25.11.2015   von rowohlt

Vom «Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit»

Das Porträt einer dramatischen Epoche: Steffen Martus' große Geschichte der Aufklärung

© iStockphoto.com
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Ohne die Aufklärung im 18. Jahrhundert sähe unsere Welt anders aus. Farbig und in beeindruckender Fülle zeichnet Steffen Martus das Bild eines doppelgesichtigen Zeitalters zwischen Friedenssehnsucht und patriotischer Kriegsverherrlichung, wissenschaftlicher Strenge und Schwärmerei für Okkultismus und Geisterseherei. «Martus stellt die Aufklärung mit Aplomb vom ideellen Kopf auf die historischen Füße.» (FAZ)


Der Autor: Steffen Martus lehrt als Professor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Biographie der Brüder Grimm war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2010 nominiert. «Ein herrliches Buch … Diese Biographie öffnet eine geistige Landschaft.» (Berliner Zeitung über «Die Brüder Grimm») 2015 wurde Steffen Martus für sein wissenschaftliches Werk mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis ausgezeichnet.


Hier einige zentrale Passagen aus der Einleitung zu Steffen Martus' über 1000-seitiger Studie – über Immanuel Kant, um dessen Aufklärungsdefinition bis heute kein Abiturient herumkommt. Das hier wäre mal eine richtig schöne Abifrage: War Kant vor allem ein «begnadeter Werbetexter» und Marketingprofi? Kant, so jedenfalls Martus in seinem Opus magnum, habe gezielt am «Gedankenmarketing» gearbeitet, um sich «populär zu machen …»

Die Entdeckung der Unmündigkeit


«Seine Zeitgenossen verhielten sich Kant gegenüber sehr viel skeptischer. Als Philosoph war er 1784 höchst umstritten. Drei Jahre zuvor war die Kritik der reinen Vernunft erschienen; Kant selbst glaubte fest daran, dass er die Metaphysik damit von Grund auf revolutioniert hatte. Diese philosophische Revolution geschah jedoch zunächst im Stillen. Das Publikum reagierte zurückhaltend. Einige nahmen das Buch schlicht nicht zur Kenntnis; andere registrierten das Werk mit einer gewissen überforderten Abneigung; wieder andere bedachten es mit überheblichem Tadel. Die Göttinger Anzeigen von gelehrten Sachen, eine der renommiertesten Zeitschriften der Epoche, machten im Januar 1782 den Anfang. Die Kritik der reinen Vernunft, so lautete der zentrale Vorwurf kurz und knapp, widerstreite dem ‹gesunden Menschenverstand›. Man hatte Kants Pointe nicht verstanden, oder man wollte sie nicht verstehen.


Die ersten Leser reagierten deswegen so verständnislos auf die Kritik der reinen Vernunft, weil Kant die Aufklärung mit seinem gesamten intellektuellen Habitus brüskierte. Die Aufklärung bediente sich aus vielen Quellen, da sie dem Prinzipiellen zunehmend misstraute; Kant entfaltete seine grundlegenden Argumente mit dem gnadenlosen Willen zum System. Der Aufklärung genügte in der Regel der common sense als Versicherung gegen jede Form der gedanklichen Radikalität; Kant blickte abschätzig auf den gesunden Menschenverstand.


Die Aufklärung hatte die Sinnlichkeit und die Erfahrung philosophisch geadelt; Kant interessierte sich für den Eigensinn der Verstandeskräfte. Und während die Aufklärung mit dem Versprechen angetreten war, dass der Mensch von Natur aus dazu neige, die allgemeine Glückseligkeit zu fordern, erkannte Kants Pflichtethik die Größe des Menschen darin, dass dieser sich gegen seine Neigungen zu entscheiden vermöge. Somit fiel den Zeitgenossen die destruktive Komponente an Kants Kritik sehr viel mehr auf als die konstruktive – nicht umsonst nannte Moses Mendelssohn ihn den ‹alles zermalmenden›.

Polemik gegen intellektuelle Bequemlichkeit


In einem Punkt schwenkte Kant jedoch auf die Linie der Aufklärung ein: Er erkannte das Problem, dass vernünftige Argumente nicht notwendigerweise von sich aus überzeugen. Daher arbeitete er am Gedankenmarketing und machte sich populär. Mit seinen Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können reagierte er im April 1783 auf die schleppende Rezeption seiner ersten ‹Kritik› und versuchte, sein Anliegen in einer überschaubaren, leichter fasslichen Form darzubieten. Zu weiteren Popularisierungsmaßnahmen zählten dann auch die Beiträge, die Kant seit 1783 parallel zu den Prolegomena regelmäßig in der Berlinischen Monatsschrift veröffentlichte.


Seine Beantwortung der Aufklärungsfrage machte mit der Polemik gegen intellektuelle Bequemlichkeit gewaltig Stimmung zugunsten der ‹kritischen› Philosophie: Wer sich bei der Lektüre der Kritik der reinen Vernunft zu wenig Mühe gab und kapitulierte, der musste sich nun den Vorwurf gefallen lassen, zu den ‹faulen› Denkern zu zahlen. Kant klagte seine Zeitgenossen an, weil sie sich wie dummes ‹Hausvieh› behandeln ließen, und dies auch noch gern: «Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt, u.s.w. so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.›


Kant zog über Schriftsteller und Gelehrte, Theologen und Ärzte her. Aber waren dies nicht genau jene Berufsgruppen, die die Berlinische Monatsschrift mit Beiträgen versorgten? Die meisten Aufklärer waren vermutlich schon froh gewesen, wenn die Menschen sich tatsächlich in der von Kant angeprangerten Unmündigkeit eingerichtet hatten: wenn sie gern ein gutes Buch zur Hand genommen hatten, das ihnen im Leben weiterhalf; wenn sie Teil einer Gemeinde gewesen waren, deren Pfarrer die Seelenruhe nicht mit Donnerworten störte, sondern von einer angenehmen und nützlichen Schöpfungsordnung predigte; wenn sie sich an den Ratschlag eines kenntnisreichen Arztes gehalten hatten, der für ihr körperliches Wohlbefinden sorgte. Diese Aufklärung orientierte sich an den natürlichen Bedürfnissen der Menschen und hielt es daher für ein gutes Zeichen, wenn diese Freude und Vergnügen empfanden, zufrieden waren und sich wohl fühlten.

Kant – rabiat im Meinungskampf


Ganz anders Kant: Das intellektuelle Leitbild der Aufklärung war die offene Bewegung des Spaziergangs in anmutiger Umgebung, dasjenige der Kant’schen Philosophie die akkurat geplante Reise auf ‹dornichtem Weg›. Diese Marschroute wirkte nicht auf Anhieb attraktiv. Dass Kant rhetorisch so sehr auftrumpfte, war also nicht nur seiner Leidenschaft für die Sache geschuldet. Er reagierte auf den Überzeugungsnotstand, unter dem seine philosophische Revolution anfangs litt, weil er verstanden hatte, dass Argumente nur dann verfangen, wenn die Menschen dafür bereit sind: wenn ein Problem überhaupt gesehen wird und den Eindruck erweckt, dass es sich mit einer gewissen Dringlichkeit stellt; wenn der Bedarf an neuen Lösungen erkannt und anerkannt wird; und wenn man willens ist, Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren, um sich auf ein Gedankenangebot einzulassen. Für all dies konnten Argumente selbst nicht sorgen.


Kant gab seinen Formulierungen daher jenen eleganten Schwung, der gerade die Beitrage zur Berlinischen Monatsschrift auszeichnet; er popularisierte seine Überlegungen und machte Zugeständnisse an die Neigungen seiner Zeitgenossen, an ihre Gewohnheiten und Vorlieben; er drehte an den Stellschrauben des Medienbetriebs, lancierte Rezensionen oder haute selbst unliebsame Gegner in die Pfanne, um für gute oder schlechte Stimmung zu sorgen; und er verfolgte über Jahre hinweg eine Strategie der kleinen Maßnahmen, bis sich das Meinungsklima zu seinen Gunsten verändert hatte. Dieser Zeitpunkt war 1784 mit der Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? erreicht. Von da an konnte man Kant nicht mehr ignorieren. Man musste ihm gegenüber Stellung beziehen. Ob er freilich als Sieger vom philosophischen Kampfplatz gehen würde, war nach wie vor offen. Noch immer stellte sich die Frage, die das ganze 18. Jahrhundert insgeheim bewegt hatte: Wie klärt man die Menschen so auf, dass sie aufgeklärt sein wollen? (…)»

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