05.10.2016   von rowohlt

Wandlitz, Haus Nr. 24

Vergessene Orte, deutsch-deutsche Vergangenheit: Krimiautor Thomas Nommensen im Interview

© Thomas Nommensen
© Thomas Nommensen

An einem eiskalten Frühwintertag wird auf einem verwilderten Friedhof in Berlin-Buch eine Leiche gefunden. Hauptkommissar Arne Larsen nimmt zusammen mit seiner Kollegin Mayla Aslan die Ermittlungen auf, doch die Spuren sind alles andere als eindeutig. War es Mord, oder sollte ein Suizid vertuscht werden? Und wie sind die Hinweise auf ein angeblich geheimes Haus Nr. 24 in der Waldsiedlung von Wandlitz zu werten? Gleichzeitig spielen sich seltsame Dinge an einer Berliner Grundschule ab: Ein Mädchen kritzelt mehrfach «Hilfe» in sein Aufsatzheft, und eine Lehrerin fürchtet ihre Schüler. Aber wie hängt das alles mit der toten Frau zusammen?  

Das Interview

Bereits im zweiten Band der Reihe um Hauptkommissar Arne Larsen lassen Sie diesen von Schleswig-Holstein nach Berlin umziehen. Ist das nicht ein gewagter Schritt?
Larsen hat in seinem ersten Fall («Ein dunkler Sommer») einige einschneidende Erlebnisse zu verdauen gehabt, die den Entschluss, seine Versetzung zu beantragen, forciert haben. Gleichzeitig hat es ihn aber auch gereizt, neue Erfahrungen zu sammeln und der provinziellen Enge seines bisherigen Einsatzortes zu entfliehen. In «Wintertod» agiert Larsen allerdings nicht nur in Berlin, der aktuelle Fall treibt ihn auch nach Brandenburg. Und überall scheint er auf geheimnisvolle, fast vergessene Orte zu treffen.


«Geheimnisvolle Orte» – ein gutes Stichwort. Warum ausgerechnet dieser alte, stillgelegte Friedhof im kaum bekannten Stadtteil Buch als Fundort einer toten Frau?
Der Alexanderplatz und der Prenzlberg spielen im Roman auch eine Rolle, aber ich habe nun mal ein ausgesprochenes Faible für das eher Unbekannte. Für Orte, die fast vergessen sind. Ein Friedhof steht ja an sich schon für Vergänglichkeit, doch dieser stirbt selbst: Die Gräber verwildern, keine Besucher mehr, ein geweihtes Stück Erde, das nur noch auf seinen eigenen Tod – die Umwandlung in einen Park wartet und glaubt, bis dahin seine Geheimnisse für sich bewahren zu können. Der Friedhof Pankow XI liegt an der Grenze zu Brandenburg und ist nur wenige Minuten von einer ehemaligen Stasiklinik entfernt, die ebenfalls eine große Rolle spielt.


«Hauptkommissar Arne Larsen klemmt sich die Taschenlampe zwischen die Zähne, lässt sich auf die Knie fallen und beginnt mit beiden Händen Laub und Erde von dem Grab zu schaufeln. Ohne Pause arbeitet er, und erst als er so viel freigelegt hat, dass es keinen Zweifel mehr gibt, richtet er sich auf. Schüttelt den Kopf. Blickt auf seine Hände, die eiskalt sind und vor Dreck starren. Nur langsam sickert die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass er jetzt endlich aufhören muss, dass er mit seinem Eifer womöglich schon zahlreiche Spuren zerstört hat. Er greift ihn die Tasche, zieht das Mobiltelefon hervor und wählt die Nummer des Kriminaldauerdienstes.»

Wandlitz, Waldsiedlung

In «Wintertod» führen Spuren in die Vergangenheit, zur Waldsiedlung der DDR in der Nähe von Wandlitz. Hat Arne Larsens zweiter Fall also auch eine politische Komponente?
Nein, nicht direkt. Die Waldsiedlung hat mich vor allem wegen der dort herrschenden speziellen Lebensbedingungen und ihrer historischen Bedeutung gereizt. Zu DDR-Zeiten wohnten hier ja die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros des ZK der SED mit ihren Familien, abgeschirmt in einem sogenannten «inneren Ring». Der weniger gesicherte äußere Ring war dagegen den Bediensteten vorbehalten. Es gab einen Kindergarten, eine Schwimmhalle, ein Klubhaus – fast eine kleine Stadt, doch die Menschen darin begegneten sich mit großem Misstrauen. Ein normales Miteinander existierte nicht. Ich habe mich gefragt, was wohl aus den Kindern wurde, die hier ohne vernünftige Sozialisierung aufwuchsen. Was, wenn eines von ihnen psychische Defizite entwickelte? Brachte man es dann fort oder versteckte man es vor der Öffentlichkeit? So entstand die Grundidee für das Haus Nr. 24 in meinem Roman.


«Manchmal denke ich, dass es davor nichts gab. Vor diesem Tag. Dass mein Leben erst begann, als ich in das Haus kam. Haus 24. Ein doppelstöckiges Gebäude. Grau, ein steiles blassrotes Ziegeldach. Nichts unterschied es auf den ersten Blick von den anderen 23 Wohngebäuden im Innenring – nichts außer der Tatsache, dass es eigentlich nicht existierte. Nicht existieren durfte.»

Ein unheimlicher Ort: das Stasi-Krankenhaus an der A114


Nahe dem Autobahnzubringer A114 befinden sich in einem Waldstück zwei Klinikruinen dicht nebeneinander. Das eine ist das ehemalige DDR-Regierungskrankenhaus, in «Wintertod» spielt aber die andere Klinik eine Rolle.
Ja, dabei handelt es sich um das Krankenhaus des Ministeriums für Staatssicherheit. Schon zu DDR-Zeiten ein geheimer Ort, denn ohne Passierschein kam man nicht rein. Wen wundert es also, dass sich bereits damals allerlei Mysterien um die Klinik rankten. Von verbotenen medizinischen Versuchen war die Rede und auch die Mär, die Ärzte würden ihr Gehalt in Westwährung erhalten, hält sich hartnäckig. Natürlich hat es dort auch Bunker gegeben, damit im Kriegsfall eine medizinische Versorgung möglich ist. Ein wunderbarer Ort also für eine Krimihandlung – mehr kann ich, ohne zu viel zu verraten, leider nicht darüber erzählen. 


«Trostlos, das ist der Begriff, der Larsen in den Sinn kommt, als der Wald zurückweicht und den Blick auf die Bauten freigibt. Trostlos, aber ganz und gar nicht harmlos. Hat er bei dem ersten Klinikgelände noch den Eindruck gehabt, es wäre sanft in einen Schlaf gefallen, so ruft das zweite Areal mit seinem lang gestreckten Hauptrack bei ihm eindeutig Unbehagen hervor. Unter der betongrauen Hülle scheint etwas Böses zu lauern und nur darauf zu warten, dass sie sein Territorium betreten.»

Copyright (Bildergalerie):


(1) Thomas Nommensen; (2) Mazbln - taken by User:Mazbln, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=308548; (3) Womarek - Benutzer:Womarek, CC BY-SA 3.0, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=6561188; (4) Ranofuchs - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11537604; (5–7) Mit frdl. Genehmigung von Torsten Horst (https://www.flickr.com/photos/ledonaldist/)


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