ship»: Ingo Werth, Kapitän des privaten Rettungsschiffs Sea Watch, schildert in einer eindringlichen Reportage die Rettungsmission seiner Crew im Mittelmeer.


Nach der Angst ist vor der Angst: Die taz-Journalistinnen Simone Schmollack und Saskia Hödl beschreiben die Gefahren, denen Frauen, Kinder und Jugendliche auf der Flucht ausgesetzt sind.


Die Satten und die Hungrigen: Herfried Münkler analysiert die Folgen der jüngsten Migrationswelle für Deutschland und Europa.


«Die Volksfront von rechts»:  Vom Netz auf die Straße und zurück – Patrick Gensing, Experte für Rechtsextremismus, über die Radikalisierung von NPD, AfD und Co.


Es kommen Menschen, gebt ihnen Arbeit: Thomas  Straubhaar, Professor an der Universität Hamburg, erläutert die ökonomischen Aspekte der gegenwärtigen Flüchtlingszuwanderung.


Ausblick: Vier Beiträge über die Perspektiven einer guten europäischen Flüchtlingspolitik.


Weitere Beiträge: über Schlepper, Abschiebungen, die Festung Europa und den Stand des Asylrechts in der EU. Beeindruckende Bilder des Fotografen Martin Lilkendey runden den Band ab. Für jedes verkaufte Buch geht 1 Euro an die Flüchtlingshilfe.

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